Das neue Album »All« von Urlaub in Polen

Keine Pause

Eigentlich gilt die Band Urlaub in Polen seit 2012 als aufgelöst. Das Krautrock-Duo hat sich aber für seine im November erschienene Platte »All« wieder zusammengefunden, um Altbewährtes neu einzuspielen.

»So ist das halt, wenn man sich 2012 hochoffiziell aufgelöst hat.« Georg Brenner von der Band Urlaub in Polen lässt im Gespräch mit der Jungle World den Begriff Pause nicht gelten. Nein, man habe sich am 30. März 2012, nach nervenaufreibenden Aufnahmen für »Boldstriker«, die fünfte Platte des Kölner Duos, tatsächlich einfach getrennt. An dem Abend stieg die Band ein letztes Mal auf die Bühne im Kölner »Gebäude 9« und machte das, wofür Kenner sie ein ganzes Jahrzehnt sehr geschätzt hatten: live rocken.

Anzeige

Am nächsten Morgen wachten Georg Brenner und Jan Philipp Janzen auf – und gingen ihrer Wege. Brenner fortan als freischaffender Musiker (vornehmlich im Theaterbereich) und Janzen als Mitglied der Band Von Spar. Urlaub in Polen, die Zwei-Mann-Postrock-Kraut-Combo mit dem merkwürdigen Namen, war Geschichte. »Auf ›Boldstriker‹ hört man ehrlich gesagt, dass wir mit dem Projekt abgeschlossen hatten«, erzählt Janzen. »Die Aufnahmen zu ›All‹ hingegen verliefen reibungslos; das hat richtig Spaß gemacht. Und das hört man nun auch.«

Ohne Zaubertricks oder doppelten Boden geht es auf »All« um »Sound«, wie Georg Brenner betont. Urlaub in Polen kümmert sich nicht um Diskurse, sondern um die »Wirklichkeit des Sounds«.

Ob man von einer Reunion sprechen kann oder muss, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht: Urlaub in Polen sind zurück. Und das ist eine gute Nachricht. Da kommt man auch ohne große Innovationen aus: »In den letzten Jahren, seit unserer Trennung, waren Vintage-Sounds omnipräsent. Da wurde noch jeder Synthesizer-Klang und jede Psych- oder Krautrock-Nuance durchgenudelt. Wir mussten uns davon freimachen.«

Also setzten Urlaub in Polen schlicht dort an, wo sie aufgehört hatten. Janzen fungiert als Drummer, Soundtüftler, Toningenieur und Produzent, Georg Brenner spielt Synth-Klänge auf alten Maschinen und die Gitarre, als wäre der Blues nicht schon hundert Tode gestorben.

Auf »All« können die beiden Musiker aus diesen Komponenten dennoch Neues gewinnen. Das liegt nicht nur daran, dass Jan Philipp Janzen sich in den vergangenen Jahren als Mitbetreiber der Dumbo-Studios in Köln »einiges an Skills draufgeschafft hat«, wie sein Kollege Brenner es ausdrückt, sondern auch an vielen kleinen Verbesserungen. Das Intro »Void« begeistert mit einem satten, warmen, theatralen Sound. Gleich danach, bei »Impulse Response«, schlackern einem die Ohren – wenn die Heimanlage gut eingestellt ist. Getrieben vom motorischen Schlagzeugspiel und dem Wüstenromantik versprühenden Bass ist der Song die perfekte Hintergrundmusik, um durch die Mojave-Wüste Kaliforniens und Nevadas zu fahren. Das Ziel kann eigentlich nur Las Vegas heißen, die Metropole wird aber stilbewusst links liegen gelassen. Klar, dem Classic Rock wird seine Reverenz erwiesen, doch noch bevor einem langweilig werden könnte, reißt die Gitarre das Ruder rum. Nun reist man Richtung Area 51. Wo gerade noch ZZ Top lauerten, grüßt es nun lässig aus dem Space Age.

Das darf man gerne als die große Kunst verstehen, die es tatsächlich ist: Urlaub in Polen perfektionieren hier ihren Entwurf von Rock. Ohne Zaubertricks oder doppelten Boden geht es auf »All« schließlich um »Sound«, wie Brenner es im Laufe des Interviews gleich zweimal betont. Ihnen geht es nicht um Diskurse, sondern um die »Wirklichkeit des Sounds«.

Das war wohl nicht immer so. »Mittlerweile bin ich heilfroh«, sagt Janzen, »dass Georg es immer wieder geschafft hat, die Band von Politik und Diskurs zu trennen.« Er selbst hingegen habe jahrelang dem deutschen Popdiskurs offen gegenübergestanden; nun sei er davon genervt, gar abgestoßen.

Frühere Richtungsstreitigkeiten spielten bei der Trennung 2012 höchstens eine untergeordnete Rolle. Viel schwerer wog, dass die Band einfach runtergerockt war: Das jahrelange Touren durch kleine deutsche Clubs mit »kaltem Backstage und mittelmäßigen Hotels«, immer unterwegs im vollgepackten Kombi, dazwischen immer mal wieder ein Scheunenfestival, davon hatte die Band die Nase voll. Brenner erzählt: »Mit meiner anderen Band, der Hardcore-Gruppe WWK, haben wir sogar noch das Niveau drunter gespielt. Richtig im AZ spielen und schlafen.« Ab einem gewissen Alter fühlte sich das nicht mehr erfüllend an. Neuerdings begegnet er solchen Tour-Strapazen aber mit dem nötigen Gleichmut.

Auch Janzen kann der »Camping-Mentalität« etwas abgewinnen – noch. Denn die Band konnte wegen der Covid-19-Pandemie noch nicht mit der Platte touren. So gab es seit der Reunion 2016 nur eine Handvoll Konzerte. »Wir haben zwar schon wieder 20 Konzerte bei der Tour, die für das Frühjahr 2021 geplant ist; wir versuchen trotzdem nicht so zu überdrehen wie noch vor einem Jahrzehnt«, bestätigen die beiden die Tourpläne trotz gewisser Vorsicht. So steht die Platte erst mal für sich – für die dezidierte Live-Band auch ein Novum.

Den gehobenen Ansprüchen kann »All« auch so gerecht werden. Das Muster der ersten beiden Stücke (ein kurzes Intro, ein längerer, mäandernder Track) behält man über Albumlänge bei. Dieses stop and go verleiht den zehn Titeln einen gewissen Konzertcharme. Auch davon abgesehen wissen Stücke wie »The Hunter« oder die drei Minuten dauernde Unterwasser-Traumsequenz »LTS« zu fesseln. Frei von Motorik-Beat, frei von Drums überhaupt, und ohne den Blues ist das Stück ein spielerisches Experiment, das auch auf den frühen Ambient-Platten von Brian Eno oder bei Harmonia seinen Platz gehabt hätte.

Apropos Harmonia: Wo die Combo aus Cluster und dem Gitarristen Michael Rother nahe ist, kann Neu! nicht weit sein. Das Düsseldorfer Krautrock-Duo gilt immer noch als Archetyp der minimalistischen Band und auch Urlaub in Polen wurden immer wieder als ihre Erben angesehen. So richtig ging das für Brenner und Janzen dennoch nie auf: »Sicher erkennt man schon in der bloßen Konstellation die Ähnlichkeit. Andererseits macht Georg ja alles so offensichtlich anders als Rother damals bei Neu!, so dass der Vergleich eben hinkt.« Ganz verübeln wird man es dennoch niemandem, wenn man bei dem Song »T.H.D.T.« an Klaus Dinger an den Drums und eben an Rother denkt – auch wenn Janzen versucht hat, die klassischen »Dinger-Breaks« zu vermeiden.

»Wir verbinden auf ›All‹ sehr viele Sachen, wo man eigentlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen müsste. Ich kann diesem anachronistischen Entwurf etwas abgewinnen. Eben keinen Trend bedienen – aber auch nicht explizit gegensteuern.« Janzen schreibt dieser Haltung kritisches Potential zu, ihm zumindest habe es deswegen sehr viel Spaß gemacht, diese Platte einzuspielen.

»All« ist wohl vor allen Dingen für jene richtig, die minimalistischem Krautrock und Cosmic zugetan sind, die trotzdem krachen und dröhnen. Und ganz im Hintergrund wird vielleicht sogar etwas wie »Schweinerock« gemurmelt. Dennoch: Einfach nur Rock ist das Album von Urlaub in Polen nicht – es bewahrt sich zwischen Kuhglocken (»Overall«) und Saxophonsolo (»The Witcher«) immer etwas äußerst Unmachistisches. Das ist womöglich die größte Leistung der Band auf dieser Platte.

Urlaub in Polen: All (Tapete Records)