Ein Gespräch mit Stefanie Sargnagel über Grenzen der Komik und schnelles Denken

»Witze müssen ›edgy‹ sein«

Humor in Politik und Pandemie
Interview Von

Auf der Website Ihrer Booking-Agentur steht, Sie seien die wichtigste ­österreichische Schriftstellerin des 21. Jahrhunderts.

Das Zitat ist von 2013 und stammt von David Bogner, damals Chefredakteur der österreichischen Redaktion der Zeitschrift Vice. In der Zeit war ich noch so ein underdog, dass es Charme hatte, so hoch zu pokern. Ich meine, jetzt stimmt es ja. Aber es klang damals ziemlich absurd, so einen Satz raus­zuhauen. Ich würde gern mal Urgestein genannt werden. Ich hab’ letztens so ein Foto mit einem versoffenen alten Szene-DJ auf social media gesehen. Völlig fertiger Typ. Und jemand schrieb dazu: »Ein Urgestein des Wiener Nachtlebens.« Ich dachte mir: Geil, das muss man auch mal sein. Urgestein!

Und dann noch Wiener Urgestein. Wie geht es Ihnen derzeit?

Heute ganz okay, die Stimmung im lockdown ist so ein bisschen wechselhaft. Man merkt schon, dass diese Mischung aus Produktiv-sein-Sollen, und völliger Abwesenheit von öffentlichem Leben einen an die Grenzen bringt. Ich war letztens mit Freundinnen spazieren und man hatte das ­Gefühl, dass sich alle weniger zu erzählen haben, weil alles so gleich ist und nichts passiert. Die anderen haben das auch festgestellt. Es fehlt einfach das Leben. Eine Zeit lang war es eine Ausnahmesituation, die sogar irgendwo spannend war, mittlerweile sind alle zermürbter.

»Prinzipiell find’ ich Galgen­humor in unangenehmen Situationen ja immer super.«

Das kommt mir bekannt vor. Dabei waren Sie zu Beginn der Pandemie doch eine von denen, die das Beste aus der Situation zu machen schienen. Sie haben lustige Videos auf Instagram gepostet. Erledigt sich das irgendwann von selbst?

Es war eine plötzlich gewonnene Freizeit für mich und meine Freundinnen, wir haben tatsächlich sehr viel gelacht, Blödsinn gemacht, uns Zeug ausgedacht. Mittlerweile sind alle schon lethargischer, aber natürlich ist es halt auch Herbst und viel Dunkelheit, da wirken die Kontaktbeschränkungen auch nochmal härter.

Was für eine Bedeutung hat für Sie Humor in dieser Situation der Pandemie?

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Prinzipiell find’ ich Galgenhumor in unangenehmen Situationen ja immer super. Oft blüht er dann auf, weil Kreativität dann auch aufblüht als Coping-Mechanismus. Das funktioniert aber offenbar auch nur eine Zeit lang. Ich denke, Humor hat in der derzeitigen Situation dieselbe Bedeutung wie eben in vielen schlechten Situationen: Erleichterung, Entspannung, manchmal Änderung der Betrachtungsweise.

Ist das nicht die gleiche Funktion, die Humor in der Politik hat?

Bei Politik kommt schon noch das Ausloten von Grenzen dazu, um beispielsweise zu überprüfen, wie autoritär eine Regierung oder eine politische Gruppe schon ist. Das merkt man daran, wie viele Witze man noch machen kann, ohne dafür bestraft zu werden. Grenzüberschreitung gehört zum Humor auch dazu – im besten Fall auf geschickte Art.

Letzteres ist eine Kunst, die man beherrschen muss. Das kann schon mal danebengehen.

Ja, bei vielen Menschen schon, bei mir nie. Ich finde, Witze müssen Grenzen ausloten, edgy sein. Aber eben so, dass man nicht nach unten tritt. Ganz viele Mainstream-Kabarettisten beschweren sich ja über politische Korrektheit. Das ist so ein Thema gerade – cancel culture. Also die Behauptung, man werde abgestraft, wenn man eben bestimmte Grenzen verletzt. Da diskutieren dann oft vier etablierte Leute im Hauptabendprogramm mit höchsten Einschaltquoten darüber, dass man jetzt nichts mehr sagen darf und quasi unter Zensur lebt. Das hat natürlich auch eine Komik.

Spontan denke ich da an diese andere Österreicherin.

Da gibt es aber auch genug andere Beispiele. Die Lisa E. gibt Aussagen, die man von allen möglichen Kabarettisten die ganze Zeit hört, ein junges weibliches Gesicht. Ich habe gerade erst Alfred Dorfer (einer der bekanntesten Kabarettisten Österreichs, Anm. d. Red.), den ich an sich schätze, in einer Fernsehsendung darüber reden gehört, wie arg das alles ist mit der Korrektheit. Es ging ganz stark um die Selbstgerechtigkeit der Moralisten, also Leute, die Dinge aufgrund ihrer Inkorrektheit kritisieren. Da dachte ich mir, in Wirklichkeit ist so eine Reak­tion auf Kritik auch sehr selbstgerecht, halt so eine mangelnde Bereitschaft, sich vielleicht nochmal selbst zu überprüfen.

Das verzeiht einem eine bestimmte Art von Humoristen nicht, wenn man die schenkelklopfende Affirmation von Herrschaftsverhält­nissen nicht lustig findet.

Ja, und das ist genau, was ich mit »nach unten treten« meinte. Witze kann man schon auf ihre Aussage hin analysieren.

Comic von Stefanie Sargnagel
Geht das schon zu weit? Nein, befand die Künstlerin, Illustration: Stefanie Sargnagel

 

Analysieren Sie immer Ihre eigenen Witze?

Klar. Gerade wenn sie sehr grenzwertig sind, was ich ja meistens sehr lustig finde, überlege ich: Geht sich das noch aus oder nicht, über wen mache ich mich hier eigentlich lustig?

Sie denken also länger nach, bevor Sie einen Witz machen? Wie spontan ist dann noch die Komik?

Naja, ich denk’ halt schnell nach. Nein, ich mach’ die meisten Witze schon aus dem Bauch heraus und behaupte mal, ich hab’ da ein gutes Gespür. Aber bei Witzen, die so ganz arg sind, überlege ich nochmal kurz.

Woher haben Sie dieses Gespür?

Ich denke, das ist ein Talent – wie andere ein Gespür für Musik haben – und Übung. Es ist eine sehr angenehme Art, destruktive Gedanken auszuleben, ohne destruktiv zu sein. Man kann beispielsweise extrem gut Spannungen in Gruppen abbauen, wenn man mit einem geschickten Witz jeden Elefanten im Raum ansprechen kann. Witze funktionieren ja total super über Tabus, beispielsweise das Tabu, über eigene Schwächen, Zweifel und Ängste zu sprechen. Das kann man mit Humor super übergehen und es verschafft Erleichterung.

Auch die besagte schenkelklopfende Affirmation der Macht inszeniert sich gern als Tabubruch.

Es ist auch ein Tabu, Leute wegen ihrer Behinderung nachzuäffen. Ein solches Tabu zu brechen, bei dem vielleicht auch ein Publikum lacht, ist aber falsch und unnötig. Nach unten zu treten, ist nicht witzig. Da geht es, wie Sie sagten, um Machtverhältnisse. Zu diesem nach unten Treten kommt meist ein Mangel an Selbstironie, das hat ja auch gleich etwas Autoritäres.

Sie erwähnten bereits die Frage der Freiheit, Witze zu machen. Da denkt man natürlich sofort an Diktaturen, autoritäre Staaten und so weiter. Die Witze, die unter solchen Bedingungen erzählt werden, sind oft gerade deswegen besonders komisch, weil es riskanter ist, sie zu machen, beziehungsweise weil es, wie Sie sagen würden, dadurch »edgier« ist.

Ja, klar. Und auch noch bitterer nötig.

Gleichwohl gibt es auch in ungleich freieren Gesellschaften Möglichkeiten, Leute fürs Witzemachen abzustrafen. Was ist diesbezüglich Ihre Erfahrung?

Bis jetzt verlief es für mich recht glimpflich. Ein paar Klassenbucheintragungen im Gymnasium. Shitstorms, die von der extremen Rechten choreographiert wurden. Das ist halt deren Ersatz für Bestrafung. Die hetzten dann in ­Internetforen Hunderte Trolle auf, die einen monatelang bedrohen. Ein Burschenschafter wollte mich mal verklagen, aber dann kam Corona dazwischen. Ich habe eine Anwältin eingeschaltet und seitdem nichts mehr von ihm gehört.

 


Das Interview wurde schriftlich per Chat ­geführt.

 

Stefanie Sargnagel ist Schriftstellerin, Cartoonistin und, wie sie selbst sagt, »high-end Influencerin«. Sie ist ­Autorin mehrerer Bücher, dieses Jahr erschien ihr erster Roman »Dicht – Aufzeichnungen einer Tage­diebin«. Die Künstlerin mit dem bürgerlichen Namen Spreng­nagel lebt in Wien. Sie ist Obfrau der »Bur­schenschaft ­Hysteria«, einer feministischen Verbindung, die ­Männerbünde parodiert.