»Eine Berufsgruppe, die es gewissermaßen nicht gibt«

Im März gründete sich in Frankfurt am Main die basisdemokratische und trägerübergreifende »Initiative Kritische Schulassistenz« (IKS). Sie kritisiert die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen der Schulassistenten, die sich durch die Pandemie weiter verschärft haben. Die Jungle World hat mit Greta Lepthien und Johannes Lütkepohl gesprochen. Beide arbeiten zusammen als Schulassistenten in einer Klasse und haben die IKS mitgegründet.
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Seit wann gibt es die Schulassistenz und worin besteht Ihre Arbeit?

Johannes Lütkepohl: Die Schulassistenz gibt es, seit es den Versuch gibt, ein inklusives Schulsystem in Deutschland zu verwirklichen. Kinder mit Behinderung, die eine Regelschule besuchen, werden von einem Schulassistenten unterstützt. Grundsätzlich geht es darum, einem Kind mit Behinderung zu helfen, im Schulalltag einer, wie man so sagt: Normaloschule klarzukommen.

Weshalb haben Sie die Initiative gegründet?

Lütkepohl: Die Notwendigkeit, uns zu organisieren, bestand, weil man im Arbeitsalltag als Schulassistent meistens äußerst vereinzelt ist. Als Angehöriger des Schulpersonals hat man dennoch eine Sonderrolle, weil man nicht direkt bei der Schule angestellt ist, sondern bei einem externen sozialen Träger. Zugleich steht man in der Hierarchie der Arbeitsteilung ganz unten und ist abhängig von den Lehrerinnen und Lehrern, mit denen man zusammenarbeitet. Oft ist deren Vorstellung von einer guten Schulassistenz, dass wir die Kinder zu störungsfreien Mitläufern ihres Unterrichts machen.

Greta Lepthien: Die Erwartung der Lehrer ist aber auch verständlich, wenn man sieht, wie viel die Lehrerinnen in den Klassen bereits zu tun haben. Das ist ein strukturelles Problem. Es gibt im Schulalltag zu wenig Raum, um miteinander zu sprechen.

Kinder ohne Behinderung gehen mittlerweile wieder zur Schule, Kinder mit Behinderung häufig weiterhin nicht. Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Ihre Arbeit?

Lepthien: Auch wir machen die Erfahrung, dass sich die Situation der Kinder mit Behinderung eher verschlechtert hat. Konkret gestaltet es sich bei uns so, dass die beiden Kinder, die wir begleiten, in den ersten Wochen nach der Schulöffnung nur für zwei Stunden in der Woche unterrichtet wurden und dabei keinerlei Kontakt zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern hatten, mit der Begründung, dass ihnen das Abstandhalten schwerfalle – was wirklich ein fadenscheiniges Argument ist, weil die das richtig gut hinbekommen.

Lütkepohl: Zudem wurden bei vielen sozialen Trägern die Löhne auf Kurzarbeitsniveau abgesenkt. Das bedeutet in unserer Lohngruppe und bei Teilzeitverträgen für viele Kolleginnen und Kollegen, unter das Existenzminimum zu fallen.

Was wollen Sie mit der Initiative erreichen?

Lepthien: Wir sind eine Berufsgruppe, die es gewissermaßen nicht gibt. Zwar hat man bei seinem Träger immer wieder Möglichkeiten zum Austausch und einige Träger haben auch Betriebsräte. Eine trägerübergreifende Vernetzung gibt es aber bisher kaum. An eben dieser Leerstelle wollen wir mit der Initiative arbeiten, um uns gemeinsam für gute Arbeitsbedingungen und eine kritische Interpretation der Arbeitsaufgabe einzusetzen.

Lütkepohl: Um den gesellschaftskritischen Ansatz von Inklusion einzulösen, der ja ausdrücklich gewendet ist gegen den konservativen Begriff der Integration, ist es äußerst wichtig, dass wir unsere Arbeitsaufgabe politisch verstehen. Und das ist genau das, was wir mit der Initiative versuchen.