Partyveranstalter versuchen, mit Awareness-Konzepten Übergriffen vorzubeugen

Nackt im Club

Clubbetreiberinnen und Partyveranstalter versuchen, mit Awareness-Konzepten Übergriffen vorzubeugen. Doch grundsätzlich gilt: Es gibt keine Safe Spaces.

Die fremde Hand auf dem Hintern oder im Schritt, die Droge im Drink, das übergangene Nein, der Typ, der erst aufhört zu nerven, wenn dein Kumpel den eifersüchtigen Boyfriend spielt – das alles kommt auf privaten Partys vor, im Club und in der linken Kneipe. Das ist ärgerlich und belastend. Auf sexpositiven Partys zwischen Darkroom und Andreaskreuz ist so etwas vielleicht noch schlimmer: Menschen sind verwundbarer, wenn sie in der Öffentlichkeit halb- oder völlig nackt sind und ihr Begehren offen zeigen – die Spannung zwischen Freiheit, Sicherheit und Verantwortung ist höher. Awareness- und Schutzkonzepte sollen übergriffiges Verhalten im besten Fall verhindern, zumindest aber beenden und den betroffenen Personen danach die Unterstützung zur Verfügung stellen, die sie brauchen. Das funktioniert in der Praxis mal besser, mal schlechter. Was aber passiert auf Partys ohne solche Konzepte und Personen, die sich für ihre Durchsetzung verantwortlich fühlen?

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Ein gemischtgeschlechtliches Pärchen kommt aus dem Club, sie hängt halb bewusstlos in seinen Armen. Preisfrage: Was machen die Türsteher? Wenn sie die zwei einfach gehen lassen, ohne sie zumindest anzusprechen, steht man wohl vor einem Club ohne Awareness-Konzept, bei dem sich anscheinend weder die Security-Mitarbeiter noch die Veranstalter sonderlich dafür interessieren, ob die beiden sich überhaupt kennen oder er ihr etwas in den Drink gekippt hat. Ein guter Türsteher hält die beiden an und fragt, ob sie ihn kenne, und schert sich nicht um seine Beteuerungen, dass sie seine Freundin sei. Wenn sie nicht ansprechbar ist, also nicht bestätigen kann, dass sie mit ihm mitgehen möchte, lassen die Türsteher sie idealerweise in einem Ruheraum zu sich kommen, auch auf die Gefahr hin, dass alles in Ordnung ist und Gäste verärgert werden können.

Es ist zwar safer, sich am eigenen Drink festzuhalten und Obst zu knabbern – es ist allerdings kaum befriedigender als zu ficken, lecken, blasen, sich zu hauen oder zusammenzuknoten.

Die Clubcommission, eine Art Lobbyverband der Berliner Clubszene mit über 300 Mitgliedern, darunter Clubs, Musikbars, Veranstalterkollektive und Festivals, hat eine Initiative gegründet, um die Häufigkeit des erstgenannten Szenarios deutlich zu reduzieren. Der »Arbeitskreis Awareness & Diversity« trifft sich seit 2017, um die Clubkultur sicherer und vielfältiger sowie diverser und diskriminierungssensibler zu machen, wie es auf der Website der Clubcommission heißt. Katharin Ahrend, die Projektleiterin der Awareness-Akademie, benennt im Gespräch mit der Jungle World als ein Ziel der verschiedenen Bemühungen, »am Ende alle Veranstalter in die Verantwortung nehmen zu können«. Um die sehr unterschiedlichen Akteure einzubinden und zu sensibilisieren, seien ein niedrigschwelliger Zugang und viele Gespräche wichtig. Runde Tische sollen Standards entwickeln, deren Einhaltung dann auch eingefordert werden könnte. Ahrends Wahrnehmung zufolge hat sich das Problembewusstsein des Feierpublikums für eine Überschreitung der eigenen Grenzen verbessert; mehr Frauen sei beispielsweise bewusst, dass es nicht in Ordnung oder normal sei, wenn ihnen jemand unter den Rock greife, während sie durch den Club gehen.

Die meisten Betroffenen meldeten sich allerdings weiterhin nicht von selbst, sagt Nadine Wothe, die seit zehn Jahren für verschiedene Clubs als Türsteherin arbeitet und Schulungen für die Clubcommission anbietet. Viele Frauen bedankten sich, wenn man sich einmische und übergriffige Typen rausschmeiße, sie kämen aber nicht von sich aus zur Theke, zur Tür oder zum Awareness-Team. Der vorherrschende Umgang mit Belästigungen und Übergriffen sei oft noch, zu schweigen und zu hoffen, dass es schnell vorbeigehe. Bei schwulen Sexpartys sei das besonders hart, da gelte die Regel: »Wenn du in den Darkroom gehst, weißt du ja, was da passiert.« Ob das immer alle Leute wüssten, sei allerdings nicht so klar, so Wothe. Zudem könnten Leute ab einer gewissen Menge Drogen eigentlich nicht mehr wirklich ihre Zustimmung geben, bewusstlos sowieso nicht.

Eine hohe Dosis GHB schränkt zum Beispiel die Wahrnehmung stark ein, verspricht die Freiheit, nichts mehr zu merken – weder die eigenen Grenzen noch die anderer – und sich auch an nichts mehr zu erinnern. Die Verantwortung, dass man den Abend möglichst unbeschadet übersteht, müssen dann allerdings andere übernehmen. Der bei manchen Veranstaltungen äußerst verbreitete Gebrauch bestimmter Drogen erschwert auch den Sicherheitsleuten und den Awareness-Teams die Arbeit: Wenn Gäste sich ihre eigene Grenzwahrnehmung wegknallen, hilft es auch nicht, sie nach ihrer Zustimmung zu dem zu fragen, was gerade mit ihnen passiert.

Wothe schätzt die Bemühungen der Clubcommission, ist aber auch besorgt, dass die Standards so niedrig ausfallen, dass sie wertlos werden. In der Zeit vor den pandemiebedingten Club­schließungen sei die mangelnde Kommunikation zwischen Türstehern und Awareness-Teams immer wieder ein großes Problem gewesen: Oft sei gegeneinander statt miteinander gearbeitet worden, die Awareness-Teams hätten die Türsteher für unreflektierte Prolls, diese die Awareness-Leute für unerfahrene Sensibelchen gehalten. Beides stimme manchmal auch, aber eben oft auch nicht. Einander zu ergänzen und die jeweiligen Einschätzungen auszutauschen, sei in brenzligen Situationen immer besser, als in Konkurrenz zu agieren. Im Eifer des Gefechts herauszufinden, was eigentlich passiert ist, sei sowieso nicht immer einfach, vor allem wenn man den Anfang einer Situation nicht mitbekommen hat. Die erfahrene Türsteherin umschreibt das so: »Die Person, die in der Ecke sitzt und weint, muss nicht das Opfer sein.«

Dass die Ermittlungs­behörden davon auszugehen scheinen, Besucher einer Sexparty willigten in jedwede sexuelle Handlung ein, hat die Anwältin und Autorin Christina Clemm in verschiedenen Verfahren beobachtet. Im Gespräch mit der Jungle World sagte sie: »Ich erlebe immer wieder, dass Polizei und Staatsanwaltschaft da mit großem Unverständnis vorgehen. Häufig wird die Ansicht vertreten, dass die meist männlichen Täter bei solchen Veranstaltungen von einem grundsätzlichen Einverständnis zu jeglichen sexuellen Handlungen ausgehen dürfen und sie ein ›Nein‹ nicht als entgegenstehenden Willen erkennen müssten.«

Awareness heißt auch Achtsamkeit. Es hilft nicht, wenn sich nur die zwei Leute, die für den Abend das Awareness-Team bilden, dafür verantwortlich fühlen. Die gegenseitige Achtsamkeit als Teil der Feierkultur soll dazu beitragen, dass auch Angehörige marginalisierter und diskriminierter Gruppen unbeschwert feiern können. Ausgelassen Party zu machen, feiernd miteinander eine gute Zeit zu haben und empathisch und sensibel aufeinander achtzugeben, das ist die Clubutopie, die viele suchen, die aber nicht leicht zu finden ist. Auf linken, queeren und LGBT*QI sexpositiven Partys und BDSM-Playpartys ist meist für eine Awareness- und Support-Struktur gesorgt, allerdings kommt es eher selten zu ausschweifendem Sex oder Play. Es gibt wenige Orte abseits des Mainstream, an denen sich marginalisierte und diskriminierte Menschen auch einmal gehen lassen können – schade, wenn die Gelegenheit dann noch seltener genutzt wird. Positiv daran ist, dass es nicht zu so vielen Übergriffen kommt wie bei Mainstream-Sexpartys oder bei schwulen Chemsex-Events. Ein gewisses Risiko will allerdings eingegangen werden, damit überhaupt etwas passieren kann. Es ist zwar safer, sich gehemmt statt enthemmt am eigenen Drink festzuhalten, an Gummibärchen und Obst zu knabbern oder heimlich zu tindern – es ist allerdings kaum befriedigender oder gar aufregender als ficken, lecken, blasen, sich zu hauen, demütigen oder zusammenzuknoten.

Safe Spaces kann es nicht geben, egal, wie sehr man sich anstrengt. Den Gästen einer Party etwas anderes zu suggerieren, wäre sogar gefährlich, denn sie könnten sich in falscher Sicherheit wiegen, anstatt auf sich selbst und ihre Umgebung achtzugeben. Um Partys sicherer zu machen, kann und sollte so einiges getan werden. Das Sicherste ist aber immer noch, mit Menschen feiern zu gehen, die man kennt und denen man vertraut: So kann man füreinander Verantwortung übernehmen, sich in brenzligen Situationen unterstützen und einander auch davon abhalten, selbst Scheiße zu bauen und die Grenzen anderer zu verletzen.