Mitglieder der antispeziesistischen Gruppe »Animal Rebellion« relativieren die Shoah

Viel Rebellion, wenig Reflexion

Mitglieder der Bewegung »Animal Rebellion« haben in mehreren Städten Brunnen mit Kunstblut rot gefärbt. Darunter war auch ein Gedenkbrunnen in Köln, der an deportierte jüdische Kinder erinnert.

Mitte Juli färbten Mitglieder der antispeziesistischen Bewegung Animal Rebellion (AR) in mehreren Städten Brunnen mit Lebensmittelfarbe blutrot. Die Aktionen in der Nacht zum 11. Juli waren Teil der weltweiten Kampagne »Blood on Your Hands«. Unter den betroffenen Brunnen war der Löwenbrunnen am Kölner Erich-Klibansky-Platz. Dieser erinnert an die 1 100 aus Köln deportierten jüdischen Kinder, aber auch daran, dass Erich Klibansky als letzter Schulleiter des jüdischen Reformrealgymnasiums Jawne 130 seiner Schülerinnen und Schüler vor dem sicheren Tod retten konnte. Direkt neben den Bronzetafeln mit den Namen der Deportierten prangte der Slogan »Animals Bleed for Human Greed« (Tiere bluten für menschliche Gier) als Sprühkreidebotschaft auf dem Boden.

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Animal Rebellion ist ein Ableger der bekannteren Bewegung Extinction Rebellion (XR), deren Mitbegründer Roger Hallam Ende 2019 die Singularität des Holocaust bestritt und der Zeit sagte, dieser sei ein »fast normales Ereignis« gewesen. Die deutsche Sektion von Extinction Rebellion forderte daraufhin unter anderem auf ihrer Website, dass Hallam die Bewegung verlassen solle, und verlangte vom Rest der Bewegung »Erinnerung, Reflexion und Weiterentwicklung«.

Anscheinend haben diese Worte nicht gefruchtet. Denn im Anschluss an die Aktion in Köln wüteten in sozialen Medien Sympathisantinnen und Sympathisanten der Bewegung, die Reflexion nicht für das Gebot der Stunde hielten. Eine Nutzerin meinte, man solle sich nicht so haben, schließlich werde der Kölner Dom als Gedenkstätte der Hei­ligen Drei Könige auch dauernd angepinkelt. Der Telegram-Channel »Extinction Webellion Lovestorm« rief zu »facts&empathy-Kommentaren« auf; mit »Tatsachen und Einfühlungsvermögen« solle dem »Shitstorm« entgegengewirkt werden.

Mit einem eigentlich als Entschuldigung gedachten Statement machte AR Köln indes alles noch schlimmer. So drückte die Gruppe auf Twitter ihr ­Bedauern darüber aus, dass der »jüdischen Kultur unbeabsichtigt Unrecht getan« wurde. Von ihrer eigenen Verklärung der Deportationen zu einem jü­dischen Kulturgut, aber auch von Solidaritätsbekundungen, die ihrerseits »den Holocaust oder das Denkmal relativieren«, distanzierte sich die Gruppe später in einer zweiten Stellungnahme auf Twitter. Solche Art von Solidarität wiederhole den begangenen Fehler. Außerdem stehe laut der Erklärung von Extinction Rebellion Deutschland die Kölner AR-Sektion nun in Kontakt mit dem Förderverein Lern- und Gedenkort Jawne e. V. sowie der Synagogengemeinde.

Auch wenn man hier Einsicht und Reflexion attestieren möchte, müssten sich die Mitglieder vor allem fragen: Wie kommt es, dass die Tierrechts- und Umweltbewegung eine lange Geschichte von Antisemitismus im Allgemeinen und Holocaustrelativierungen im ­Besonderen hat?

»Nichts spricht gegen zweite Chancen, wenn Menschen glaubhaft Einsicht zeigen, dass ihre Positionen falsch und verletzend waren, und sie sich geändert haben«, heißt es unter anderem in der oben genannten Erklärung zu ­Roger Hallam. Für Einsicht und Schuldbewusstsein braucht es aber ein tieferes Verständnis davon, was Antisemitismus eigentlich ist. AR Köln offenbart mit dem Ringen um die richtigen Worte ihre gravierenden Lücken: Antisemitismus ist nicht – wie es in beiden Statements heißt – eine bloße Form der Diskriminierung, sondern vor allem eine Verschwörungsbesessenheit mit Vernichtungscharakter. Die Aus­sagen Hallams und die Geschehnisse in Köln sind kein Zufall. Immer wieder fallen Akteure aus dem Umfeld von Umwelt- und Tierrechtsbewegungen durch judenfeindliche Aussagen auf.

Es reicht nicht, sich ohne Analyse ­abzugrenzen und zu distanzieren. Die Struktur der antisemitischen Ideologie muss erfasst werden, wenn man nicht immer wieder dieselben Fehler begehen will. Erich Klibansky und ­seine gesamte Familie wurden 1942 deportiert und in einem Waldstück bei Minsk erschossen. Wenn den Aufrufen keine tatsächliche Reflexion folgt, ist der gutgemeinte Aktivismus zum Scheitern verdammt.