Wie schnell man in einer Parallelgesellschaft landen kann

Im Abseits ohne Abstand

Klassenkampf Von

Der Begriff Parallel­gesellschaft, so lehrt Ralph Ghadban, beschreibe die »gesellschaftliche Selbstorganisation eines segregierten sozialen Milieus«, welches sich »von der Mehrheitsgesellschaft abschottet und ein alternatives Wertesystem befolgt«. »Au weia«, denke ich, so schnell kann’s gehen: Ich lebe in einer Parallelgesellschaft. Allerdings bin ich noch nicht ganz in ihr versackt: Viele meiner Bekannten sind noch der Mehrheitsgesellschaft zu­zuordnen. Doch in Unterhaltungen mit ihnen stoße ich immer häufiger auf kulturelle Differenzen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese sich nicht mehr überbrücken lassen. Einige machen sich zum Beispiel Sorgen, wenn sie mit dem Zug fahren müssen, wegen der Infektionsgefahr. Aus demselben Grund haben andere schon vor der erneuten Schließung Restaurants gemieden, verlassen das Haus möglichst selten und tragen auch draußen ihren Mund-Nasen-Schutz. Ich hingegen sehe in einem Zugwaggon einen gut gelüfteten Innenraum, in dem fast alle still sitzen und eine Maske tragen: Kein Problem, oder? Ich sehe ein Restaurant, in dem die Menschen zwei Meter oder mehr Abstand zu denen an den anderen Tischen haben, keiner herumbrüllt oder herumrennt, und denke: Fast ein bisschen übertrieben, dieser Abstand, oder? Ich halte mich an die von der Mehrheitsgesellschaft beschlossenen Regeln hinsichtlich des Tragens einer Maske außerhalb von geschlossenen Räumen, aber sie erscheinen mir vollständig absurd.

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Dies alles, weil die in meiner Parallelgesellschaft nach den Herbstferien verbreitete Ansicht ist, dass man sich problemlos mit mehr als 30 Personen, die keine Maske tragen und gelegentlich schreien oder herumrennen oder schreiend herumrennen, ohne Einhaltung irgendwelcher Abstandsregeln über 90 Minuten in einem Raum aufhalten kann, wenn man gelegentlich das Fenster öffnet, und dass das Tragen von Masken auf einem überfüllten Pausenhof ein überflüssiger Quatsch ist.

Ghadban spricht in dem eingangs erwähnten Zitat natürlich von arabischen Clans und ich spreche von der Schule, aber was soll’s, kommt schon hin. Weiter erläutert er, dass Parallelgesellschaften »ethnisch oder religiös oder von beidem zugleich« geprägt seien, und hier darf jetzt für die Schule der wirtschaftliche Aspekt nicht vernachlässigt werden, obwohl ich zugleich schon auch protestantische Kartoffeleinflüsse ausmachen kann. Versteht mich nicht falsch: Wie alle Leute, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass diese komische Schule jenseits ihrer eigentlichen Bestimmung in den Bereichen Verwahrung, Qualifikation und Sortierung auch ­benutzt werden könnte, um der Jugend irgendwas Gutes mit auf den Weg zu geben, will ich nicht zurück in die Schließzeit. Aber vielleicht, ganz vielleicht, könnten die Schulen ja auch ­offen bleiben unter Bedingungen, die ihr Personal nicht automatisch ins ­gesellschaftliche Abseits treiben.