Geschlechterrollen am DJ-Pult

Die Hand am Regler

Frauen, nichtbinäre und transgeschlechtliche Personen stehen heute häufiger hinterm DJ-Pult als früher. Das heißt noch lange nicht, dass es für sie einfach geworden ist.

Stacey Lees Dokumentation »Underplayed« präsentiert unschöne Fakten aus der Welt der Techno-DJs: Im vergangenen Jahr waren nur fünf Prozent der »100 Top-DJs« Frauen, in den »internationalen Top-Clubs« legten lediglich sechs Prozent weibliche DJs auf. Der 2019 entstandene Film feiert beim diesjährigen Toronto International Film Festival Mitte September Premiere. »Underplayed«, von Lee mit einem ausschließlich weiblichen Team realisiert, zeigt unter anderen Alison Wonderland und Tygapaw beim Auflegen vor riesigen feiernden Menschenmengen – auf Festivals, bei denen sie oft die jeweils einzigen weiblichen Acts waren. Für Lee ist das ein Beleg für den tokenism vieler Booker, die sich zufrieden zurücklehnen, wenn sie eine Quotenfrau untergebracht haben. In »Underplayed« kommen auch männliche Produzenten, DJs und Fans zu Wort, denn, so Lee, niemand wolle anderthalb Stunden lang Frauen dabei zuhören, wie sie sich beschweren.

»Frauen sind immer dabei, wenn was Cooles anfängt.« Gudrun Gut, Musikerin und DJ

Was für die einen ein heißes Eisen ist, ist für andere ein alter Hut. Viele DJs wollen sich nicht mehr dazu äußern, wie es sich »als Frau« oder geschlechtlich nichtbinäre Person anfühlt, in ­einem vermeintlich traditionell männlich dominierten Bereich zu agieren. Oder sie geben, wie eine Kölner DJ, nur noch anonym Auskunft: »Künstlerinnen Frauenfragen zu stellen, bevor man über ihre Arbeit spricht, what the fuck! Ich will über Sound reden, über Perspektiven für elektronische Musik. Wenn ich für den feministischen Diskurs eher tauge als für den künstlerischen, dann ist die Priorisierung sexistisch und der Wert meiner Arbeit wird untergraben.« Oder wie es TOKiMONSTA in »Underplayed« ausdrückt: »I’d rather be someone’s favourite producer than someone’s favourite female producer.«

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Es fängt schon mit dem Begriff an: Während manche Künstlerinnen das Unwort DJane selbstironisch affirmieren, noch absurdere Begriffe wie she-jay oder she-jane erfinden, communities namens djanetop.com gründen oder wie das Berliner DJ-Kollektiv Frauengedeck die semantische Flucht nach vorn antreten, lehnen andere wie Lena Willikens die Bezeichnung »DJane« als degradierend ab. Natürlich kann man angesichts international erfolgreicher weiblicher DJs wie Maya Jane Coles, Helena Hauff, Peggy Gou, Simina Grigoriu und stilprägender Größen wie Marusha, Spinderella, Anja Schneider, Ellen Allien und Miss Kittin fragen, wo das Problem sei. Aus einer aktuellen Erhebung des Netzwerks Female:Pressure lässt sich ein positiver Trend ablesen: Frauen sind auf Electronic-Music-Festivals immer stärker vertreten. Auch nichtbinäre und transgeschlechtliche DJs werden vermehrt wahrgenommen: DJ Marcelle / Another Nice Mess performte 2019 beim Primavera Sound Festival, Honey Dijon bespielt Fashion Shows und auf großen Festivals, und Arca ist ja schon lange ein Star. Muss man die Arbeit nichtbinärer und weiblicher DJs also überhaupt noch besonders erwähnen?

Allerdings regiert auch im vorgeblich so libertären Electro- und Techno-­Sektor der Gender Pay Gap. Frauen und nichtbinäre Personen werden noch immer als »das Andere« des männlichen Referenzmodells gesehen, Männer greifen immer noch ungefragt in die Regler und die DJ wird weiterhin nach ihrem Aussehen beurteilt. Vor ein paar Jahren behauptete der Produzent Greg Wilson auf seinem Blog, der Ruhm von Nina Kraviz beruhe vor allem darauf, dass sie ihre Sexyness publikumswirksam ausschlachte und bei ihren Sets eh niemand richtig hinhöre. Die frühere Zahnärztin zerlegte Wilson mit einem Posting auf Facebook, wurde noch viel berühmter, spielte auf allen großen Festivals – und doch kommt kein Artikel über sie ohne einen Hinweis auf ihre Schönheit aus. Auch die kalifornische Professorin der Medienwissenschaften, Rebekah Farrugia, nimmt in »Beyond the Dance Floor, Female DJs, Technology, and Electronic Dance Music Culture« eine Kategorisierung in »Sex Kittens, T-Shirt DJs and Dykes« vor. Es ist zu bezweifeln, dass das Sterotype verändern hilft, aber immerhin gibt es nun ein Buch über weibliche und queere DJs. Wenn männliche Autoren über Clubkultur und Techno schreiben, lassen sie Frauen der Einfachheit halber meist außen vor. Durch achtlose oder absichtsvolle Auslassungen ergibt sich ein falsches, vor allem unvollständiges Bild. In der deutschen Techno-Geschichtsschreibung wie »Der Klang der Familie« von Felix Denk und Sven von Thülen oder »Electronic Germany« von Christian Arndt werden Frauen nur als Promoterinnen und Clubbetreiberinnen genannt, Ulf Poschardts 2015 neu aufgelegtes sogenanntes Standardwerk »DJ Culture« erwähnt in Nebensätzen einzig Laurie Anderson und Kemistry & Storm. Jürgen Teipel lässt in seiner oral history »Mehr als laut. DJs erzählen« immerhin Acid Maria, Miss Kittin und Stella Stellaire zu Wort kommen.

Hierzulande haben sich vor allem Frankfurt am Main, Offenbach und Berlin relevante Rave-Szenen entwickelt – wobei sich Berlin als stärkerer Magnet erwies. So kehrten beispielsweise die DJs Sylvie Marks und Miriam Schulte schon vor vielen Jahren Frankfurt zugunsten Berlins den Rücken; nicht zu unterschätzen ist laut der DJ und Agenturinhaberin Mo Loschelder die international ausstrahlende Vorbildwirkung des »Berghain«, das von Anfang an Residents wie Cassy, Steffi oder Tama Sumo featurete. Im Berlin der neunziger Jahre mit der in Industrie­brachen gerade erst entstehenden Clubszene gab es viele von Frauen genutzte Freiräume. Beispielsweise zog Loschelder Anfang der Neunziger von Düsseldorf nach Berlin, wurde aus Spaß am Tanzen zur DJ-Autodidaktin, legte in Läden wie dem »Elektro« und »WMF« auf, und gründete mit »Panasonic« und »Init« zwei so kurzlebige wie wichtige Electro-Clubs.

»Frauen sind immer dabei, wenn was Cooles anfängt«, sagt DJ Gudrun Gut im Gespräch mit der Jungle World. Dass sie später oft nicht mehr mitmachen, liegt nicht am Kinderkriegen, so Loschelder: »Meine Tochter war als Baby immer Backstage – schwieriger wurde es nach der Einschulung. Dann fangen die Orga-Probleme an.« Probleme, die für Väter, die auflegen, offenbar nicht bestehen. Gudrun Gut beobachtet in Coronazeiten einen regelrechten Backlash in puncto Geschlechterrollen in der Musikszene. Auch dies hat einen Einfluss darauf, wie sich das Feiern in einer postpandemischen Ära gestalten wird.

Während Loschelder in den frühen Techno-Jahren Solidarität unter Frauen vermisste, hat sich mittlerweile durchaus feministisches Bewusstsein verbreitet. Die DJ und Produzentin Lena Willikens stellt im Gespräch mit der Jungle World fest: »Wenn ich an die DJ-Landschaft vor fünf Jahren zurückdenke, kommt mir das heute wie ein Blick ins Mittelalter vor. Fast unvorstellbar, dass ich in den ersten Jahren meiner DJ-Laufbahn meistens die einzige Frau auf den Line-ups war. Ohne Netzwerke wie Female:Pressure, die mit bewundernswerter Ausdauer und Beharrlichkeit auf Missstände hinweisen und gegenseitige Unterstützung organisieren, hätten wir nicht so viel erreicht.« Mit über 2 000 Mitgliedern aus 70 Ländern, einer riesigen Datenbank, eigenen Radiosendungen und Veranstaltungen ist Female:Pressure, 1998 von Acid Maria (Angelika Lepper) und Electric Indigo (Susanne Kirchmayr) gegründet, zweifellos das größte und wichtigste Netzwerk für weibliche und queere Electro-Kunst. Seit gut drei Jahren existiert ­außerdem das Berliner Kollektiv No Shade, das Frauen, geschlechtlich nichtbinären und transgeschlechtlichen Personen kostenlos zu DJs ausbildet, um größere Diversität herzustellen.

DJ Folly Ghost von No Shade kritisiert im Gespräch mit der Jungle World die Praxis vieler Clubs, mal einen Black-Music- oder Female-DJ-Abend zu ­veranstalten – um danach wieder zum weiß-männlich dominierten Normalprogramm überzugehen. Aber es gibt auch positive Beispiele wie das »Robert Johnson« in Offenbach oder das Berliner »About Blank«, die schon immer viele weibliche DJs im Programm hatten, ohne diese extra anzukündigen. Hang Aoki, Bookerin und Resident DJ im »About Blank«, schätzt die eigene Vorbildfunktion im Gespräch mit der Jungle World vorsichtig optimistisch ein: »Ich glaube, man muss über den eigenen Tellerrand schauen. Es gibt viele Clubs und Orte, die immer noch ausschließlich in männlicher Hand sind, wo Partys von Männern kuratiert und musikalisch bespielt werden. Es wird noch dauern, bis eine Balance hergestellt ist und bis in der hintersten Ecke angekommen ist, dass weibliche, queere und nichtbinäre Menschen ­einen großen Anteil der Bevölkerung ausmachen und dies nicht am DJ-Pult aufhört.«