In Beirut verrichten junge Freiwillige Räumarbeiten

In den Trümmern von Beirut

Inmitten der sich verschärfenden Coronakrise im Libanon verrichten Trupps junger Freiwilliger Räumarbeiten, weil die Regierung sich wenig darum kümmert, und verteilen Hilfspakete mit dem Nötigsten zum Überleben.

Dutzende junger Leute drängelten sich am Montagmorgen voriger Woche am Eingang des »Base Camp« an der Rue de l’Arménie im Zentrum des einst beliebten Beiruter Ausgehviertels Mar Mikhaël. Der Stadtteil grenzt unmittelbar an den Hafen und wurde von der Explosion am 4.August, bei der mindestens 190 Menschen getötet und mehr als 6 000 verletzt wurden, stark zerstört. Am Tor zum Camp hängt ein großes rotes Schild, es fordert die Menschen auf, Masken zu tragen. Die Zahl der Covid-19-Infektionen ist im Libanon seit der Explosion stark angestiegen. Diszipliniert warten die jungen Leute in der Schlange. Sie müssen sich vor ihrem Einsatz als freiwillige Helfer registrieren. Dann erhalten sie eine gelbe Warnweste, anschließend werden ihnen Aufgaben zugeteilt.

Anzeige

Das Base Camp liegt direkt neben Beiruts altem Bahnhof. Der letzte Zug fuhr hier vor einem halben Jahrhundert ab. Nun spenden die verfallenen Hallen des Bahndepots den Helfern zumindest noch etwas Schatten. In einer Ecke des Camps stapeln Freiwillige emsig Hilfspakete. Gegenüber stehen ein paar Tische unter Pavillons, an ihnen sitzen junge Leute an Computern. Miriam, eine Helferin, erklärt: »Das ist unsere Zentrale, hier erfassen wir den Bedarf und leiten das an die Außenteams weiter.« Die von der Explosion Geschädigten können sich telefonisch oder über ein Online-Formular bei den Helfern melden. »Sie teilen uns mit, was sie brauchen und wo sie wohnen, und wir schicken dann ein Team raus.«

»Wir sind nur noch im Überlebensmodus und taumeln von Krise zu Krise: Wirtschaftskrise, politische Krise, Coronakrise, die Explosion.« Rabieh, freiwilliger Helfer

Die Freiwilligen arbeiten mit einfacher, aber effektiver Technologie. Die erfassten Daten werden mit einer Markierung und einer kurzen Beschreibung auf Google Maps hinterlegt. Die Außenteams können die Daten abfragen und die entsprechende Hilfslieferung laden. »Wenn wir alle Informationen kriegen, klappt das ganz gut«, sagt Miriam. Die Hilfe ist nur aufgrund zahlreicher Geld- und Sachspenden möglich. »Hinzu kommen etwa ein Dutzend Scout-Teams«, sagt sie. »Sie fahren die Straßen ab und notieren Schutthaufen auf der digitalen Karte. Räumteams fahren anschließend raus, um sie wegzuschaffen.« Die Scouts gehen außerdem von Haus zu Haus, um den möglichen Bedarf von Menschen zu erfragen, die kein Telefon oder Internet haben. Dies betreffe insbesondere ältere Leute: »Häufig wissen sie nicht, wie sie uns kontaktieren können.«

»Ein Paket Windeln für ein zweijäh­riges Kind, einmal Windeln für ein Neugeborenes, Seife und Babynahrung, schnell!« ruft Rabieh an der Packstation. Hier werden die Kartons mit dem Nötigsten gepackt: Lebensmittel, Hygi­eneartikel und Windeln. Die Stimmung ist hektisch. »Wir haben eine Lieferung, die schnell raus muss, der Wagen wartet schon«, sagt der 22jährige. Rabieh kommt aus Saida, einer Stadt 50 Kilometer südlich von Beirut. »Ich bin direkt nach der Explosion hierher gekommen, um zu helfen.« Erst versorg­­te er Verwundete, nun befüllt er Kartons mit dem Lebensnotwendigen. Er pendelt jeden Tag. »Wenn wir nicht einspringen, wer dann?« fragt er frustriert. Die Regierung helfe kaum, die Ordnungskräfte überwachten lediglich den nach der Explosion verhängten Ausnahmezustand.

Die Regierung rechtfertigt diesen mit der Gefahr von Plünderungen und der angeblich unsicheren Lage. Der Helfer hingegen ist sich sicher: Der Ausnahmezustand diene lediglich dazu, die Proteste zu ersticken. Seit der Explosion trinke er sehr viel. »Die ersten Nächte nach dem libanesischen 9/11 konnte ich nicht einschlafen, ich war innerlich zerbrochen.« Nun gehe es ihm wieder etwas besser, immerhin lasse der Whisky ihn zur Ruhe kommen. »Eigentlich leben wir bereits nicht mehr. Wir sind nur noch im Überlebensmodus und taumeln von Krise zu Krise: Wirtschaftskrise, politische Krise, Coronakrise, die Explosion. Und nebenbei müssen wir auch noch trauern.«

Eine Helferin kommt angelaufen und ruft: »Beeilt euch, die Lieferung muss sofort raus.« Freiwillige eilen herbei und bilden eine Menschenkette. Sie reichen die Pakete weiter über zehn Stationen, als einer der Freiwilligen zusammenbricht. Er schreit und schlägt um sich. »Schnell, schnell!« ruft Rabieh, dieses Mal nach einer Psychologin. Neben einer kleinen Krankenstation gibt es auch psychologische Erste Hilfe im Camp. Die anderen machen derweil weiter. In ­wenigen Minuten ist das Fahrzeug beladen und fährt davon. Der kollabierte Helfer habe bei der Explosion seinen Bruder verloren, sagt Rabieh später. Das kollektive Trauma nach dem Schock vom 4. August liegt weiterhin spürbar über der Stadt.

Tags darauf schiebt sich Georges kleiner, weißer Daihatsu-Laster langsam durch die engen Straßen Beiruts. George schaut auf sein Telefon. »Gleich sind wir da, nur noch ein paar Straßenzüge«, ruft er den anderen auf der Ladefläche zu. Der Räumtrupp soll Glasscherben einsammeln und orientiert sich zu den Markierungen auf der digitalen Karte, die zahlreiche Scouts zuvor gesetzt haben. Am Ziel angekommen springt der Trümmertrupp ab und beginnt mit Schaufeln, Besen und Händen die Scherben auf den Lkw zu laden. »Die Beiruter sollen den Schutt nach Möglichkeit bereits vorsortieren«, sagt George. »Das Glas können wir recyceln.«

Die Druckwelle der Explosion am 4. August ließ Fenster in bis zu sechs Kilometern Entfernung bersten. In weiten Teilen der Hauptstadt geht man auch jetzt noch auf einem Teppich aus feinem Glasstaub. »Das wird wohl bis zum ersten Regen so bleiben«, vermutet George. Nach 30 Minuten ist der erste Haufen weggeräumt. Der Kleinlaster fährt zur nächsten markierten Stelle. Ein Mann ruft, die Helfer möchten die Trümmer vor seinem Haus mitnehmen. »Nein, nein«, erwidert George, »heute nur zerbrochenes Glas.« George kommt aus Zahlé, einer christlichen Stadt in den Bergen. »Vor der Explosion war ich Busfahrer«, sagt er. »Allerdings war ich die letzten Monate wegen Corona arbeitslos. Die Schulen sind ja alle geschlossen. Die Explosion war für mich gewissermaßen ein Segen«, ergänzt er etwas beschämt. Nun zahlt ihm eine NGO ein kleines Gehalt.

Nach einer Weile hält der Kleinlaster im Beiruter Nobelviertel Ashrafieh. Hier sind die Straßen etwas geräumiger und die Häuser schmucker. Der Trupp springt von der Ladefläche und beginnt, mit Schaufeln die Eimer zu füllen. Die Helfer kippen das Schuttgut auf die mittlerweile halbvolle Ladefläche. Es staubt. Ein Pärchen geht vorbei und beschwert sich: »Passt doch auf! Ihr macht nur Dreck. Wir haben jetzt den ganzen Staub in den Haaren. Trottel.« George zuckt mit den Achseln.

Drei Soldaten nähern sich dem Trupp. Ein Offizier fordert ihn auf, Schutt aus einer Wohnung im sechsten Stock eines benachbarten Hauses zu räumen. »Vielleicht ein hohes Tier«, murmelt George. Er zuckt erneut mit den Achseln und erfüllt den Wunsch der Soldaten. Die Armee vollzieht an diesem Tag eine großangelegte Aktion in Ashrafieh – zwei Wochen nach der Katastrophe. Hunderte olivgrüne LKW und über 1 000 Soldaten sind angerückt und verteilen Hilfspakete. Räumen ist nicht ihre Aufgabe. »Eklatantes Staatsversagen«, kommentiert George den verspäteten Einsatz.

Am Ende des Arbeitstags hat der Räumtrupp etwa fünf Tonnen Glas aufgesammelt. Die Fracht wird am Base Camp abgeladen. Dann müssen die Helfer noch das Gummi und das Aluminium von den Splittern entfernen. Anschließend gehe das Glas in die Wiederverwertungsanlage nach Tripoli im Norden des Libanon, berichtet George. »Fahren wir morgen wieder Glas sammeln?« fragt Yusuf, ein Helfer. »Nein«, entgegnet ihm George, »die Stadtverwaltung hat uns untersagt, hier abzuladen.« »Warum?« will Yusuf wissen, »es gibt doch noch massig Platz hier.« »Heek«, antwortet George, das bedeutet im libanesischen Arabisch so viel wie »einfach so«. »Vielleicht, weil wir allen die Inkompetenz und die Ignoranz ­unserer eigenen Regierung verdeutlichen«, mutmaßt er noch. Dann machen die Freiwilligen Feierabend.

Am Montag ist Paul auf dem Märtyrerplatz, dem zentralen Kundgebungsort, wo die Proteste im Oktober vergangenen Jahres angefangen hatten. Paul ist kein Helfer mehr. »Kurz nach dem Knall war ich voller Energie. Ich hatte die Kraft der Explosion in mir: Ich half, packte mit an, dachte, nun würden die Leute aufwachen. Das ist vorbei«, sagt er resigniert. Seit mittlerweile drei Wochen wird er bedroht.

Am »Samstag des Zorns«, dem 8. August, als sich die Wut vieler Libanesen auf die Regierung bei Zusammenstößen mit den Ordnungskräften entlud, war auch Paul dabei. Er platzierte sich mit einem Banner, auf dem er die Hizbollah kritisierte, an einer großen Straßenkreuzung in Beirut. »Mir war klar, dass es gefährlich ist, die ›Partei Gottes‹ öffentlich zu kritisieren, deshalb habe ich mich direkt neben einen Trupp Soldaten gestellt.«

Es dauerte keine sieben Minuten, da waren Paul und seine Freunde von 17 Mopeds mit Hizbollah-Anhängern eingekreist. »Die Armee hat uns nicht ­geholfen, als sie uns attackiert haben.« Schließlich rannten Paul und seine Gruppe weg. Am Ende konnten die Hizbollah-Anhänger Paul aber ausfindig machen, seither erhält er Morddrohungen über Twitter und Facebook. Zwar werde die »Partei Gottes« seit der Explosion auch von schiitischer Seite häufiger kritisiert, aber letztlich würden die Schiiten sich nicht von der Partei abwenden, ist sich Paul sicher. Er denkt nun wie viele andere Libanesen daran, das Land zu verlassen. »Im Libanon wird sich nichts verändern.«

Unweit des Märtyrerplatzes findet am selben Tag eine Demonstration der Regierungsanhänger statt. Sie fordern die versprochene Aufklärung ein, wie es zur Explosion kommen konnte. Jaad kommt gerade von dort. Er ist zwar kein Regierungsanhänger, unterstützt aber die Forderung der Demonstranten. Er glaubt nicht daran, dass es eine unabhängige Untersuchung geben wird. Den Appell des Präsidenten Michel Aoun vom Vortag, das ethnokonfessionelle System abzuschaffen, bezeichnet er als Finte. Er kommt gerade von der Gegenkundgebung. »Vor und nach dem zweiten Besuch des französischen Präsidenten Macron machen sie viel Wind.« Die Systemparteien handelten nur, wenn sie unter Druck gerieten, »dann basteln sie an irgendeiner ihnen gefälligen Lösung«, sagt Jaad. Die Nominierung Mustapha Adibs als Ministerpräsidenten vergleicht er mit der Bildung der vorherigen Regierung: »Dasselbe, nur ein bisschen anders.« Erneut hätten sich die großen Parteien auf einen Kandi­daten geeinigt und die Wünsche der Protestbewegung ignoriert. »Ihre Allianz scheint unzerbrechlich.«