Ein Boxer im Zwielicht

Medienwirksam vorgeführt

Der WBA-Weltmeister Mahmoud Charr wehrt sich gegen den Verdacht, dem kriminellen Milieu nahe­zustehen. Von Bienen und Schmetterlingen – die Box­­kolumne.
Boxkolumne Von

Mitte November wandte sich der Weltmeister der World Boxing Association (WBA) im Schwergewicht, Mahmoud Charr, der als ­Syrer mit deutscher Boxlizenz kämpft, mit einer außergewöhnlichen Botschaft an seine Fans und die »lieben Mitbürger«. Deutschland gehöre »zu den sichersten Ländern der Welt«, schrieb er auf Instagram und fügte hinzu, das Rechtssystem sei einzigartig. Wer in diesem Land lebe, so Charr, »braucht sich um seine Sicherheit keine Sorgen zu machen«. Jedoch gebe es »kleine Gruppierungen (Clans und andere Gruppen), die manchmal die Werte der Rechtsstaatlichkeit nicht erkennen und die deutschen Gesetze missachten«.

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Anlass für die Stellungnahme war der in der Presse geäußerte Verdacht, der Boxer sei an geheimen Verhandlungen zwischen Verbrecherbanden beteiligt gewesen. Grundlage für diese Spekulation war ein kurzer Videoausschnitt, auf dem ein Treffen zwischen verfeindeten Gruppen aus dem kriminellen Milieu zu sehen sein soll. Vorausgegangen waren Auseinandersetzungen zwischen zwei Banden vor einem Kiosk in Berlin-Neukölln. Der Berliner Zeitung zufolge lud »der angegriffene Clan« alle Beteiligten zu dem Treffen ein. Neben Mahmoud Charr soll auch ein Mann anwesend gewesen sein, der »zu den rechtsextremen türkischen Grauen Wölfen gehört«.

»Ich lehne es ab, wenn Menschen unsere Gesetze missachten und unsere deutschen Werte mit Füßen treten«, schrieb Charr weiter. Der 36jährige ist der Sohn einer libanesischen Mutter und eines syrischen Vaters und kam 1989 nach Deutschland; eigenen Aussagen zufolge ist er in der Sozial- und Integrationsarbeit tätig. Er betonte darüber hinaus, dass er Parallelgesellschaften und Gewaltausbrüche ablehne. Bei dem Treffen sei er gewesen, weil er darum gebeten worden sei – und »damit es keine weiteren Verletzten gibt«.

Die Berliner Polizei sei über seine Rolle bei den Verhandlungen informiert gewesen, so Charr. Diese Aussage bestätigt der ehemalige Weltmeister im Kickboxen, Michael Kuhr. Er persönlich habe die entsprechenden Dienststellen in der Hauptstadt informiert, sagte er der Berliner Zeitung. Kuhr betreibt ein Sicherheitsunternehmen und soll eng mit der Polizei zusammen­arbeiten. Er identifizierte in einem Gerichtsverfahren vor zehn Jahren einen der Brüder aus dem Abou-Chaker-Clan als den Drahtzieher eines Raubs im Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz.

Die Polizei schrieb in einer Stellungnahme, dass sie »keine Absprachen mit Herr Charr geführt beziehungsweise getroffen« habe, und fügte hinzu: »Zudem ist es auch nicht bekannt, ob Herr Charr tatsächlich in der von ihm behaupteten Funktion zwischen den Konfliktparteien auftritt oder aufgetreten ist.«

Dass manche Zeitungen der Unschuldsvermutung gelegentlich nicht die allerhöchste Priorität einräumt, ist keine beson­dere Neuigkeit. Es stellt sich jedoch die Frage, weshalb gerade Charr medienwirksam vorgeführt wird. Anderen Boxern wurden vergleichbare Zusammenkünfte mit einschlägig bekannten Kriminellem als Ausrutscher verziehen oder sie trugen sogar zum Image als Bad Boy bei. Das Charr vor und nach dem Treffen in Berlin vor Schulklassen auftrat, ist dagegen keine Schlagzeile wert. Wenn der Boxer mit Schülern spricht, sagt er ihnen, was er für wichtig hält: »Zusammenhalt, Zusammenarbeit, Motiva­tion und Perspektive.«