Das neue Album des Bandprojekts Jarv Is von Jarvis Cocker

Voyeuristischer Gesellschaftsdiagnostiker

Jarvis Cocker, der ehemalige Sänger von Pulp, hat nach zwei Soloalben eine Platte unter dem Namen Jarv Is veröffentlicht. Sie hört sich deutlich experimenteller an als ihre Vorgänger.

Bei dem neuen Album »Beyond the Pale«, veröffentlicht unter dem ­Namen Jarv Is, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob es sich um ein weiteres Soloalbum des früheren Pulp-Sängers Jarvis Cocker mit einer Begleitband handelt oder um eine neue Musikgruppe mit Cocker als Frontmann. Im Unterschied zu ­dessen beiden Platten »Jarvis« (2006) und »Further Complications« (2009), die er unter seinem bürgerlichen ­Namen veröffentlichte, sind die anderen Bandmitglieder in der neuen Formation immerhin maßgeblich ins Songwriting eingebunden. Dies gilt insbesondere für Serafina Steer (Harfe, Tasteninstrumente und Gesang) und Jason Buckle (Synthesizer und weitere Electronica), der vor 20 Jahren mit dem Sheffielder Elektropop-Trio The All Seeing I bekannt wurde.

Mit einer getragenen Atmosphäre, dominanten Synthesizern und weiblichem Gesang erinnert »Beyond the Pale« an Leonard Cohens markantes Album »I’m Your Man«, mit dem dieser sich vorübergehend vom gitarrenlastigen Sound verabschiedete.

In jedem Fall ist es der erste reguläre Longplayer Cockers seit mehr als zehn Jahren. Zwar gab es eine Reunion von Pulp in klassischer Besetzung, mit der sie zwischen 2011 und 2013 vor allem eine Reihe lukrativer Auftritte bei Festivals absolvierten, die Band nahm aber keine neuen Songs auf. Vielleicht hat es mit Cockers daran anschließender mehrjähriger Pause zu tun, dass das neue Album mit seinen sieben teils epischen Stücken entschlossener, experimentierfreudiger und ausgereifter wirkt als die beiden früheren Soloalben. Das Debüt von Jarv Is unterscheidet sich auch stilistisch von den eher konventionell rockigen Songs der entfernten Vorgänger. Mit seiner getra­genen, aber spannungsvollen Atmosphäre, dominanten Synthesizern und dem weiblichen Harmoniegesang im Hintergrund erinnert »Beyond the Pale« vielmehr an Leonard Cohens markantes Album »I’m Your Man« von 1988, mit dem dieser sich vorübergehend vom gitarrenlastigen Sound und Songwriting seiner vor­herigen Karriere verabschiedete.

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Gleich im ersten Song, dem andächtig-düsteren »Save the Whale«, versucht Cocker, offenbar den Stil der kanadischen Folk-Koryphäe aufgreifend, möglichst tiefe Basstöne aus seiner Baritonstimme herauszuholen und zu knarzen, so dass manche Melodie nur noch angedeutet werden kann, nervös umspielt von der Violinistin Emma Smith. Die Textzeile »I like it dark« verweist sicherlich bewusst auf Cohens letztes Album »You Want It Darker«, das 2016 kurz vor dessen Tod herauskam. Und so prägnante und doch augenzwinkernde Verse wie »Tell the truth / Hold my hand / Touch the void / Fight the power / Save the whale«, intoniert in gravitätischem Ernst, wirken ebenfalls wie eine Verneigung vor Cohens Sprachkunst. Gleichzeitig kulminiert das Lied in der wiederholten Auf­forderung: »(You gotta) move beyond the pale!« – Du musst die ­Grenzen des Erlaubten (oder Akzeptablen) überschreiten. Damit ist die Richtung des Albums mit dem Gestus eines unmoralischen elder statesman vorgegeben; es handelt unter anderem von einem trotzigen Älterwerden.

Die erste Vorab-Single »Must I Evolve?« erschien bereits vor einem Jahr und stellt sowohl für den Sänger als auch gleich für die ganze biologische Erdgeschichte die existen­tiellen Fragen nach Sein und Werden – ob denn immer alles dazu bestimmt sein muss, sich weiterzuentwickeln. Vom allgemeinen »Must I evolve?« und »Must I develop?« gehen die widerwilligen, halbironischen Nachfragen schnell über zur menschlichen Entwicklung und zum damit verbundenen Zwang des konformisierenden Erwachsenwerdens: »Must I grow up? / Must I grow old? / Must I join in? / And do what I’m told?«, stets beantwortet vom weiblichen Chor­gesang mit insistierendem »Yes, yes, yes, yes«.

Das energische Uptempo-Stück mit Steigerungsbogen legt Vergleiche mit älteren, ausufernden Pop-Nummern von Pulp nahe, etwa mit deren größtem Hit »Common People«. Cockers charakteristischer Sprung um eine Oktave nach oben, den seine Stimme mit spielerischer Eleganz vollzieht, findet sich ebenfalls im Verlauf des Songs, während Schlagzeug und Bass (Adam Betts und Andrew McKinney) unbeirrbar voranpreschen. In »Must I Evolve?« werden sie nur vorübergehend unterbrochen von kurzen Verschnaufpausen mit gesprochenen und gehauchten Monologen, ein weiteres typisches Stilmittel des Sängers.

Die Songtexte Jarvis Cockers ragten immer schon heraus aus dem Gros an Poprock-Gesangsversen, auch im Vergleich zu vielen Zeitgenossen im Britpop und dem britischen Postpunk-Revival der nuller Jahre, deren Bands nicht eben arm an belang­losen Lyrics waren. 2011 erschienen Cockers Texte in Buchform beim ­Verlag Faber & Faber. Der britische Kulturjournalist Owen Hatherley veröffentlichte im selben Jahr bei Zero Books einen Essay zu Pulp unter dem Titel »Uncommon«, in dem er nicht nur die Musik der Gruppe, sondern mehr noch deren Haltung und die Liedtexte Cockers in einen gesellschaftspolitischen Kontext stellt. Das Buch erschien 2012 als »These Glory Days« in deutscher Übersetzung bei Edition Tiamat.

Hatherley stellt heraus, wie die aus der Sheffielder Arbeiterklasse stammenden Bandmitglieder ihrer Herkunft und der damit verbundenen Skepsis gegen politische – falsche – Versprechungen treu blieben, aber auch nicht vergaßen, dass ihnen als jugendlichen Sonderlingen und Nerds auf staatlichen Schulen und am Wochenende in der Innenstadt gerade Angehörige der eigenen sozialen Schicht das Leben schwer gemacht hatten. Hatherley verweist auf den Song »Mis-Shapes« vom Erfolgsalbum »Different Class« (1995) und interpretiert Cockers selbstbewusste Selbstverortung für die Gleichgesinnten: »Wir kommen über die Nebenstrecke, wir sind die wahren Außenseiter, die, die nirgendwo reinpassen, weder in die geschmackvoll arrangierte Welt der Mittelklasse noch in die erzwungene Stupidität des in die Knie gezwungenen Proletariats.« Die Band spielte das Lied jedoch schon bald nicht mehr live, wohl da es ­ihnen allzu plakativ anmutete.

Überhaupt landeten die explizit politischen Stücke von Pulp bisweilen nur auf B-Seiten oder Kompila­tionen, unabhängig von ihrer – oft hohen – Qualität, von »Deep Fried in Kelvin« (1994), das sozialen Wohnungsbau und abstumpfenden Konsumterror thematisiert, bis zu »Last Days of the Miner’s Strike« (2002) über den gesellschaftlich einschneidenden, erfolglosen britischen Bergarbeiterstreik Mitte der achtziger Jahre. Bei »Cocaine Socialism« (1998) handelt es sich um eine Abrechnung Jarvis Cockers mit Tony Blairs verlogener New-Labour-Strategie und dem kulturellen Milieu – zu dem auch andere Britpop-Größen wie Damon Albarn oder Noel Gallagher gehörten –, das sich 1997 bereitwillig vor den politischen Karren spannen ließ, um die Wahlkampagne der vermeintlich sozialistischen Labour Party zu unterstützen. Man stelle sich nur mal vor, eine Band wie Tocotronic hätte damals die Werbetrommel für Gerhard Schröder gerührt.

Der Vergleich hinkt ein wenig, denn Pulp waren nach »His ’n’ Hers« (1994) und »Different Class« in Großbritannien tatsächlich Mainstream-Popstars, vergleichbar Bands wie eben Blur und Oasis, während selbst zur Hochphase des Britpop dessen Protagonisten hierzulande mit einem eher überschaubaren Indie-Publikum vorlieb nehmen mussten. Mit »This Is Hardcore« von 1998 büßten Pulp jedoch speziell im Vereinigten Königreich schlagartig an Popularität ein, selbst wenn sie damit kurzzeitig wieder die Charts anführten und obwohl es sich noch einmal um ein atem­beraubendes Album handelte, wenn man von den letzten Songs ­darauf absieht.

Das sechsminütige Titelstück »This Is Hardcore« gehört sicher zum ­Radikalsten, was eine erfolgreiche Popband auf ihrem Zenit als Single-Auskopplung herausbringen konnte: Das Lied handelt aus teilnehmender Perspektive und mit zynischem Unterton von Hardcore-Pornographie; zudem hat die Songstruktur wenig mit der üblichen Abfolge von Strophe und Refrain zu tun. Die Sozialstudien und (Selbst-)Portraits in den Texten Cockers drehten sich zwar immer schon auch und insbesondere um Sex; das gilt für fast jede Hit-Single von Pulp, sei es »Babies«, »Do You Remember the First Time?«, »Underwear« oder eben »Common People«. Auf »This Is Hardcore«, dem Song wie dem Album, mischt sich aber musikalisch wie sprachlich eine unheimliche Note darunter, die deutlich über die stets doppelbödigen, bisweilen ernüchternden Szenarien vorheriger Werke hinausgeht. Es ist ein grandioser Song auf einem beeindruckenden Album, aber Hatherley schreibt nicht zu Unrecht, es sei »kommerzieller Selbstmord (gewesen), und zwar wegen eines einzigen Kunstwerks und nicht als Konsequenz für unverantwortliche Rockstar-­Allüren«.

Danach ging es für die Musikgruppe, die vor ihrem Durchbruch Anfang der neunziger Jahre bereits mehr als eine Dekade lang beharrlich, aber mit sehr überschaubarem Erfolg ihre art school-Popkarriere verfolgt hatte, zurück in die Indie-­Nische. Daran wird sich für Grandseigneur Jarvis Cocker auch mit ­seiner neuen Band Jarv Is absehbar nichts ­ändern, wenngleich »Beyond the Pale« in mancherlei Hinsicht als ein return to form erscheint, vor allem für Cocker in seiner Rolle als (seiner unseligen Unterstützung der antiisraelischen BDS-Kampagne zum Trotz) kluger Gesellschafts­diagnostiker mit voyeuristischer Neigung.


Jarv Is: Beyond the Pale (Rough Trade ­Records)