»Die Pest« am Deutschen Theater Berlin

Weh dem, der hier nur Viren sieht!

Das Deutsche Theater Berlin spielt auf dem Vorplatz des Hauses »Die Pest«, eine Adaption des Romans von Albert Camus. Leider fehlt der Ins­zenierung die politische Brisanz.

Als András Dömötörs Inszenierung »Die Pest« nach Motiven des Romans von Albert Camus im November 2019 im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde, konnten weder der Regisseur noch das Publikum ­ahnen, welche Aktualität das Thema wenige Monate später gewinnen würde. In der Pandemie feierte der ­Roman von Camus eine Renaissance, während des lockdown stiegen insbesondere in Frankreich und in Italien die Verkaufszahlen des Klassikers.

Es geht um eine Stadt unter Quarantäne, samt Langeweile, Hamsterkäufen und Panik.

Nach dreimonatiger Pause sind in Berlin derzeit Veranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 200 Personen zugelassen. Das Deutsche Theater gehört zu den ersten Häusern der Hauptstadt, die ein Open-Air-Konzept erarbeitet haben. Die Nachfrage ist groß, das Angebot aber klein: Auf dem Vorhof des Theaters finden unter Einhaltung des vorgeschriebenen Abstands von anderthalb Metern gerade mal 70 Personen Platz. Am 10. Juni wurde mit Dömötörs Ein-Personen-Stück »Die Pest« der Spiel­betrieb wiederaufgenommen. Für fast alle Zuschauerinnen und Zuschauer war es wohl der erste öffentliche Kultur­abend seit langem. Man spürte eine heitere Stimmung, das Theater hatte dem Publikum gefehlt.

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Camus’ 1947 veröffentlichter Roman handelt vom Ausbruch der Bubonenpest in der algerischen Stadt Oran. Angesichts der derzeitigen Krise kann einem vieles bekannt vorkommen: Es geht um Behörden, die anfangs den Ernst der Lage nicht erkennen und zu spät auf den Ausbruch reagieren, um Krankenhäuser, die schnell überfüllt sind, um die verzweifelte Suche nach einem Impfstoff, um Beerdigungen, die ausgesetzt werden müssen – um eine Stadt unter Quarantäne, samt Langeweile, Hamsterkäufen und Panik.

Der Journalist Raymond Rambert spielt zunächst den Rebellen und versucht, mit Hilfe von Schmugglern der Stadt zu entfliehen. Andere begreifen die Katastrophe als Chance, wie etwa der Pater Paneloux, der in der Epidemie eine Gelegenheit sieht, die Menschen zum Christentum zu bekehren. Der Beamte Joseph Grand, der akribisch Statistiken erstellt, lässt an die Verantwortlichen des Robert-Koch-Instituts denken. Die zentrale Figur des Romans ist der Arzt Bernard Rieux, der unermüdlich gegen die Unvernunft kämpft und ­dabei unweigerlich an den Virologen Christian Drosten erinnert, der in der Coronakrise zum Kommunikator der Wissenschaft wurde.

Sämtliche Figuren der 70 Minuten dauernden Inszenierung werden von Božidar Kocevski gespielt – eine energische und intensive One-Man-Show, während derer er Mimik, Körpersprache und Tonfall gekonnt an die jeweilige Rollen anpasst. Das ist eine beeindruckende Leistung, vor ­allem angesichts der Textmenge.

Kocevski steht allein auf der schlichten, schwarzen Bühne. Ein paar Holzstühle dienen als Requisiten oder werden wie Figuren eingesetzt. Die Stühle sind mal Altar, mal ein Kind oder ein Toter. Auf dem Vorplatz des Theaters sind aufwendigere Bühnenbilder schwer zu realisieren. Die Produktionsfotos zeigen einen Sturm aus schwarzem Konfetti, der in der Vorstellung fehlt. So gibt der ästhetisch zurückhaltende Monologabend einen Vorgeschmack auf kommende pragmatisch angepasste Inszenierungen in der Krise. Die Leere füllt Dömö­tör effektvoll mit einer düsteren Partitur aus elektronischen Klängen von László Bakk-Dávid, die zwischen Ambient und Noise oszillieren und eine ominöse und assoziative Atmosphäre schaffen, die die Stimmung des Textes stilvoll ergänzt.

Die Wiederaufnahme von »Die Pest« ist in diesen Zeiten sehr naheliegend – und das Deutsche Theater ist nicht das einzige Haus, das den Stoff wiederentdeckt hat. Auch das nordrhein-westfälische Theater Oberhausen produzierte ein interaktives Online-Theaterprojekt, das auf dem Roman basiert.

Ein weiterer Text, der eng mit einer Seuche verbunden ist, ist Giovanni Boccaccios »Decamerone«, das nahe Florenz während der verheerenden Pestepidemie von 1348 spielt (und kurz nach dieser verfasst wurde). Die Inszenierung des »Decamerone« des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow hatte im Deutschen ­Theater am 8. März Premiere, kurz vor der Einstellung des Spielbetriebs. Fast könnte man meinen, dass der Intendant Ulrich Khuon die Pandemie vorhergesehen hat, so passend wirkt das Programm dieser ­abgebrochenen Spielzeit. Die Relevanz dieser Stücke für die Gegenwart reicht allerdings weit über Bezüge zur Covid-19-Pandemie hinaus. Zwar wurden »Decamerone« und »Die Pest« schnell zu überstrapazierten Schlüsseltexten der Krise. In den Feuilletons europäischer Zeitungen ist schon genug darüber geschrieben worden, warum nun alle »Die Pest« lesen sollen. Um Pande­mien geht es aber nur vordergründig. Einen augenzwinkernden Hinweis auf eine solche Fehlinterpretation gibt Camus im Roman mit der Figur Cottards, die Kafkas »Der Proceß« als Krimi missdeutet.

Die Pestepidemie ist bei Camus allegorisch zu verstehen: Der Kampf gegen die Seuche steht für den Widerstand gegen den Faschismus. Bezüge zur Coronakrise herzustellen, wie es sich gegenwärtig aufdrängt, lenkt von der eigentlichen Botschaft des Romans ab. Den Faschismus mit einem Virus zu versinnbildlichen, ist gewiss problematisch. Schon Simone de Beauvoir kritisierte diesen Kunstgriff, eine solche Symbolik entlaste Menschen von der Verantwortung. Auch Roland Barthes urteilte, der Roman propagiere eine »antihistorische Ethik«.

Solche Kritik verkennt allerdings die moralische Ambiguität von »Die Pest«. Camus plädiert eher für menschliche Solidarität und gegenseitige Hilfe im Kampf gegen das Elend: Der Journalist Rambert, der sich seiner Verantwortung entziehen wollte, verlässt die Stadt nicht, sondern engagiert sich im Kampf ­gegen die Pest. Auch Jean Tarrou, der Nachbar des Arztes, verkörpert das Ideal der Solidarität, während der Schmuggler Cottard quasi als Kollaborateur agiert. Camus interessiert sich vor allem für die Menschen im Zwiespalt. Statt um den Faschismus selbst geht es um den Kampf dagegen. Leider ist von dieser Bedeutungs­ebene in Dömötörs Inszenierung fast nichts zu spüren.

Die Figuren Rambert und Tarrou liefern zudem eine Antwort auf das Absurde, eines der philosophischen Konzepte, die Camus’ Œuvre definieren: Die kalte, chaotische Bedeutungslosigkeit des Universums gerät in Konflikt mit der menschlichen Neigung, einen Sinn des Lebens zu ­suchen; es liegt an jedem Einzelnen, das Absurde anzuerkennen. Für ­Zeiten grassierenden Verschwörungsglaubens, der die Komplexität globaler Probleme vereinfacht und instrumentalisiert, hat der Roman durchaus eine relevante Botschaft.

»Die Pest« endet mit einer Mahnung: Der Pestbazillus stirbt nie und wartet jahrzehntelang in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren. Diese Schlusssätze erinnern daran, dass rechtsextremes Gedankengut überdauert und der ­Faschismus wiederkehrt, wenn der Widerstand erlahmt. Das hat Camus schon 1947 erkannt.

Die Pest. Regie: András Dömötör. Nach dem Roman von Albert Camus. Deutsches Theater Berlin