Die Hizbollah und das Ammo­niumnitrat

Eine explosive Chemikalie

Seit einem halben Jahrhundert kommen Sprengstoffe, die Ammoniumnitrat enthalten, bei zahlreichen Anschlägen zum Einsatz. Auch die libanesische Terrororganisation Hizbollah hat Erfahrung mit dem Stoff.

»Ende letzten Jahres stieß ein neuer Sicherheitsoffizier im Hafen von Beirut auf eine aufgebrochene Tür und ein Loch in der Wand einer Lagerhalle. Er blickte hinein und machte eine erschreckende Entdeckung. Tausende Tonnen von Ammoniumnitrat, eine in Sprengstoffen verwendete chemische Verbindung, liefen aus zerrissenen Säcken aus.« Mit diesen Worten beginnt ein Bericht der New York Times, Ergebnis einer aufwendigen Recherche, mit der die Vorgeschichte jener verheerenden Explosion ergründet werden sollte, die sich am 4. August im Hafen von Beirut ereignete und die halbe Stadt in Mitleidenschaft zog. Beschrieben wird ein organisiertes Staatsversagen. Nicht die Behörden würden über die Vorgänge im Hafen nach geltendem Recht entscheiden; es gehe vielmehr nach dem im Libanon üblichen Proporzsystem, wobei die beiden wichtigsten schiitischen Parteien, Amal und Hizbollah, den größten Einfluss besäßen.

Das Sprengmaterial Anfo (Ammoniumnitrat mit Heizöl) erregte frühzeitig die Aufmerksamkeit der Hizbollah und ihrer Milizen.

Korruption sei allgegenwärtig und der Hafen ein Ort für »fast ungehinderten Schmuggel von Waffen und Drogen«. In diesem Dickicht von Zuständigkeiten, Loyalitäten und Interessen landete vor sechs Jahren jene Schiffsladung von 2 750 Tonnen Ammoniumnitrat, die am 4. August explodierte. Das unter moldauischer Flagge fahrende Schiff »Rhosus« sollte eigentlich von Georgien nach Mosambik fahren, machte aber in Beirut Halt. Dort wurde es beschlagnahmt, weil der Eigner, wie der Kapitän des Schiffs der BBC sagte, die Anlegegebühren nicht zahlen konnte und das Schiff im Übrigen auch nicht seetauglich war, wie die Hafenbehörde feststellte. Ob die Lieferung Ammoniumnitrat tatsächlich für Mosambik bestimmt war oder in Beirut ihren Abnehmer fand, ist der New York Times zufolge unklar.

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Besagter Sicherheitsoffizier meldete seine Beobachtungen an die zuständigen Stellen, was vor ihm schon Zollbeamte mehrfach, aber ergebnislos unternommen hatten. Er allerdings betrachtete die Angelegenheit als dringlich genug, um sich im Frühsommer unter anderem an Präsident Michel Aoun und Ministerpräsident Hassan Diab zu wenden. Dann nahm das Verhängnis seinen Lauf: »Am 4. August handelte die Regierung schließlich und schickte ein Team von Schweißern, um den Hangar zu reparieren. Es ist noch nicht bekannt, ob ihre Arbeit versehentlich das Feuer auslöste, das die Explosion an diesem Tag verursachte, aber das ist das wahrscheinlichste Szenario«, heißt es im Bericht der New York Times.

Es gibt eine zweite Version des Hergangs, die in Deutschland besonders von den Publikationen des Springer-Verlags präsentiert wird. Keine 48 Stunden nach dem Ereignis veröffentlichte Bild die Schlagzeile: »So brachte die Hizbollah den Sprengstoff nach Beirut«. Als sich herausstellte, dass der Text bloß aus Vermutungen bestand, änderten die Blattmacher ihre Behauptung rasch in eine Frage: »Brachte die Hizbollah den Sprengstoff nach Beirut?« Dieser Verdacht wurde freilich nicht nur in Deutschland geäußert, sondern weltweit in Publikationen aller Art. Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hizbollah, hielt es für angebracht, ihn in einer Videoansprache am 7. August zu dementieren.

Er gebe »kategorisch und absolut entschieden« bekannt, »dass es im Hafen nichts für uns gibt: keine Waffen- oder Raketendepots, kein Gewehr, keine Bombe, keine Kugel oder Nitrat, gar nichts in dieser Art«. Weiter sagte er: »Wir verwalten den Hafen nicht, wir kontrollieren ihn nicht, wir greifen nicht in ihn ein, wir wissen nicht, was in ihm vor sich ging oder was dort vorhanden ist.« Nasrallah fügte hinzu, manche fragten sich, warum die Hizbollah über den Hafen von Haifa besser Bescheid wisse als über den von Beirut. Das sei jedoch ganz richtig so, denn die Hauptaufgabe der Hizbollah sei nun mal der »Widerstand«.

Mit diesem Zusatz spielte er auf eine seiner früheren Reden an. Im Februar 2016 hatte er gesagt, da es im Hafen von Haifa ein großes Lager von Ammoniumnitrat gebe, habe der Libanon eine »Atombombe«. Das sei »keine Übertreibung«, ein paar Raketen in den Lagertank würden mehrere Zehntausend Menschen töten. Ein Jahr später sagte er über ein nicht namentlich genanntes Schiff, das Ammoniumnitrat ins »besetzte Palästina« bringe, dessen Ladung entspreche »fünf Atombomben«. Israel könne das Schiff nicht vor der Hizbollah verstecken. Dass Nasrallah von einer Schiffsladung, die er bei anderer Gelegenheit als Äquivalent zu Nuklearwaffen bezeichnet hatte, im Hafen von Beirut nichts wusste und dass er sich grundsätzlich auch nicht dafür interessierte – das glauben wohl nur seine treuesten Anhänger.

Die Dual-Use-Chemikalie Ammoniumnitrat, die gewöhnlich als Düngemittel dient, aber bei geeigneter Qualität mit anderen Stoffen zu Sprengstoff gemischt werden kann, wird seit einem halben Jahrhundert von terroristischen Gruppen für Autobomben benutzt. Unter dem Stichwort Anfo (Ammoniumnitrat mit Heizöl) gibt die englischsprachige Wikipedia einen unvollständigen Überblick. Genannt werden zunächst Attentate von korsischen, baskischen und nordirischen Nationalisten. Auch der erste Anschlag auf das New Yorker World Trade Center im Februar 1993 wurde mit Ammoniumnitrat, kombiniert mit anderen Explosivstoffen, verübt.

Zudem bevorzugten berüchtigte Rechtsextreme den gefährlichen Kunstdünger. Am 19. April 1995 zerstörten Timothy McVeigh, Terry Nichols und Michael Fortier mit einer 2,4 Tonnen schweren Sprengladung das Murrah Federal Building in Oklahoma City, bis zum 11. September 2001 der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Anders Breivik bastelte eine Autobombe aus 950 Kilogramm Anfo, die er am 22. Juli 2011 im Regierungsviertel von Oslo zur Explosion brachte, bevor er auf die Insel Utøya weiterzog, um ein Massaker unter sozialdemokratischen Jugendlichen anzurichten.

Das Sprengmaterial aus leicht erwerbbaren Bestandteilen erregte frühzeitig die Aufmerksamkeit der Hizbollah und ihrer Milizen. Die Welt berichtete, dass beim ersten Anschlag, der der Hizbollah zugeschrieben wird, Ammoniumnitrat zum Einsatz kam. Im November 1982 steuerte ein Terrorist einen LKW mit einer Ammonium-Sprengladung in ein von der israelischen Armee genutztes Gebäude in Tyre.

Die schlimmsten Autobomben, die im libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990) explodierten, alle in Beirut, waren mit TNT oder anderen militärischen Sprengstoffen ausgerüstet. Sie kamen bei den Angriffen auf die US-Botschaft 1983, auf Unterkünfte von US-Marines und französischen Fallschirmjägern im selben Jahr sowie auf ein Nebengebäude der US-Botschaft 1984 zum Einsatz.

Demgegenüber scheint Ammoniumnitrat das bevorzugte Mittel bei Anschlägen der Hizbollah im Ausland gewesen zu sein, weil alle benötigten Utensilien an Ort und Stelle beschafft werden konnten und keine Grenzen passieren mussten. Dabei verdienen zwei antisemitische Anschläge, als deren Urheberin die Hizbollah gilt, besondere Beachtung: der Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum Amia in Buenos Aires am 18. Juli 1994 und der Angriff auf einen Reisebus mit israelischen Touristen im bulgarischen Burgas, auf den Tag genau 18 Jahre später. Der 2015 unter dubiosen Umständen verstorbene argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman nannte Ammoniumnitrat bei der Beschreibung des Sprengstoffs in seiner Anklageschrift von 2006. Beim kürzlich in Bulgarien beendeten Prozess erklärte Staatsanwältin Jewgenija Schtarkelowa, die Verwendung von Ammoniumnitrat in Burgas sei ein zusätzliches Indiz gewesen, das auf die Urheberschaft von Hizbollah verweise.

Das Attentat von Burgas hatte zur Folge, dass die Europäische Union den eigentlich kaum von einem zivilen Teil abgrenzbaren »militärischen Flügel« der Hizbollah zur terroristischen Organisation erklärte. Anfang dieses Jahres wies der israelische Geheimdienst Mossad darauf hin, dass der Hizbollah nahestehende Personen in verschiedenen ­europäischen Ländern vorsorglich Ammoniumnitrat bunkerten. Dazu kauften sie in großem Stil Kältepackungen, in denen die Chemikalie enthalten ist. Auf Zypern, in Großbritannien und in Deutschland wurden große Mengen sichergestellt. Hans-Georg Engelke, Staatssekretär im deutschen Innenministerium, bestätigte die Beschlagnahme von »Ammoniumnitrat in erheblichen Mengen in Süddeutschland«. Am 30. April dieses Jahres sprach der deutsche Innenminister Horst Seehofer ein Betätigungsverbot gegen die Hizbollah in Deutschland aus