Small Talk mit dem Gewerkschafter und Amazon-Beschäftigten Torsten Abel über den jüngsten Streik in dem Unternehmen

»Wie in einem Autokino«

Rund um den sogenannten Black Friday streikten Mitarbeiter von Amazon an sieben deutschen Standorten des Unternehmens. Torsten Abel ist aktives Verdi-Mitglied, arbeitet in der Niederlassung im nordrhein-westfälischen Rheinsberg und hat mit der »Jungle World« gesprochen.
Small Talk Von

Wie ist der Streik verlaufen?

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Wir haben von Donnerstag bis Samstag gestreikt, den Sonntag ausgelassen, und dann noch einmal am Montag und Dienstag zum Streik aufgerufen. Es war schön, neue Gesichter zu sehen, also Kolleginnen und Kollegen, die sich zum ersten Mal beteiligt haben.

Hat Amazon versucht, den Streik zu verhindern?

Der Arbeitgeber versucht einiges, um Streiks zu verhindern. Ein Mittel sind Befristungen, die die Leute unter Druck setzen. Ein anderes sind Versprechungen, auf die manche Mitarbeiter eingehen. Wer eine kleine Beförderung bekommen hat, streikt nicht mehr so gern.

Der Konflikt um eine Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels durch Amazon sowie den Abschluss eines Tarifvertrags besteht seit 2013. Was haben die bisherigen Streiks bewirkt?

Wir hier in Rheinsberg beteiligen uns seit 2014 an den Streiks. Geht es nach Amazon, dann hat unser Einsatz bisher gar nichts bewirkt. Dabei hat sich das Unternehmen durchaus Zugeständnisse an die Mitarbeiter abringen lassen. Wir haben den Ein­druck, dass die Leitung genau zur Kenntnis nimmt, was Verdi fordert, um dann zwei, drei Monate später plötzlich vermeintlich freiwillig etwas anzubieten, das den gewerkschaftlichen Forderungen entstammt. So geschehen ist das beispielsweise bei Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre. Wir fordern seit einigen ­Jahren einen Tarifvertrag für gute und gesunde Arbeit – plötzlich fängt Amazon an, Gesundheitsmanager und Physiotherapeuten ­anzustellen und »Gesundheitstage« anzubieten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Erschwert die Pandemie Streiks?

In Coronazeiten ist alles etwas schwieriger. Streiks sehen derzeit vor allem so aus, dass die Beschäftigten einfach der Arbeit fernbleiben. Damit sich die Leute in die Streiklisten eintragen und ihr Streikgeld erhalten können, haben wir einen Messeparkplatz angemietet. Dort fahren die Mitarbeiter dann wie in einem Autokino vor und tragen sich ein. Das haben wir im Juni zum ersten Mal so gemacht. Bisher lagen die Listen in einer Kneipe aus, die nur einige Hundert Meter vom Lager entfernt ist. Wir können zurzeit auch keine Demonstrationszüge organisieren.

Im Frühjahr gab es wiederholt Berichte über mangelnden Infektionsschutz bei Amazon. Wie beobachten Sie das in Ihrer Niederlassung?

Der Arbeitgeber hat an unserem Standort viele Maßnahmen getroffen, es gab sehr viele Umbauten, sehr viele Plexiglasscheiben wurden angebracht, Mitarbeiter überprüfen, ob die Hygienevorschriften eingehalten werden. Aber wenn es hektisch wird und die Ware schnell verschickt werden muss, werden die Abstände schon mal unterschritten.

Neuen Berichten zufolge überwacht das Global Security Operations Center, die Sicherheitsabteilung von Amazon, auch gewerkschaftliche Betätigungen von Mitarbeitern. Wie ist das an Ihrem Standort?

Ich persönlich habe davon nichts mitbekommen. Ich habe mich aber schon Anfang 2013 zu erkennen gegeben, alle wissen, dass ich ein aktiver Gewerkschafter bin. Mich muss man also nicht überwachen. Es gibt eine Broschüre mit dem Titel »Der lange Kampf der Amazon-Beschäftigten«, in der ein gewerkschaftlicher Vertrauensmann eines anderen Standorts sagt, der Arbeitgeber taste langjährig tätige Gewerkschafter, die Streiks organisieren und sich einsetzen, nicht an. Das kann ich bestätigen. Das Unternehmen geht eher Mitarbeiter an, die vielleicht zum Streik bereit, aber nicht in gewerkschaftliche Planungen eingebunden sind, Leute also, die leichter zu verunsichern sind, beispielsweise durch wiederholte persönliche Gespräche mit den Vorgesetzten.