Zoombombing erschwert es, in Pandemiezeiten mit Veranstaltungen ins Internet auszuweichen

Veranstaltungsstörung virtuell

Seit immer mehr Konferenzen und Veranstaltungen im Internet stattfinden, haben auch Störer ihre Aktivitäten hierhin verlegt. Das Zoombombing genannte Phänomen trifft die Veranstalter unvorbereitet, Gegenmaßnahmen werden erst erprobt. Gute und geistesgegenwärtige Moderation wird wohl weiter wichtig bleiben.

Das Schlimme am sogenannten Zoombombing ist, dass es meist völlig unerwartet passiert. Eigentlich sollte Miklos Rózsa am 1. Mai online über die Bedeutung von Gewerkschaften referieren, doch die Veranstaltung der Jungso­zialisten des Schweizer Kanton Zürich nimmt eine abrupte Wende. Nur zehn Minuten nach Beginn zieht ein Teilnehmer ein Bild in das Zoom-Fenster, eine antisemitische Karikatur »wie aus dem Stürmer«, wie Rózsa der Jungle World sagt. Nach einigen Augenblicken entfernt der Moderator den Störer aus der Veranstaltung. Wenige Momente später wird Rózsa jedoch erneut unterbrochen, diesmal direkt von rund einem Dutzend neu beigetretener Teilnehmer, die im Schweizer Dialekt antisemitische Sprüche rufen: »Gewerkschaften sind ein Konstrukt von Juden«, »Tod allen Juden« und immer wieder »Sieg Heil«. Die Veranstaltung wird daraufhin beendet.

Die Verlagerung von Veranstaltungen ins Internet und die Gefahren, die damit einhergehen, stellen politische Organisierung und Aktivismus vor neue Herausforderungen.

Es sei nicht der erste antisemitische Angriff auf ihn gewesen, erzählt Rózsa, doch bei einer Präsenzveranstaltung sei ihm dies in einem solchen Maße noch nie passiert. Der Fotograf setzt sich seit vielen Jahren mit Antisemitismus auch in der Linken auseinander. Er sei überrascht, dass der Angriff eine Veranstaltung traf, die das Thema Antisemitismus nicht einmal behandelt habe. Das zeige, dass es sich um einen Angriff gegen ihn als Person, als linken Juden handele, der sich gegen Antisemitismus engagiere. Den Angreifern gehe es nicht darum, was er sagen wolle, sondern sie wollten ihn daran hindern, überhaupt zu sprechen.

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Auch in Deutschland ist es in den vergangenen Wochen mehrfach zu antisemitischen Angriffen via Zoombombing gekommen. Die Veranstaltung der israelischen Botschaft in Berlin zum Gedenktag des Holocaust, Yom HaShoah, wurde durch antisemitische Attacken gestört, auch Torastunden wurden unterbrochen. Störer behelligten mit pornographischen Inhalten Videokonferenzen, etwa die einer Freiburger Schulklasse.

Rechte, Antisemiten und Verschwörungsgläubige sind im öffentlichen Raum durch die sogenannten Hygienedemonstrationen gegen die Beschränkungen wegen der Covid-19-Pandemie deutlich auffälliger geworden. Neben deutschen Marktplätzen nutzt diese Milieu vor allem das Internet für den Austausch und die Verbreitung ihrer Geschichten. Leute, die bei Facebook, Twitter und auf »alternativen« Medienportalen wie Journalistenwatch Verschwörungspredigern wie Ken Jebsen zujubeln, seien häufig keine organisierten Neonazis, sagt Ruben Obenhaus im Gespräch mit der Jungle World. Er ist Projektleiter bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie Niedersachsen und beobachtet die »Wutbürger« im Internet. Ihm ist aufgefallen, dass sie oft nicht direkt zu einer bestimmten Handlung aufrufen, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Vielmehr nutzten die Internettrolle »versteckte Signale« wie rhetorische Fragen, unauffällige Bemerkungen oder einen Hinweis auf eine öffentlich zugängliche Torastunde, erklärt Obenhaus. Diese Vorgehensweise sei vor allem im Bereich Antisemitismus zu beobachten.

Kommunikationstools wie Zoom haben seit Ausbruch der Pandemie stark an Bedeutung gewonnen: Teamsitzungen, Schulunterricht von zu Hause, selbst die Yoga­stunde findet online statt. Zoom ist besonders beliebt, da es für die Nutzung weder eine Programminstallation noch ein Nutzerkonto braucht. Die Verlagerung von Veranstaltungen aller Art ins Internet und die Gefahren, die damit einhergehen, stellen politische Organisierung und Aktivismus vor neue Herausforderungen. Das Stören wird einfacher und ist schwerer abzustellen. Der Moderator eines Meetings kann Störer zwar entfernen, diesen ist es jedoch ein Leichtes, ihre IP-Adresse zu ändern, um sich erneut Zugang zu verschaffen.

Um das Risiko der Störung einer Veranstaltung zu reduzieren, könne man die Teilnahme erschweren, schlägt Ruben Obenhaus vor. Ein Passwortschutz hilft allerdings nicht bei Formaten, die öffentlich zugänglich sein sollen. Als hilfreich hätten sich sogenannte Netikette-Regeln erwiesen, eine Art virtuelle Hausordnung, die das erwünschte Benehmen bei einer Online-Zusammenkunft beschreibt. Diese müssen vor Betreten des Videoraums akzeptiert werden. Laut Obenhaus könne dies Gelegenheitstäter abschrecken, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, sich in einem unbeobachteten Raum ohne rechtliche Konsequenzen zu bewegen. Eine ähnliche Wirkung könne eine verpflichtende Anmeldung für eine Veranstaltung haben, fügt Obenhaus hinzu. Dies hätte bei der Zürcher Veranstaltung jedoch nicht geholfen: Der namentlich bekannte erste Störer ist ein ehemaliges Mitglied der Jusos, das wegen antisemitischer Tendenzen ausgeschlossen worden war. Der Einladungscode für die Online-Veranstaltung wurde über eine interne Mailingliste der Jusos verschickt, auf der sich das ehemalige Mitglied noch befindet. Die übrigen Störer haben den Code wohl von ihm bekommen, vermuten Veranstalter und Referent.

Zoom wurde bereits kritisiert, bevor sich die Störungen häuften, da das Unternehmen Daten wie Standort oder Netzanbieter an Facebook weitergab. Dies hatte der Konzern zunächst abgestritten, schließlich stellte er diese Praxis ein. Joachim Selzer vom Chaos Computer Club spricht daher auch von einem »Vertrauensproblem mit Zoom«. Auch warb der Videokonferenzanbie­­ter zunächst mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und gab erst später zu, dass es sich lediglich um eine Verschlüsselung zwischen Client und Server handelte. Wirkliche Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist bei Videokonferenzen allerdings eine technische Herausforderung (Ungesichert in die Konferenz - Die Berliner Datenschutzbehörde hat Ärger mit Microsoft).

Gerade bei personenbezogenen Daten solle man besser auf Zoom verzichten, rät Selzer, da die Daten unverschlüsselt auf dem Server liegen. Als Reaktion auf die Sicherheitsmängel brachte das Unternehmen Ende Mai ein Update raus: Die Version 5.0 arbeitet mit einer besseren Verschlüsselung. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung soll es erst Anfang August geben, diese wird jedoch nur zahlenden Nutzern zur Verfügung stehen. Solange diese fehlt, rät auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber von der Nutzung ab.

Als Alternative zu Zoom empfiehlt Selzer beispielsweise die Open-Source-Angebote Jitsi und Big Blue Button. Beide Anbieter arbeiten ohne zentrale Server. Jitsi bietet zudem eine Betaversion mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die allerdings nur über den Browser Chrome funktioniert. Diese Maßnahmen schützen vor dem Zugriff auf die Inhalte und Daten der Online-Kommunikation, nicht jedoch vor Bombings und dem Stören von Veranstaltungen. Selzer empfiehlt deshalb, mehrere Moderatoren einzusetzen, um auf eine mögliche Störung besser reagieren zu können. Hilfreiche Moderationsfunktionen sind neben dem Stummschalten und Entfernen von Usern auch die Schließung des Meetings für Nachzügler nach einer gewissen Zeit sowie das Verbot für Teilnehmer, den eigenen Bildschirminhalt mit anderen zu teilen.