Ein Gespräch mit dem Gewerkschafter Mark Richter

»Eine Prise Größenwahn gehört dazu«

Die Industrial Workers of the World (Wobblies) propagieren die Selbstorganisation in Form der militanten Untersuchung. Mark Richter berichtet über seinen Besuch bei Gewerkschaftern in den USA und vergleicht deren Kämpfe mit denen in Deutschland.
Interview Von

Mark Richter ist Mitglied der Industrial Workers of the World, die auch als Wobblies bezeichnet werden, und dort in der Abteilung für Organizing im deutschsprachigen Raum aktiv. 2016 war er in den USA und interviewte kämpfende Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Er arbeitet als Sozialarbeiter in Bremen.

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Unter dem Titel »Gewerkschaft zum Selbermachen« habt ihr eine Reportage über drei erfolgreiche Kampagnen der Industrial Workers of the World in den USA im Netz veröffentlicht. Welche Kampagnen waren das?

Es geht um Kampagnen in der System­gastronomie, den Geschäften der Café-Kette Starbucks in New York, der Sandwich-Kette Jimmy John’s in Minneapolis und der Fastfood-Kette Burgerville in Portland. Die Systemgastronomie gehört zu den Branchen des Landes mit den meisten Beschäftigten und viele der Genossinnen und Genossen haben Arbeitserfahrungen in diesem Bereich. Dazu kommt: Essen müssen Menschen immer, auch in Krisenzeiten.

»Solange die USA noch die Hegemonialmacht sind, kommen die dort entwickelten Sozial­techniken mit circa fünf bis zehn Jahren Verspätung hier an.«

Was hat euch dabei am meisten überrascht?

Wir haben alle sehr ähnliche Probleme, wenn auch unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Wir trafen dort Genossinnen und Genossen, die in ihrer WG oder linken Kneipe unzufrieden waren und sich dachten: Jetzt reicht’s. Wir suchen uns eine Firma, lassen uns anstellen und holen uns, was wir brauchen. Das entspricht auch unserer Lebens­realität.

Was sind Voraussetzungen für erfolgreiche Organisierungskonzepte?

Dieselben wie bei fast jeder politischen oder sozialen Organisierung: eine solidarische und stabile kleine Gang aus einer Handvoll Leuten, ein bisschen Vorwissen, der Mut zum Probieren und Scheitern und eine Prise Größenwahn. (lacht)

Ihr sprecht von »Organizing«. In den DGB-Gewerkschaften wird darunter häufig die Aktivierung der Mitglieder verstanden. Wie unterscheidet sich euer Begriff davon?

Der Hauptunterschied liegt darin, zu verstehen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen nicht grundsätzlich passiv sind, sondern eine gewisse Form proletarischer Autonomie immer vorhanden ist: Klauen im Betrieb, öfter mal krankmachen oder einfach Anweisungen ignorieren. Die entscheidende Frage ist: Können wir diese Formen kollektiv wenden und zur effektiven Waffe machen? Aber das klappt bei mir im Betrieb auch seltener, als ich mir wünsche. (lacht)

Was unterscheidet die Gewerkschaften und die IWW in den USA von den Gewerkschaften hierzulande?

Die USA haben eine sehr blutige Geschichte des Klassenkampfs, in der viele erschossen wurden. Der Fordismus, die Idee des standardisierten Fließbands, wurde zuerst in den Schlachthöfen Chicagos erprobt und dann auf die Autoproduktion übertragen. Der geringe Standard des Sozialstaats und die fehlende Sozialpartnerschaft zwangen die IWW und die gesamte Linke zu heftigem und militantem Widerstand. Die Wobblies haben die Geschichte, die Gewerkschaft der Ausgeschlossenen zu sein: sogenannte Ungelernte, Frauen und people of color.

Welche Methoden haben die IWW in den USA in ihren Arbeitskämpfen angewandt?

Wir arbeiten weltweit mit dem gleichen Handwerkszeug, unseren Organizing-Workshops. Im Prinzip ist das das Werkzeug zur Selbstorganisation in Form der militanten Untersuchung (auf Karl Marx’ »Fragebogen für Arbeiter« ­zurückgehendes, im Italien der sechziger Jahre weiterentwickeltes Konzept der Untersuchung von konkreten Arbeitsbedingungen zum Zweck der Intervention im Betrieb, Anm. d. Red.). Unsere Erfahrung ist: Vor allem die Anekdoten und kleinen Widerstandsgeschichten helfen uns in Kämpfen. Wir haben versucht, diese einzufangen und für Interessierte aufzubereiten. Am Ende ist es uns wichtiger, Klassenmacht aufzubauen, als unsere Organisation zu vergrößern.

Was ist davon auf Deutschland übertragbar?

Deutschland, die USA und China sind die weltweit führenden Länder im Hinblick auf Herrschaftstechniken. Solange die USA noch die Hegemonialmacht sind, kommen die dort entwickelten Sozialtechniken mit circa fünf bis zehn Jahren Verspätung hier an. Oder aber Unternehmen wie Google, Amazon und McKinsey versuchen, diese hier direkt über ihre Unternehmen durch­zusetzen, selbstverständlich dann auch mit einer Anpassung an deutsche Verhältnisse. Wer heute an der Uni BWL studiert, lernt sehr ähnliche Techniken. Für uns als Linke gilt dann ebenso: Wenn wir die Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen im Widerstand kennen, können wir uns potentiell effektiver wehren.

Die IWW haben eine militante ­Geschichte. Als besonders effektives Mittel der Wobblies im Klassenkampf erwies sich die Aktionsform der Sabotage. Spielt das noch eine Rolle?

Prinzipiell ja. Wenn wir aber mal die ganze sagenumwobene Geschichte kurz zur Seite schieben, bleibt am Ende übrig: Wir nutzen die Aktionsformen, die wir für richtig halten, nicht nur jene, die der Gesetzgeber für legal hält. Die offensiven Aktionsformen sehen dann im Care-Sektor anders aus als auf dem Bau oder der Gastronomie.

Ihr schreibt, dass gewerkschaftliche Organisierung die »Keimformen ­einer neuen Gesellschaft in der Schale des Alten« beinhalte. Wie lassen sich vereinzelte Widerstandsakte zu kollektivem Handeln verbinden?

Als Erstes: Zuhören! Das fällt ja vor allem uns Männern oft schwer. Nur wenn wir Handlungsgründe von Kollegen und Kolleginnen verstehen, wissen, was ihre jeweiligen Ängste sind, können wir solidarische Beziehungen aufbauen, um der Gegenseite etwas abzuringen. Der Aspekt unserer militanten Untersuchung liegt dann immer darin, zu zeigen, wie die Chefs von unserer Angst profitieren. Wichtig ist, dass gemeinsame Erfahrungen früh gemacht und miteinander geteilt werden.

Wie verhält es sich mit reaktionären Mustern, die nicht nur, aber auch in der Arbeiterklasse zu finden sind, wie Rassismus oder Sexismus?

Wer Gegenmacht im Betrieb oder anderswo in der Gesellschaft aufbauen will, muss ehrlich zu sich selbst sein. Wir haben einige Erfahrungen in Betriebsgruppen im Callcenter und im Care-Sektor, in der Gastronomie, im Handwerk und in der Großindustrie. Einige Gruppen sind sehr vorsichtig darin, von ihrer Arbeit zu berichten. Leider sind diese Kerne oft instabil. Das hat nur zum kleineren Teil mit Unfähigkeit zu tun, sondern mehr mit der gesellschaftlichen Situation. Gleichzeitig gilt: Zum Aufbau von Solidarität gehört Kritik und Selbstkritik durch offene Konfrontation.

Wen wollt ihr vor allem erreichen?

Das Schöne ist, wir sind eine Organisation von Malocherinnen und Malochern, die auch heute zum Teil unserer Geschichte des proletarischen Kosmopolitismus entspricht. Viele von uns sprechen mehrere Sprachen, haben eine Migrationsbiographie. Wir bekommen regelmäßig Zuzug von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern. Die Akademikerinnen und Akademiker unter uns sind oftmals Aufstiegskinder oder haben gewerkschaftlich organisierte Eltern. Wir ­haben aber nicht genug politisch Erfahrene: Genossen und Genossinnen, die ein Treffen strukturieren können, strategische Überlegungen und Analyse mitbringen. Leider sind wir weniger erfolgreich, als wir gerne wären. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Die Reportage über basisgewerkschaftliche Organisierung in »gewerkschaftsfernen« Branchen der USA findet sich unter. https://story.wobblies.org/de