Ein Gespräch mit dem Gewerkschafter Henry Block über Soziale Arbeit in der ­Pandemie

»Streiks und Demonstrationen sind sehr voraussetzungsvoll im Bereich der Sozialen Arbeit«

Henry Block ist stellvertretender Vorsitzender des Berliner Landesverbands des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit (DBSH), der im gewerkschaftlichen Dachverband DBB Beamtenbund und Tarifunion organisiert ist. Im April eröffnete der DBSH die Kampagne »Dauerhaft systemrelevant« für bessere Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit. Block arbeitet als ambulanter Familienhelfer im Berliner Ortsteil Wedding. Mit der »Jungle World« sprach er über die Ziele der Kampagne und darüber, wie die Covid-19-Pandemie die Soziale Arbeit verändert.
Interview Von

Wie kamen Sie auf die Idee, die Kampagne »Dauerhaft systemrelevant« zu beginnen?

Anzeige

Als im März die ersten Coronaregelungen erlassen wurden und auch die ­Soziale Arbeit als systemrelevant eingestuft wurde, gab es europaweit Ver­abredungen für Konzerte und Applaus für die in solchen Berufen Tätigen. Gleichzeitig erschienen vermehrt Berichte über Menschen aus diesen ­Berufen, die gesagt haben: »Das ist ja ganz nett, dass ihr für mich applaudiert, dafür kann ich mir aber weder etwas kaufen noch schützt mich der Applaus vor dem Infektionsrisiko.« Aus diesem Frust heraus, dass man als systemrelevant eingestuft wurde, jedoch nicht so wirklich etwas davon hatte, haben wir die Kampagne begonnen.

Wie arbeitet Ihre Kampagne?

Alle unsere Mitglieder sind bundesweit im DBSH organisiert, einige zusätzlich auch in anderen Vereinigungen. Die Kampagne wird eher von jüngeren Menschen im Alter von 20 bis 35 Jahren getragen. Wir treffen uns immer montags online. Die erste Phase haben wir gerade abgeschlossen. Da ging es vornehmlich um einen internen kollegialen Austausch über die durch die Pandemie bedingten Probleme. Jetzt sind wir übergegangen in eine zweite Phase, in der wir an einer Strategie arbeiten. Denn das Ziel ist, die Bundestagswahl 2021 zu nutzen und unsere Forderungen in den Wahlkampf einzubringen. Als kleine Gewerkschaft werden wir das aber alleine nicht schaffen. Außerdem wissen wir, dass die Soziale Arbeit nicht die einzige Berufsgruppe ist, die das Problem hat, systemrelevant zu sein, jedoch gering bezahlt zu werden. Deswegen ist es sinnvoll, sich zusammenzuschließen und gemeinsam Forderungen zu stellen.

Auf Ihrer Website laden Sie Sozial­arbeiterinnen und -arbeiter dazu ein, ihre Erfahrungen und Wünsche zu schildern. Welche Probleme wurden Ihnen gemeldet?

Wir haben zum Beispiel Rückmeldungen aus der Arbeit mit Geflüchteten er­halten. In den Sammelunterkünften können die Abstandsregeln kaum ­eingehalten werden, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind einem ­hohen Infektionsrisiko ausgeliefert. Die Berliner Frauenhäuser haben uns erzählt, dass sie einen höheren Zulauf und auch einen extremen Belegungsdruck haben. Dabei ist es nicht immer sinnvoll, ein Haus zu 100 Prozent zu belegen, vor allem nicht in einer so krassen Krisenzeit. Seitens der stationären Jugendhilfe kamen Fragen auf wie: Was passiert, wenn in einer Wohngruppe eine Person positiv getestet wird? Bleibt die zuständige Mitarbeiterin dann 14 Tage im Dienst, weil die Kinder und Jugendlichen ja betreut werden müssen? Inwiefern ist das arbeitsrechtlich vertretbar und emotional verkraftbar?

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den früheren Missständen und dem jetzigen durch die Pandemie bedingten Ausnahmezustand beschreiben?

Die Pandemie hat die früheren Missstände deutlich verschärft. Diese werden auch nach der Pandemie weiterbestehen. Deswegen haben wir die Kam­pagne auch »Dauerhaft systemrelevant« genannt. Mit Hilfe der gebündelten Praxiserfahrungen aus den Zusendungen können wir die Missstände vor und nach der Pandemie konkret aufzeigen.

Was sind die Ziele Ihrer Kampagne?

Unsere obersten Ziele sind eine bessere Vergütung und bessere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel ein höherer Personalschlüssel, mehr Supervisionen, eine bessere Ausstattung der Arbeitsplätze und Diensthandys.

Wie begründen Sie die Forderung nach einer höheren Vergütung?

Eine höhere Vergütung wird klassischerweise mit drei Kriterien begründet. Das erste Kriterium ist Verantwortung. So wird gesagt, ein Manager habe mehr Verantwortung als ein einfacher Mitarbeiter und dürfe deswegen mehr Geld verdienen. Die Soziale Arbeit wurde als systemrelevant eingestuft, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter ­tragen eine hohe gesellschaftliche ­Verantwortung. Das zweite Kriterium ist Komplexität. Die Planung einer Großbaustelle wird als kompliziertere Arbeit gewertet als eine einfache Fließbandtätigkeit. Daher dürfe der Bauingenieur mehr Geld verdienen als der Akkordarbeiter. Die Soziale Arbeit ist ebenfalls kompliziert, da sie emotional herausfordert und nicht einfach nach Schema F erledigt werden kann. Schließlich wird häufig der ­Ausbildungsgrad als Begründung für einen höheren Lohn herangezogen. Da man Soziale Arbeit studieren muss, sehen wir aber auch diesen Grund für einen höheren Lohn durchaus erfüllt.

»Es gibt oft das Bedürfnis, dass die Bemühungen um Veränderung der Arbeitsbedingungen nicht zu Lasten der betreuten Menschen gehen dürfen.«

Sie wollen sich mit anderen zu­sammenschließen. Welche Kooperationspartner haben Sie bisher im Blick?

Wir sind im Austausch mit großen ­Gewerkschaften wie Verdi und der GEW. Man muss jedoch schauen, wie das sinnvoll funktionieren kann, denn üblicherweise stehen die Gewerkschaften in Konkurrenz zueinander. Das wollen wir bei einer trägerübergreifenden Initiative unbedingt vermeiden. Bei der Kampagne »Jugendhilfe-Reklamation« im vergangenen Jahr haben wir bereits erfolgreich mit Verdi zusammengearbeitet. An dieser Stelle muss man erwähnen, dass nur etwa 20 Prozent der deutschen Sozialarbeiterinnen und -arbeiter überhaupt in einer Gewerkschaft organisiert sind.

Der Arbeitskreis kritische Soziale Arbeit Hamburg hat vor kurzem ­einen »Zwischenruf« veröffentlicht. Darin plädiert er dafür, den Begriff »Systemrelevanz« nicht im Sinne von relevant für die Erhaltung, sondern im Sinne von relevant für die Überwindung des Systems zu verstehen. Die in der Sozialen Arbeit ­Tätigen sollten es darauf anlegen, progressiver aus der gegenwärtigen Krise herauszugehen, als sie ­hineingegangen sind. Auf Ihrer Website sprechen Sie an einer Stelle ebenfalls von Systemveränderung. Was meinen Sie damit?

Die Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit. Wenn freie Träger in Konkurrenz zueinander gestellt werden und sich mit Angeboten über­bieten müssen, die dann lediglich über zwei Jahre finanziert werden, kann das für eine höhere Qualität der Arbeit sorgen. Auf der anderen Seite ist das menschlich ziemlich auslaugend sowie demotivierend und senkt damit wieder die Qualität. Manchmal ist es beispielsweise nötig, ein betreutes Haus nicht voll zu belegen. Wenn ein Kind eine intensivere Betreuung braucht, wäre es gut, wenn man nur dieses eine Kind übernehmen könnte und nicht noch drei andere. Das ist aber nicht ­finanzierbar. In Diskussionen über die Ausstattung und Vergütung von Sozialer Arbeit werden die sozialpädagogischen Argumente wie eine Art Beifang betrachtet. Das Soziale muss mindestens genauso viel Gewicht haben wie das Finanzielle.

Ihre Beispiele zeigen, dass alle Forderungen an der Finanzierung scheitern. Müsste man nicht zumindest auch streiken, um seine For­derungen durchzusetzen?

Es gibt oft das Bedürfnis, dass die Bemühungen um Veränderung nicht zu Lasten der betreuten Menschen gehen dürfen. Bei den Tarifverhandlungen im vergangenen Jahr waren das erste Mal sehr viele Menschen aus der ­Sozialen Arbeit auf der Straße. Die Hälfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Jugendämter in Berlin war an diesem Tag nicht zu erreichen. Aber geht das auch in stationären Wohngruppen mit Kindern ohne Aufsichtsperson? Was passiert, wenn die Kinder Streichhölzer entdecken oder Messer? Können die sich verpflegen? Und was passiert bei denen emotional? Wir haben teilweise traumatisierte Kinder, die aus sehr schlimmen Beziehungen kommen, die geprägt waren von Abbrüchen. Wenn dann auch noch die aktuelle Beziehung unterbrochen wird, weil der Bezugsbetreuer oder die Bezugsbetreuerin streikt, wird es für das Kind problematisch.

Kein Streik ist aber auch keine ­Lösung.

Ich habe dazu folgende Haltung entwickelt: Streiks und Demonstrationen sind wirkmächtig und können funktionieren, aber sie sind für mich eines der letzten Mittel, weil sie sehr voraussetzungsvoll sind in der Sozialen ­Arbeit. Außerdem müssen sie anlassbezogen sein. Für höhere Löhne kann man streiken, wenn die Tarifverträge verhandelt werden. Demonstrationen sind geeignet, um Politikerinnen und Politikern während eines Wahlkampfs öffentlich Forderungen zu über­reichen. Ohne Anlass verpufft das im Nirgendwo.