Das Comic-Projekt ­»Redrawing Stories from the Past«

Gegen das Verblassen der Erinnerung

Die Gattung Comic ist besonders geeignet, Geschichte so zu erzählen, dass die Biographien der Menschen anschaulich werden. Das internationale Comic-Projekt »Redrawing Stories from the Past« versucht, die Geschichten der Opfer des Nationalsozialismus zu bewahren.

»Eine Kapelle? Nein, ich erinner’ nur Marschieren, keine Kapelle«, sagte der Auschwitz-Überlebende Vladek Spiegelman seinem Sohn Art. Die Erinnerungen Vladek Spiegelmans sind die Grundlage für den Comic »Maus«. Über mehrere Jahre hatte Art Spiegelman die Gespräche mit seinem Vater aufgezeichnet und sich mit historischen Dokumenten zur Vernichtung der europäischen Juden beschäftigt, etwa mit den Aufzeichnungen über die Häftlingskapelle in Auschwitz. Spiegelman lässt die persönliche Erinnerung des Überlebenden und die dokumentarische Arbeit von Historikern nebeneinander stehen und zeigt, wie verschieden Erinnerung ist. Sein Comic ist ein Blick auf die Vergangenheit, der zwischen subjektiven und objektiven Erinnerungen vermittelt.

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Um das Verhältnis von subjektiven und objektiven Erinnerungen und die Suche nach verborgenen und verblassten Erinnerungen an die Shoah geht es auch in dem 2015 in Leipzig begonnenen internationalen Comic-Projekt »Redrawing Stories from the Past«, das von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wird. Daraus hervorgegangen sind mittlerweile zwei englischsprachige Publikationen, mehrere Ausstellungen und eine Nominierung für den Eisner Award in der Kategorie »Beste Anthologie«.

Die Initiatorin Elisabeth Desta ­erklärt die Idee der internationalen Comic-Werkstatt: »Wir wollten mit den Projekten jungen Comic-Künstlerinnen die Möglichkeit geben, sich über einen längeren Zeitraum mit der Thematik des Holocaust zu beschäftigen, und Workshops anbieten, in denen wir uns mit seiner Geschichte und seiner Darstellung auseinandersetzen.« Dabei sollten die unterschiedlichen nationalen Narrative in Bezug auf die Shoah ebenso in die Arbeit einfließen und ebenso die Frage, »wie man sich diesem Thema überhaupt künstlerisch nähern kann«. Der Frankfurter Literaturwissenschaftler Ole Frahm, der die Workshops begleitet hat, ergänzt: »Uns war wichtig, dass die Produzenten zu Bildserien kommen, die mit der Frage umgehen, was genau dargestellt werden kann – und welche Position sie zum Berichteten einnehmen, wie sie mit dem Gespenstischen der Geschichte umgehen und wie sie ihre Lesenden heimsuchen können.«

Zwei Anthologien sind bereits erschienen, in denen die Zeichner die Ergebnisse der Workshops vorstellen, die Frahm gemeinsam mit dem Hamburger Comic-Zeichner Sascha Hommer geleitet hat. Im ersten Sammelband »Redrawing Stories from the Past I« standen marginalisierte Biographien von Opfern des Nationalsozialismus im Mittelpunkt, die von fünf Zeichnern aus Deutschland, Polen, Serbien und Lettland recherchiert wurden. So stellt die Berliner Künstlerin Paula Nino Bulling in ihrer Collage »Tamgout, Buchenwald, ­Paris« Fragmente der Biographie des 1944 in Buchenwald ermordeten Algeriers Mohamed Kaci zusammen. Der 1988 in Riga geborene Zeichner Mārtiņ Zutis erzählt im Rahmen einer Séance von der Verfolgung der lettischen Juden. Während einer spiritistischen Sitzung wird der Geist der ermordeten Jüdin Mirjama beschworen. »Ausgangspunkt war in beiden Heften, dass es Geschichten gibt, die es wert wären, aus der Vergessenheit hervorgeholt zu werden. Es sind Erzählungen, die nicht ›Das haben wir schon alles gehört‹ evozieren, sondern: ›interessant, gibt es noch an­dere Geschichten?‹«, erklärt Ole Frahm.

Die auf tatsächlichen Lebensgeschichten basierenden Comics werden nicht als bruchlose Abfolge von Ereignissen dargestellt, sondern als Erzählungen voller Lücken und Brüche. Die Comics stellen vor allem Fragen: Welche Geschichten sind es, die als »große Geschichte« erzählt werden, und welche Geschichten gehen im Laufe der Geschichte verloren? Der jüngst in einem lettischen Verlag erschienene Band »Redrawing Stories from the Past II« fragt, so Elisabeth Desta, »was Flucht vor dem Nationalsozialismus für die Betroffenen bedeutete, nämlich die Ausnahme von der Regel und kein Happy End«. Die vier beteiligten Zeichnerinnen Alice Socal aus Italien, Lina ­Itagaki aus Litauen, Emilie Josso aus Frankreich und Julia Kluge aus Deutschland haben Fluchtbiographien recherchiert und in die Sprache des Comics übersetzt. Die Bilderzählungen konzentrieren sich je auf eine einzelne Person, allerdings ist jede Biographie mehr als nur die Geschichte eines Charakters, heißt es im Nachwort. Flucht sei niemals nur die Geschichte eines einzelnen Lebens. Die Comics zeigen auch die Menschen, denen die Flüchtenden begegnen, erzählen von Momenten der Solidarität und von Erinnerungen, die sie auf der Flucht begleiten.

In Alice Socals Comic »Pink Donkey« wird die Geschichte des von den Nazis internierten Juden Heinz Skall anschaulich. In seinen Träumen spricht er mit einem rosa Esel, während er im italienischen Lager Campagna interniert ist. »Sind pinke Esel das Seltsamste, was du gerade erlebst?« fragt ihn das Tier, was Heinz verneinen muss. In den Briefen, die Skall an seine Familie in Prag und Wien geschrieben hat, war tatsächlich von einem Esel die Rede. Im Comic wird das Tier zum Symbol für die Erfahrung von Verfolgung und Erniedrigung, die kaum in Worte gefasst werden kann. An diesem Bild zeigen sich auch die besonderen Möglichkeiten der Gattung: Der Comic ist als Medium überaus geeignet, von Geschichte so zu erzählen, dass die Schicksale der Menschen darin anschaulich und nachfühlbar werden. Während der Esel in den Briefen des KZ-Häftlings nur beiläufig erwähnt wird, kann Socal das Traumbild in den Mittelpunkt rücken, mit den in der Quelle vorhandenen Bildern arbeiten und zugleich über ihre Inszenierung Geschichte auf jene Weise vermitteln, wie sie Heinz Skall erschienen sein mag: als Überforderung, als irreale und kaum greifbare Erfahrung.

Die in Litauen geborene Zeichnerin Lina Itagaki erzählt anhand der Biographie von Perla Frankel, die vor den Nazis aus dem polnischen Posen über Litauen, Russland und Japan nach Neuseeland fliehen konnte, von der Rolle des japanischen Diplomaten Chiune Sugihara. Der in Litauen lebende Konsul nutze seine Befugnisse und gab ab 1940 auf Eigen­initiative Transitvisa nach Japan aus, womit er über 6 000 Juden das Leben rettete.
Die historische Wahrheit von Verfolgung und Flucht müsse anders als lediglich vermittels Fakten und Zahlen erzählt werden, schreibt Ole Frahm im Nachwort. Sie zeige sich auch in privaten Aufzeichnungen und Erfahrungen. Und sie zeigt sich auch auf Comic-Seiten voller rosa Esel und Geisterbeschwörungen.