US-amerikanische Rechtsextreme verwenden Satire als strategisches Mittel

Lachen bis zum Countdown

Der Gründer des rechtsextremen US-amerikanischen Nachrichtenportals »The Daily Stormer« versucht, mit Hilfe von Humor das Unsägliche sagbar zu machen. Diese Strategie hat historische Vorbilder.

»Entmenschlichung ist äußerst wichtig, aber sie ist innerhalb der Grenzen des Humors zu erledigen«, schrieb der Gründer und Herausgeber der US-amerikanischen neonazistischen Website The Daily Stormer, Andrew Anglin, in einem Leitfaden. »Es sollte eine bewusste Absicht geben, den Feind derart zu entmenschlichen, dass Leute bereit sind, über seinen Tod zu lachen. Damit unklar bleibt, dass wir das so machen, weil es die normalen Leute abschrecken würde, bauen wir auf Humor.«

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Das 17seitige Papier, das vor drei Jahren von der Huffington Post veröffentlicht wurde, zeigt, mit welcher Sorgfalt die Texte auf der Website verfasst sind. Der Name verweist auf die NS-Wochenzeitschrift Der Stürmer, die unter anderem mit Karikaturen antisemitische Propaganda betrieben hatte. Die Organisation Southern Poverty Law Center (SPLC) beschreibt The Daily Stormer als Hassseite, die Geschichten über die angebliche jüdische Weltverschwörung und schwarze Kriminalität verbreite.

Damit Leute über Todesfälle lachen, bemüht sich »The Daily Stormer«, ein Pendant des »Lebens­gefühls der Linken« zu erzeugen: das Todesgefühl der Rechten.

Anglin gilt als einer der prominentesten Rechtsextremen in den USA; ein Bundesrichter verurteilte ihn im August 2019 zu einer Geldstrafe von 14 Millionen US-Dollar wegen einer antisemitischen Hetzkampagne gegen die jüdische Maklerin Tanya Gersh, deren Familie und Umfeld in Whitefish (Montana). Gegen Anglin laufen weitere Verfahren; er soll das Land verlassen haben, sein genauer Aufenthaltsort ist jedoch unbekannt.

Die Texte auf seiner 2013 gegründeten Website sollten allesamt humoristisch verstanden werden; im Leitfaden heißt es, die Uneingeweihten sollten nicht erkennen können, ob gescherzt werde oder nicht. »Ich stelle mir das als selbstironischen Humor vor – ich bin ein Rassist, der sich über Klischees von Rassisten lustig macht, weil ich mich selbst nicht allzu ernst nehme.« Dies ist aber nur ein Trick: »In Wirklichkeit will ich durchaus Juden vergasen, aber das tut nichts zur Sache.« Anglin ist zwar nicht das teuflische Genie, für das er sich hält. Intuitiv versteht er es aber, mit Hilfe von Humor das Unsägliche sagbar zu machen.

Thomas Ford, der am Psychologischen Institut der Western Carolina University über den politischen Humor forscht, schreibt in einem Text für das Portal The Conversation, dass bereits Alltagswitze, die über die Abwertung einer sozialen Gruppe funktionierten, alles andere als harmlos seien und die Diskriminierung der jeweiligen Gruppe beförderten. Voreingenommene Menschen äußerten ihre Vorurteile nur dann, wenn die in einem bestimmten Kontext geltenden Normen eine kla­re Zustimmung dafür erwarten lassen. »Abwertender Humor macht genau das, indem er in einem bestimmten Kontext das Verständnis der so­zialen Normen der Menschen beeinflusst.« Ford verweist auch auf andere Studien: Diesen zufolge zeigten sexis­tische Männer, nachdem sie sexistische Werbespots gesehen hätten, eine höhere Zustimmung dafür, die Fördermittel einer Frauenorganisation zu kürzen, als nach dem Betrachten neutraler Werbespots. »Noch verstörender ist, dass Forscher herausgefunden haben, dass sexistische Männer nach der Rezeption sexistischen Humors eine höhere Bereitschaft zur Vergewaltigung von Frauen zeigten als nach der Rezeption nichtsexistischen Humors«, schreibt Ford.

Eine Verhaltensänderung durch den Einsatz von Humor zu erzielen, kann man als Teil des »metapolitischen Projekts« der Neuen Rechten begreifen. Abgeleitet von der Hegemonietheorie Antonio Gramscis, bezeichnet Metapolitik die Strategie, im kulturellen beziehungsweise »vorpolitischen Raum« die Grundlagen für eine politische Veränderung zu schaffen.

Der neurechte Autor Thor von Waldstein beschreibt in seinem 2015 veröffentlichten Buch »Metapolitik. Theorie – Lage – Aktion« den Begriff exem­plarisch anhand seiner Erinnerung an den Wahlsieg Willy Brandts bei der Bundestagswahl 1972. Er skizziert, wie »über die parteipolitisch gefärbten Verlautbarungen in Presse und Rundfunk hinaus eine Stimmung entstanden« sei. Brandts Erfolg habe »nicht allein auf einer rationalen Überzeugung des Wählers von der vermeintlich besseren politischen Programmatik der SPD« beruht, sondern vor allem »auf einer Art kultureller Magnetwirkung zugunsten eines von Brandt verkörperten Lebensgefühls der Linken«. Waldstein folgert daraus, dass sich politische Herrschaft »auf die psychologische Unterstützung durch die Massen, auf eine in der Masse zerstreute kulturelle Macht« stütze: »Derjenige, der politisch verändern wolle, müsse zunächst diese kulturelle Zitadelle erobern.«

Mag von Waldsteins Analyse auch fragwürdig sein, unter internationalen Rechtsextremisten ist die metapolitische Strategie weithin akzeptiert. Deshalb gibt ein Neonazi wie Anglin zu, dass die explizite Entmenschlichung des politischen Feinds ein für die Mehrheit der normalen Menschen »abschreckend« sei und daher der Humor Hemmungen beseitigen solle. Damit Leute über Todesfälle lachen, bemüht sich The Daily Stormer, ein Pendant zum »Lebensgefühl der Linken« zu erzeugen: das Todesgefühl der Rechten. Eine Graphik auf der Website, der »demographische Countdown«, versinnbildlicht dieses Todesgefühl. Sie soll darstellen, wie mit jeder Sekunde der Anteil der weißen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten sinkt, und so die ­Verschwörungstheorie des »Großen Austauschs« popularisieren. Dieser hingen die rechtsextremen Attentäter von Christchurch (Neuseeland), El Paso (Texas) und Halle (Sachsen-Anhalt) an.

Anglin ist freilich nicht der erste Rechtsextreme, der eine Taktik der Verlustigung des Grauenhaften verfolgt. Wie die Historikerin Elaine Frantz Parsons in ihrem 2016 veröffentlichten Buch »Ku-Klux: The Birth of the Klan during Reconstruction« ausführt, machten sich die Gründer des Ku-Klux-Klans (KKK), die Veteranen der Konföderierten Armee der Südstaaten waren, nach dem Ende des US-amerikanischen Bürgerkriegs 1865 einen Spaß daraus, sich als »Hexenmeister« und »Zyklopen« zu bezeichnen und lächerliche Kostüme zu tragen, die sie teils nach Partybesuchen umfunktioniert hatten. Bevor die Mitglieder des KKK gezielt Terror verbreiteten, schufen seine Gründer ein Identifikationsangebot für gelangweilte weiße Südstaatler, die in der neuen Nachkriegsordnung, in der die Sklaverei abgeschafft war, nichts mit sich anzufangen wussten und gern als kostümierter Bürgerschreck auftraten. Sie hätten danach gestrebt, die »ganz rationale Angst der Opfer vor ihrer tätlichen Gewalt hinzustellen, als ob diese Aberglaube oder Einfältigkeit sei«, schreibt Parsons. Die schwarzen Opfer hätten es »nicht geschafft, ›diesen Witz zu verstehen‹«, und sich »von Geistern und Dämonen erschrecken lassen«. Es dauerte nicht lange, bis der Witz in Gewalt umschlug.

In jüngerer Zeit versuchte Gavin McInnes, der Gründer der rechtsextremen US-amerikanischen »Proud Boys«, seine Organisation nur als das Ergebnis eines Insiderwitzes zu er­klären. McInnes hatte die Gruppe nach einem Lied aus dem Musical »Aladdin« benannt. Seinen Aussagen zufolge hörte er es erstmals in einem Kinderkonzert und hasste es sofort. Als sich McInnes im Jahr 2018 zur Namens­gebung der »Proud Boys« äußerte, bezeichnete er den jungen Sänger, der das Lied aus »Aladdin« vorgetragen hatte, als schwulen Sohn einer alleinerziehenden Mutter, und rief so großes Gelächter hervor.

Der Name sowie das Initiationsritual der Gruppe– der Bewerber wird geschlagen, bis er fünf Sorten von Frühstückscerealien genannt hat – sollen als nur ironisch oder witzig aufgefasst werden. Aber wer in der Gruppe aufsteigen will, muss verschiedene Ränge durchlaufen. Für den vierten Rang muss man eine Schlägerei im Namen der Organisation absolvieren. Wie man bei dem Aufmarsch der »Proud Boys« am 11. Dezember in Washington, D.C., sehen konnte, gibt es hierbei nichts zu lachen: Nach einer weitgehend friedlichen Demonstration gegen den designierten US-Präsidenten Joe Biden provozierten rund 200 Anhänger der »Proud Boys«, die sich unter die Demonstranten mischten, die antifaschistischen Gegendemonstranten, indem sie unter anderem ein Transparent der Bewegung Black Lives Matter verbrannten. Es gab 23 Festnahmen, vier Menschen wurden durch Stichwaffen verletzt.