Eine Betrachtung der Miniserie »The Plot against America«

Die Tücken des historischen Konjunktivs

Die »The Wire«-Produzenten David Simon und Ed Burns haben aus Philip Roths Roman »Verschwörung gegen Amerika« eine Miniserie gemacht. Sie ist unschwer als Kommentar auf Trumps Amerika zu erkennen, obwohl die Produzenten das dementieren.

Es ist nicht einfach, die Romane des 2018 verstorbenen Schriftstellers Philip Roth für ein audiovisuelles Medium zu adaptieren. In den meisten Fällen nämlich entfalten dessen Bücher ihre Anschaulichkeit und psychologische Komplexität durch das literarische Spiel zwischen der beschränkten Perspektive der Figuren einerseits und der umfassenden Aufmerksamkeit des Erzählers andererseits, das sich im Film nur durch ein oft allzu sehr in den Vordergrund rückendes Voice-over imitieren lässt. Zudem gehören die jeweiligen Stimmen seiner Protagonisten – Portnoy, Zuckerman, Kepesh – oft gebrochenen und zuweilen äußerst unzuverlässigen Zeitgenossen, was Ungewissheiten erzeugt, die sich in erzählender Sprache weit eindrücklicher inszenieren lassen als in Bildern und Dialogen. Diese Schwierigkeiten gelten auch für »Verschwörung gegen Amerika« (2004), worin Roth fiktionalisierte Versatzstücke der eigenen jüdisch-amerikanischen Familiengeschichte auf raffinierte Weise mit einem kontrafaktischen historischen Szenario verwebt. Was wäre gewesen, so fragt der Roman, wenn 1940 nicht Franklin Delano Roosevelt die Präsidentschaftswahl gewonnen hätte, sondern der isolationistische, antisemitische und nazifreundliche Charles Lindbergh? Was, wenn Gruppen wie der Ku-Klux-Klan oder der Amerikadeutsche Bund nicht eher randständig geblieben, sondern in einer Massenbewegung verschmolzen wären?

Das historische Szenario diente Roth als Folie für eine sensible Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kindheit, Angst, Schuld und Familie.

Nun wurde »Verschwörung gegen Amerika« als sechsteiligen Miniserie verfilmt, produziert und geschrieben von niemand Geringerem als David Simon und Ed Burns, die schon bei der von 2002 bis 2008 im US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlten Serie »The Wire« als Autoren und Produzenten zusammengearbeitet haben. Wie Roth kommt auch Simon aus einem jüdischen Elternhaus. Ähnlichkeiten in der Biographie allein dürften die Entscheidung für das Projekt allerdings nicht motiviert haben, zumal es in ästhetischer Hinsicht durchaus überrascht, dass Simon ausgerechnet einen Roman Roths als Vorlage gewählt hat. Denn der Realismus Roths entfaltet sich an Individuen, deren Autonomie und Weltverhältnis nicht, wie eben in »The Wire«, von Strukturen und Institutionen untergraben beziehungsweise geprägt werden, sondern von leibhaftem Begehren, körperlichem Verfall und der eigenen Familiengeschichte. Zwar weiß Simon auch das eindrücklich in Szene zu setzen; die Besonderheit des Einzelnen wird jedoch geradezu programmatisch immer wieder einem gesellschaftlichen Allgemeinen untergeordnet, das sich um jenes Besondere eben nicht schert.

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Gereizt hat David Simon an Roths Roman vor allem das spezifische historische Gedankenspiel, das dieser unternimmt. Bereits 2013 wurde dem Produzenten angeboten, Roths Buch für ein Fernsehformat zu bearbeiten. Damals jedoch wähnte sich das liberale Bewusstsein noch im Cockpit der Weltgeschichte; Präsident Barack Obama hatte gerade seine zweite Amtszeit begonnen, nichts in der Gegenwart schien dem Szenario von »Verschwörung gegen Amerika« entgegenzukommen. Simon lehnte ab. 2016, als Donald J. Trump für das Amt des Präsidenten kandidierte und schließlich die Wahl gegen die Demokratin Hillary Clinton gewann, kehrte Simon zu dem Projekt zurück. Insofern ist die Serie, vor allem durch das – die Romanvorlage leicht modi­fizierende – Ende, auch als ein in Teilen nur halbherzig verschlüsseltes, durchaus pädagogisches Lehrstück über die politische Gegenwart der Vereinigten Staaten zu verstehen.

In gewissem Sinne setzt sich damit ein Missverständnis fort, das be­reits den Roman begleitet hat. Als »Verschwörung gegen Amerika« 2004 erschien, waren sich sowohl die US-amerikanische also auch die deutsche Kritik sicher, dass der Autor vor allem die Präsidentschaft George W. Bushs kommentieren wollte, der ebenso wie Trump häufig als Faschist bezeichnet wurde. Damals sah sich Roth genötigt, in die Debatte einzugreifen, und veröffentlichte in der New York Times eine Selbstrezension, in der er verneinte, einen politischen Schlüsselroman geschrieben zu haben, und sein historisches Interesse für die Jahre 1940 bis 1942 als Motivation anführte. Freilich war auch das nicht ohne einen Hauch in die Irre leitender Ironie formuliert. Tatsächlich scheint nämlich das historische Szenario, in dem das demokratische Amerika letztlich die Oberhand behält, als Folie für etwas anderes zu dienen: eine sensible Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kindheit, Angst, Schuld und Familie, wobei die spezifisch jüdisch-amerikanische Erfahrung gewissermaßen als Besonderes hinzutritt. So zumindest lassen sich die ersten Sätze des Romans lesen: »Angst beherrscht diese Erinnerungen, eine ständige Angst. Natürlich hat jede Kindheit ihre Schrecken, doch ich frage mich, ob ich als Kind nicht weniger Angst gehabt hätte, wenn Lindbergh nicht Präsident gewesen oder ich nicht das Kind von Juden gewesen wäre.« Weil der Autor Philip Roth dem Erzähler, der auf sein achtjähriges Ich zurückblickt, den Namen »Philip Roth« verliehen hat (was nicht die einzige Parallele ist), spielte er mit dem Verdacht, die gemeinte Kindheit könne wohl vor allem seine eigene sein. Dieser autobiographische Akzent findet sich aber nicht in der Serie. Zwar heißt auch hier der Sohn Philip, doch der Familienname lautet Levin. Mit Ausnahme einer Figur bleibt die Serie nah an den individuellen Details und der Per­sonenkonstellation des Romans. Eindrücklich gelingt es »Verschwörung gegen Amerika« zu zeigen, wie sich Angst durch die Familie Levin frisst – Angst vor dem nach Lindberghs Wahlsieg wachsenden Antisemitismus, auch die kindliche, nicht begriffene Angst um die von der politischen Situation überforderten Erwachsenen. Philips Vater Herman (Morgan Spector) – darin als so hilflos dargestellt wie andere Vaterfiguren bei Roth – changiert erschreckt von Lindberghs politischen Erfolgen und der graduellen Faschisierung des Alltags zwischen idealistischer Verdrängung und naivem Widerstand. Was er bei seiner Frau Elizabeth (Zoe Kazan) anfänglich noch als übertriebene Panik ansieht, stellt sich immer mehr als einzig realistische Situationseinschätzung dar. Der konservative Rabbi Bengelsdorf (John Turturro), mit dem Elizabeths Schwester Evelyn (Winona Ryder) verheiratet ist, will pragmatisch mit der Regierung Lindbergh zusammenarbeiten, doch auch diese Versuche geraten irgendwann an ihre Grenzen.

Stark ist die Serie vor allem dort, wo sie sich der Eigenlogik der einzelnen Figuren überlässt, statt sie als prototypisch Handelnde zu zeigen. So lässt David Simon die weiblichen Figuren vielschichtiger agieren, als das in Roths Romanvorlage – und auch in anderen seiner Bücher – der Fall ist, in der es zwischen übermäßigem mütterlichem Schutzbedürfnis und eruptiver Autorität kaum Nuancen gibt. Der Figur des verwaisten Neffen Alvin Levin (Anthony Boyle), der sich freiwillig bei der kanadischen Armee meldet, um gegen die Nazis zu kämpfen, und der im Roman recht plötzlich verschwindet, verleiht Simon einen weit über den Roman hinausgehenden Handlungsstrang. Wie im Buch bleibt die Figur Lindbergh eher im Hintergrund; sie tritt kaum auf, greift nicht in aktiv in die Handlung ein und entfaltet so seine Wirkung vor allem als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Entwicklungen und individueller Bedürfnisse. Das zeigt sich vor allem an den unterschiedlichen Kinderfiguren, deren Wahrnehmung des Weltgeschehens naturgemäß viel eher affektiv und libidinös als durch politische Urteilskraft strukturiert ist und die deswegen mit kindlicher Faszination, adoleszenter, sich vor allem gegen die Eltern richtender Überaffirmation und diffuser Angst reagieren.

Als Analogie zu Trump taugen sowohl der literarische wie auch der reale Lindbergh nur bedingt; ganz zu schweigen von der Tatsache, dass schon bei Roth die in Anlehnung an einen Roman von Sinclair Lewis formulierte These »It can’t happen here« eher bestätigt als widerlegt wird. Tatsächlich warnt David Simon in Interviews immer wieder davor – darin wohl im Einklang mit dem späten Philip Roth – Lindbergh mit Donald Trump zu verwechseln. Umso auffälliger sind jene Momente, in denen Simon den ansonsten streng im historischen Kontext verbleibenden Protagonisten gewissermaßen die Sprache der Gegenwart in den Mund legt. Zwar gibt es durchaus Parallelen zwischen Trumps Abschottungspolitik und der isolationistischen »America First«-Ideologie der vierziger Jahre. Nicht nur zeigte der reale Lindbergh ungleich mehr ideologische Konsistenz als Trump; er hatte zudem zeitweise durchaus den Status eines Volkshelden. Sein Nonstopflug 1927 von New York City nach Paris erfüllte eine technik- und fortschrittsoptimistische Bevölkerung mit nationalem Stolz; als 1932 sein erst 20 Monate alter Sohn entführt und später tot aufgefunden wurde, nahm das ganze Land Anteil.
Es gibt eine für die Liberalen sehr viel unangenehmere Parallele zwischen Trump und dem fiktiven Lindbergh, dass nämlich auch Trumps Wahlsieg nicht unerheblich mit seiner Antikriegsrhetorik zu tun gehabt haben dürfte – womit eine demokratische Position plötzlich von den Republikanern besetzt war. Doch das kommt im progressiven Lager kaum zur Sprache.

»The Plot against America« (HBO).
Die ­Serie kann in Deutschland bei Sky ­gestreamt werden.