Eine Fortsetzung der Diskussion über zulässige Assoziationen von Rechtsterrorismus mit Nationalsozialismus

Assoziationen und Analogien

Historische Assoziationen sind nicht nur zulässig, sondern sogar wichtig, wenn man der Opfer heutiger rechter Gewalt nicht nur unpolitisch gedenken will.
Disko Von

Zu Beginn dieses Jahres erschien »Das KZ-Universum«, die erste deutsche Übersetzung des bereits 1945 geschriebenen Berichts des französischen Über­lebenden David Rousset. Es ist eine der ersten systematischen Analysen der Vernichtungspolitik in deutschen Konzentrationslagern. Rousset schreibt in frischer Erinnerung seiner Erlebnisse gegen das eigene Vergessen an und will Zeugnis ablegen.

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In der erinnerungspolitischen Arbeit nehmen die Aufzeichnungen von Überlebenden der Konzentrationslager eine zentrale Rolle ein. Sie werden umso wichtiger, je weniger Überlebende der Shoah noch leben und ihre Erfahrungen teilen können. Von der Notwendigkeit, »das Unsägliche zu sagen und damit den Opfern die Treue zu halten«, spricht auch Adorno. Diese Aufforderung ist die Kehrseite seiner Einsicht, jegliche Lyrikproduktion sei nach Auschwitz, der systematischen Vernichtung der Juden und des Umschlags von Aufklärung in Barbarei, von dieser kompromittiert.

Gerade bei Assoziationen mit dem Nationalsozialismus ist die Frage, welchem Zweck sie dienen.

Adornos 1949 verfasster Aufsatz »Engagement« insistiert in Bezug auf die deutschen Verbrechen des Nationalsozialismus darauf, dass »das Übermaß an realem Leiden kein Vergessen (duldet)«. Dieses nicht zu duldende Ver­gessen trifft vielleicht den Punkt, über den Johannes Spohr und Eiske Schäfer in ihren Beiträgen unausgesprochen streiten (Jungle World 13 bzw. 17/2020). In den Ausführungen der beiden Historiker geht es um die Frage, ob Asso­ziationen in der Geschichtswissenschaft zulässig seien. Darüber hinaus verhandeln sie aber auch die Rolle von Historie und Erinnerungspolitik sowie ihr Verhältnis zu politischem Aktivismus. Gerade bei Assoziationen mit dem Nationalsozialismus ist die Frage, welchem Zweck sie dienen.

Während eine Assoziation lediglich zeitlich und räumlich unverbundene Elemente oder Sachverhalte in Beziehung setzt, bedient sich der Vergleich als rhetorische Figur eines tertium comparationis, also eines gemeinsamen dritten Elements, durch das zwei bis dahin unverbundene und verschiedene Sachverhalte zusammengeführt werden. Die Geschichtsaneignung durch Asso­ziationen gibt sich nur vermeintlich unbestimmter, da sie im Erkenntnisprozess offenlässt, welche Beziehung die verschiedenen Sachverhalte zueinander haben. Die Analogien zum Holocaust, die zurzeit Verschwörungsgläubige und Coronaleugnerinnen oder auch Tierrechtler, etwa von Peta, bilden, nutzen als vergleichendes Drittes ­einen abstrakt bleibenden Opferstatus und die beliebig gewordene Formel vom unendlichen Leid (wahlweise der Bürger unter der »Meinungs- und Impfdiktatur« oder der Tiere). Während die Tierrechtler die Shoah instrumen­talisieren, um die Leiden der Tiere zu dramatisieren, folgt der Vergleich durch die extreme Rechte einem anderen Kalkül: Er dient der Verharmlosung und Entwertung des Holocaust.

Bei einer anderen Verwendung des Vergleichs heutiger Geschehnisse mit dem Nationalsozialismus verhält es sich komplizierter: Wenn Linke eine Kritik der Abschottungsstrategie der Europäischen Union gegen Flüchtende formulieren, führt manchmal der Wunsch nach eindringlicher Anklage des Inhumanen zum Gebrauch sinnentleerter Holocaust-Vergleiche. Die NGO Mission Lifeline nutzte das Gedenken an den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu einem Vergleich mit der EU-Migrationspolitik. Das vergleichende Dritte stellt hier nicht der abstrakte Opferstatus dar, sondern die Täter rücken ins Zentrum. Die Vernichtungspolitik des deutschen Nationalsozialismus wird gleichgesetzt mit der EU-Grenzpolitik. Das ist gut gemeint, doch wird so eine Wettbewerbsrhetorik des Sterbens konstruiert, die den jeweiligen Kontext vergessen macht. Solche Entkontextualisierung ist ein wichtiger Einwand Schäfers gegen Spohrs Assoziationen zwischen dem deutschen Vernichtungskrieg in der Ukraine und den Morden von Hanau. Die Assoziationen, die Spohr in seinem Artikel beschreibt, haben kein abstrahiertes Leid zum Fundament und drehen sich auch nicht um verquere Tätervergleiche. Sie wurden von konkreten Erfahrungen hervorgerufen, allerdings nicht von seinen eigenen, sondern von historisch verbürgten. Spohr thematisiert die Erkenntnis, dass sich Milieus und Gruppen gegen die Formierung eines gesellschaftlichen Konsenses von Ausgrenzung, Hass und rassistischer Terrorgewalt wehren und organisieren müssen und kontextualisiert dies mit den Erfahrungen der Opfer und Hinterbliebenen in Hanau. Auch die Einsicht der Opfer, denen gesellschaftliche Empathie und Anerkennung versagt wird, die vergessen werden, empfindet er als ähnlich. Durch diese Erlebnisse von fehlender Organisierung, fehlendem Widerstand und fehlender Empathie stellte sich ganz konkret die Frage nach notwendiger Gegenwehr: historisch gegen Wehrmacht und SS in der Ukraine und derzeit gegen den Terror der Anschlagsserien der Nazis.

Der Versuch politischer Aneignung und moralischer Aufladung historischer Vernichtungserfahrungen im Natio­nalsozialismus gelingt in Spohrs Beitrag nicht ganz, da die historischen und heutigen Ereignisse in ihrer Dimension auseinanderfallen. Berechtigterweise müssen sich seine Assoziationen der Frage Schäfers stellen, wo die Quellenkritik bleibe. Spohr bemüht sich darum, die konkreten Erfahrungen in Erinnerung zu rufen und zu reaktivieren, nicht die historischen Ereignisse des Nationalsozialismus instrumentell zu universalisieren. Wird ein Historiker wissenschaftlich unredlich, wenn er die Ebene konkreter Leid- und Verlusterfahrungen anspricht? Kann die Historikerin zugleich engagierte Politaktivistin sein, oder kann es – analog zu engagierter Literatur – eine engagierte Geschichtswissenschaft geben?

Schäfer warnt in ihrem Beitrag zu Recht vor dem, was Daniel Levy und Natan Sznaider eine »Universalisierung des Holocausts« nannten, wenn sie für eine differenziertere Betrachtung der nationalsozialistischen Geschichte plädiert. Dabei schadet sie ihrem eigenen Anliegen leider auch, wenn sie von dem national-ukrainischen Narrativ des »Holodomor« spricht. Der Begriff rekurriert auf die Hungerkatastrophe 1932/1933, die durch Dürre, Misswirtschaft und systematische Drangsalierung der ukrainischen Bauern unter der Politik Stalins entstand. In Anlehnung an den Begriff des Holocaust diente der Begriff aber zur Stilisierung der Ukraine als Opfernation und zum nation building. Der Holocaust spielt dagegen im ­ukrainischen Selbstbild keine bedeutende Rolle.

Vielleicht beginnt engagierte Geschichtswissenschaft, wenn solchen begriffsgeschichtlichen Konstellationen ebenso nachgegangen wird wie den Leerstellen deutscher Geschichtsschreibung. Zum »nationalen Gedächtnis« des deutschen Erinnerungsweltmeisters gehören nämlich weder die Wehrmachtsverbrechen in der Ukraine noch die Opfer von faschistischen und rechtsnationalen Netzwerken und Gruppierungen wie dem NSU.

Roussets Bericht über das »KZ-Universum« endet mit der Hoffnung, dass aus den Erfahrungen der Überlebenden für die Zukunft gelernt werden könne. Die historischen Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und Verlusterfahrungen ebenso zu erinnern wie zu aktualisieren, könnte eine Auf­gabe für eine engagierte Geschichtswissenschaft sein.

Über die Zulässigkeit, heutige Ereignisse mit solchen des Nationalsozialismus zu assoziieren, reflektierte Johannes Spohr (Jungle World 13/2020). Eiske Schäfer (»Jungle World« 17/2020) kritisierte dies als unzulässig und wies auf die Gefahr der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen hin.