Die Kolumnen von Paul B. Preciado

Testosteron im Selbstexperiment

Paul B. Preciado verschmilzt in seinen gerade in Buchform erschienenen Kolumnen Philosophie, Kulturwissenschaft, Kunst und Selbsterfahrung. Viele seiner Texte lassen den Leser allerdings ratlos zurück.

»Willkommen bei Paul B. Preciado – Sie steigen in eine Kapsel, und Sie werden nicht unversehrt wieder herauskommen.« So preist die französische Schriftstellerin Virginie Despentes die Textsammlung »Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken ­eines Übergangs« ihres ehemaligen Geliebten an, die im Frühjahr 2020 in deutscher Übersetzung erschienen ist. Diese Sammlung besteht aus Preciados im zweiwöchentlichen Turnus in der französischen Tageszeitung Libération erschienenen Kolumnen der Jahre 2013 bis 2018. Für die deutsche Ausgabe wurden noch eilig zwei Essays zur Coronakrise hinzugefügt. Paul B. Preciado, den einige als bedeutenden Vertreter zeitgenössischer Queer Theory feiern, ist in Deutschland auch als einer der Kuratoren der Documenta 14 von 2017 bekannt, für die er die umstrittene Performance »Auschwitz on the Beach« der italienischen Künstler Franco Berardi und Dim Sampaio verantwortete (Jungle World 34/2017).

Preciado weigert sich, mit seiner Transition an klassische Vorstellungen von Transsexualität anzuschließen. Demedikalisierung und Entpathologisierung heißt für ihn, nicht abhängig von medizinischen Diagnosen zu sein.

Was die Texte des Buches verbindet, ist die Transition Preciados von einer Frau zu einem Mann und die Schilderung der Erfahrungen, die er in dieser Zeit machte. Jedoch greift er auch einige politische Entwicklungen auf, wie beispielsweise die Flüchtlingskrise, die Finanzkrise oder die Unabhängigkeitsbestrebungen katalanischer Separatisten. »Ich gehe so weit zu sagen, dass es die Übergangsprozesse sind, die uns die globale politische Transformation, mit der wir konfrontiert sind, besser verstehen lassen«, schreibt er in der Einleitung. Preciados Geschlechterübergang begann 2004 mit niedrigen Dosen Testosteron im Selbstexperiment, die noch keine ausgeprägten männlichen Geschlechtsmerkmale zur Folge hatten. Schließlich begann er, die Dosis zu erhöhen, um sichtbare Veränderungen zu ­erzielen. 2016 konnte Preciado seinen Vornamen und Geschlechtseintrag nach spanischem Recht ändern.

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Klassische Definitionen von Transsexualität weist Preciado zurück. Anstatt die Einnahme von Testosteron als Hormontherapie für eine Genderdysphorie bei einer Frau zu verstehen, wollte Preciado »mit dem Testosteron funktionieren, mit seiner Hilfe die Intensität meines Begehrens freisetzen, meine Gesichter vervielfältigen, indem ich meine Subjektivität verwandle, einen Körper herstelle, der eine revolutionäre Maschine ist«. Sein Hormonexperiment hat er in seinem 2016 in der deutschen Fassung erschienenen Buch »Testo Junkie« ausführlich geschildert. Er begreift das Experiment als sogenanntes »Gender Hacking« und bettet dieses in eine gesellschaftspolitische Analyse ein, nach der unser Zeitalter ein »pharmapornographisches« sei. Damit ist man bei dem faszinierendsten Aspekt von Preciados Schreiben angekommen: Der Verschmelzung von Philosophie, Kulturwissenschaft, Kunst und Selbsterfahrung. In seinem Text »Attraktion des Bruchs« werden seine Verbindungen zu Theorien von Jacques Derrida, Michel Foucault und Judith Butler und sein Streben nach Transformation des Selbst besonders betont. »Für den Subalternen heißt Sprechen nicht allein, der performativen Gewalt des herrschenden Diskurses zu widerstehen. Es heißt auch, dissidente Theater zu ersinnen, in denen es möglich wird, eine andere performative Kraft zu erzeugen.«

Die Suche nach einer »anderen performativen Kraft« steht im Zentrum all seiner Texte, so auch in dieser Anthologie. Die biologische Zweigeschlechtlichkeit ist für Preciado lediglich eine »willkürliche und historisch überschätzte Ästhetik«, die überwunden werden müsse. »Jeder Körper, der sich dieser binären Ästhetik nicht fügt, wird pathologisiert und folglich zum Gegenstand einer als Therapie verkappten Normalisierung«, heißt es in seinem Text »Intersexizid«. Das Ziel müsse daher »die Demedikalisierung und Depathologisierung« von Trans- und Intersexualität sein, verbunden mit dem Eintreten für »morphologische und neurologische Vielfalt«, was nur durch die »Abschaffung des binären Geschlechter- und Gendersystems und seiner institutionellen und administrativen Durchsetzung« geschehen könne. In einem anderen Text spitzt Preciado das gar zu der Forderung zu, dass es eine »Revolution im System der Körpervorstellung« brauche, die ebenso radikal sein solle wie die, »die Kopernikus im System unserer Vorstellung von den Planeten vollzogen hat«. Dafür müsse die »Sprache der Geschlechterdifferenz und -identität« vollständig aufgegeben werden, mit Verweis auf Gayatri Chakravorty Spivak und Rosi Braidotti gilt ihm jede Identität als Übel.

Für Preciado sind Geschlecht und Sexualität nur als durch diskursive Techniken und politische Praktiken entstandene »Formen des Körpergebrauchs« denkbar, die anhand der Kategorien »natürlich« und »abweichend« unterschieden werden. Dieser radikale Gestus knüpft unmittelbar an Judith Butler an, deren Perfomativitätsbegriff Preciado übernimmt. Im Text »Der Mut, man selbst zu sein« wünscht er seiner Leserschaft, »dass Sie nicht länger die Kraft zur Wiederholung der Norm finden, nicht länger die Energie zur Behauptung der Identität.« Die Revolution erfordere »ein Aussetzen der Geste, eine Unterbrechung der Äußerung (…) oder einen klaren Schnitt in die lebendige Sprache, um eine differánce im Sinne Derridas in sie einzuführen«. Preciado weigert sich, mit seiner Transition an klassische Vorstellungen von Transsexualität anzuschließen. Demedikalisierung und Entpathologisierung heißt für ihn, nicht abhängig von medizinischen Diagnosen zu sein. In »Testo Junkie« formuliert er wesentlich radikaler, dass er Sexualhormone als frei zugängliche »Biocodes« betrachtet, deren Gebrauch weder vom Staat noch von Pharmaunternehmen reguliert werden dürfe.

Die aktuellen Debatten über Transsexualität gehen in eine ähnliche Richtung. Viele Transaktivisten fordern schon länger Zugang zu medizinischen Behandlungen wie einer Hormontherapie oder Operationen, der ohne sogenannte »Gatekeeper«, das heißt ohne psychiatrische Diagnostik und Begleittherapie auskommt. In den USA gibt es einige wenige von der LGBTI-Community finanzierte Gesundheitszentren, in denen Transsexuelle eine Hormontherapie auf der Basis des informed consent-Prinzips beginnen können. Dieses Prinzip verzichtet auf eine psychiatrische Diagnostik. Stattdessen steht Aufklärung über Nutzen und Risiken im Mittelpunkt und der Behandlungssuchende willigt dann in die Therapie ein. Paul B. Preciado hat laut eigener Aussage 2014 ein solches Center aufgesucht und sich dort ärztliche Atteste ausstellen lassen, um den Grenzbereich des medizinisch unbegleiteten Selbstversuchs zu verlassen.

Auch in der ärztlich-psychiatrischen Begleitung gab es einen Paradigmenwechsel. Ging es vorher eher um eine Auswahl von Patienten, die für geeignet gehalten wurden, Hormontherapien und chirurgische Eingriffe zu erhalten, so ist heute das affirmative Modell der Standard in der medizinisch-psychiatrischen Diagnostik und Behandlung von Genderdysphorie. Die Selbstäußerungen des Klienten werden grundsätzlich akzeptiert und es geht vor allem um die Unterstützung auf dem weiteren Weg. Ein reflexives Hinterfragen des Bedürfnisses nach geschlechtsangleichenden Behandlungen hingegen wird gerade von etlichen Transaktivisten als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte gesehen und von einigen sogar in die Nähe von Konversionstherapien gerückt. Dabei läuft man im Aktivismus bisweilen Gefahr, Freiheit und Verantwortungslosigkeit miteinander zu verwechseln, wenn Menschen mangels informierter Reflexion Entscheidungen treffen, deren medizinisch irreversible Folgen sie im Nachhinein gar bereuen.

Medizinische Innovationen können grundsätzlich positive Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen haben. Jedoch ist jeder Körper individuell und das Glücksversprechen kann daher auch unerfüllt bleiben, wenn Medikamente oder Operationen unerwünschte Folgen haben. Doch mit einer realistischen, differenzierten Betrachtung tut man sich in diesem Milieu schwer. Preciado macht sich gleich in seiner Einleitung einen schlanken Fuß, wenn er schreibt, dass es in seinen Kolumnen weder Pädagogik noch Moral gebe und er auch keine Aufklärung biete, was eine Behandlung mit synthetischem Testosteron im Körper bewirkt. Gleichzeitig glorifiziert er die Wirkung dieses Hormons, wobei als interessante Differenz dazu auffällt, wie die PrEP, eine medikamentöse HIV-Prophylaxe, von ihm in einem Text von 2015 bewertet wird. Ebenso wie der Pille zur Schwangerschaftsverhütung bescheinigt Preciado der PrEP, dass diese weniger das Leben der Konsumenten als vielmehr ihre Ausbeutbarkeit optimiere. Das Medikament diene der »Knechtschaft« und bekräftige »die sexualpolitische dominierende Position der normativen Männlichkeit«. Das geht vollkommen an dem vorbei, wie PrEP von Schwulen in der Realität benutzt wird. Für viele bedeutet die PrEP eine bis dato unvorstellbare Erleichterung, war doch, seit das HI-Virus bekannt ist, Sex immer mit Angst vor einer Infektion verbunden. All die intensiven pädagogischen Bemühungen, die den Gebrauch von Kondomen zum Inhalt hatten, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich viele nach sexuellen Ausschweifungen mit sorgenfreiem Austausch von Körperflüssigkeiten sehnten.

Deutlich gewinnbringender und berührender sind Preciados Kolumnen, in denen er eigene Erfahrungen schildert, so beispielsweise im Text »Der Sohn«, in dem er über die Schwierigkeiten mit seinen Verwandten und den Bekannten in seinem konservativen Heimatdorf berichtet, nachdem er sich als Transmann geoutet hatte. Während diese Texte sehr zu empfehlen sind, lassen andere einen eher ratlos und frustriert zurück. Frustriert, weil Preciado in fast schon dadaistischer Weise über Geschlecht, Körper und Sexualität schreibt, die bei manchen angesprochenen Themen geradezu unangemessen wirkt, und ratlos, weil Preciado sich in einem fort an der »cis-heteronormativen Welt« abmüht, was auf Dauer eher formelhaft und pseudoradikal statt analytisch gerät. Virginie Despentes hat schon recht: Man kommt aus der Lektüre nicht unversehrt heraus.

Paul B. Preciado: Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken eines Übergangs. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Suhrkamp, Berlin 2020, 368 Seiten, 20 Euro