Das Kabarett der Lisa Eckhart

Diskurs-Vampir

Das Kabarett ist kein Geschichtsseminar. Warum man Lisa Eckharts Zweideutigkeiten ­verteidigen muss.

Anämisch blass, mit krallenartigen Fingernägeln steht sie im Dunkeln. Mal nimmt Lisa Eckhart die Gestalt eines notorischen Frauenhassers (»Frauen haben es immerhin vom Scheiterhaufen hinter den Herd geschafft«) an, mal die eines deutschen Kleinbürgers. Immer kultiviert sie einen düster-eleganten, vampirischen Habitus. Mit ihrem Humor der fiesen Sorte treibt die österreichische Kabarettistin nicht wenige Leute senkrecht die Wände hoch. Vor fast zwei Jahren trat Eckhart in der Comedy-Sendung »Mitternachtsspitzen« auf. Sie riss einen Gag, der mit großer Verspätung, dafür aber umso heftiger für Entrüstung sorgt. Zu betonen, dass der inkriminierte Witz schon Patina angesetzt hatte, als er unvermutet zum Gegenstand einer Debatte über Antisemitismus wurde, ist insofern nicht ganz unwichtig, weil der Vorwurf erhoben wird, Eckhart habe termingerecht einen Skandal geliefert, um ihr jetzt erscheinendes Buch »Omama« besser verkaufen zu können. Das wäre mal vorausschauende Karriereplanung!

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Aber spätestens nach ihrer Ausladung von einem Hamburger Literaturfestival in diesem Sommer geht es um so Grundsätzliches wie Kunst- und Meinungsfreiheit, cancel culture und die Grenzen von Satire. Der besagte boshafte Gag, dargeboten zu Beginn der »Me too«-Kampagne, biegt um mehrere Ecken. Zur Erinnerung: Eckhart spricht das vermeintliche Tabu an, dass drei der Vergewaltigung Bezichtigten, Roman Polanski, Harvey Weinstein und Woody Allen, Juden sind; lässt ihr Publikum eine Weile zappeln, kriegt scheinbar die Kurve (»Nein, es geht den Juden gar nicht wirklich ums Geld«), um schließlich die Pointe des doppelten Ressentiments zu zünden: »Denen geht’s um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.«

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundes­regierung, Felix Klein, stufte diese und andere auf der Bühne getätigten Äußerungen als »antisemitisch, rassistisch und menschenverachtend« ein. Dabei wird hier vorgeführt, wie hart­näckig und zugleich wandelbar das anti­semitische Ressentiment ist. Man hat es an einer Stelle ausgetreten, aber es flammt an anderer Stelle umso heftiger auf. Der Witz beruht auf ­einem Schema, das Eckhart immer wieder durchdekliniert. Expositio, Complicatio und Pointe, so baut man einen Witz. Vollgepumpt mit den Theorien von Slavoj Žižek und Jacques Lacan, die sie nach ei­genem Bekunden verehrt, spielt die Kabarettistin mit den Affekten des Publikums, gibt sich harmlos, zieht die anderen auf die eigene Seite, um sie dann gnadenlos zu entblößen. Wie ein Vampir nährt sie sich von den Widersprüchen identitätspolitischer Diskurse. Sexpositiver Feminismus – Eckhart oder besser ihre konzeptuelle Bühnenfigur ist dafür: Sie hat doch nicht mit Professoren geschlafen, um ihr Studium zu finan­zieren. Nein, sie hat nur deshalb studiert, um mit Professoren zu schlafen.

Eine andere Provokation dreht sich um anti­asiatische Klischees. Mit gesenkter Stimme sagt sie: »In China essen sie Hunde«, fährt sich dann selbst über den Mund: »Das ist doch Unsinn«, um nach einer Pause mit vulgärer, kerliger Stimme zu brüllen: »In China essen sie alles: Hunde, Schlangen, das zweite Kind!« Eckhart ist eine Virtuosin des uneigentlichen Sprechens, das notwendigerweise zweideutig und damit immer auch Quell von Missverständnissen ist. Ihren Zustand auf der Bühne beschreibt sie als »schlafwandlerische ­Bewusstlosigkeit«. »Chamäleonartig« verwandele sie sich dem jeweils »Letzten an, der mit mir ­gesprochen hat«.

Man kann diese Künstlerin verteidigen, ohne gleich für ein Ende der Diskussion etwa über Positionen wie die Achille Mbembes zu votieren. Im Kabarett gelten einfach andere Regeln als in geschichtspolitischen Debatten. Was hier nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich geboten ist, ist dort gerade falsch. Das gilt auch für Lisa Eckhart. Laut Wikipedia hat Eckhart beziehungsweise ­Lasselsberger, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, eine Masterarbeit über Weiblichkeit und ­Nationalsozialismus auf Basis der Tagebücher Joseph Goebbels’ verfasst. Die Freie Universität Berlin hat den Text abgelehnt. Wenn sich die Verfasserin darin eindeutig zweideutig geäußert haben sollte, wäre das an der Stelle so wenig akzeptabel, wie es im Kabarett notwendig ist.