Interview mit Fabian Weber über Zionismus aus nicht­jüdischer Sicht in Deutschland bis 1933

»Interessierte Neugier«

Der Historiker Fabian Weber hat untersucht, wie Nichtjuden im ­Deutschen Reich vor 1933 den Zionismus beurteilten. Mit der Vorstellung eines zukünftigen Judenstaats verbanden sich politische und wirtschaftliche Überlegungen, aber auch rassistische Projek­tionen. Dass der Plan umsetzbar war, glaubten aber die wenigsten.
Interview Von

Sie beschäftigen sich damit, wie der Zionismus im Deutschen Reich aufgenommen wurde – vom ersten Zionistenkongress 1897 bis zur Machtübertragung an die Nazis 1933. Hatte die jüdische ­Nationalbewegung in der damaligen öffentlichen Debatte eine ­besondere Bedeutung?

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Der Zionismus rief zumindest so ­etwas wie interessierte Neugier hervor. Die Vorstellung, dass Juden ­einen eigenen Staat haben könnten, faszinierte ganz unterschiedliche nichtjüdische Kreise, auch wenn ein solches Ziel gemeinhin als nicht umsetzbar angesehen wurde. Die ­zionistische Bewegung fand schnell prominente Unterstützer, zum Beispiel die Friedensaktivistin Bertha von Suttner. Andere taten sich als Kritiker hervor, so etwa der frühe ­Rudolf Steiner. An der zionistischen Bewegung gab es insofern Interesse, als politische und ökonomische Vor- und Nachteile abwogen wurden. Insgesamt aber waren die damaligen Debatten längst nicht so zentral und identitätsstiftend wie die »Israel-Kritik« von heute.

»Interessant ist, wie antisemitische Agitatoren versuchten, unter Verweis auf die Zionisten die Behauptung zu stützen, dass es eine jüdische Rasse gebe, sowie ihrer Forderung nach der Ausweisung von Juden Nachdruck zu verleihen.«

Sehen Sie dennoch Parallelen zur heutigen Zeit?

Ja, in der Debatte zur sogenannten Judenfrage, an der sich alle politischen Kräfte beteiligten. Die Juden genossen seit der Reichsgründung 1871 volle staatsbürgerliche Rechte, doch es wurde diskutiert, ob sie in der Gesellschaft bereits angekommen seien, was sie dafür selbst noch zu tun oder aufzugeben hätten und ob die Mitte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts aufkommende antisemitische Bewegung nicht auch berechtigterweise bestimmte Punkte anspreche. Im Kontext dieser Debatte fanden oft die Diskussionen über den Zionismus statt. Häufig regten die Zionisten das allerdings auch selbst an, um Öffentlichkeit für ihre kleine Bewegung herzustellen.

Eine besondere Rolle spielte dabei die Kolonialpublizistik …

Die deutschen Zionisten, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Schlüsselpositionen innerhalb der gesamten Bewegung besetzten, ­versuchten, die Unterstützung der deutschen Politik für ihr Projekt zu gewinnen. Das hielten sie damals (als das jüdische Siedlungsgebiet noch zum mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reichs gehörte, bevor Palästina 1922 zum britisch verwalteten Mandatsgebiet des Völkerbundes wurde; Anm. d. Red.) für die aussichtsreichste und wünschenswerteste Vorgehensweise. Die Zionisten knüpften dabei an Konzepte aus der Kolonialpublizistik an, denen zufolge der deutsche Einfluss im Orient nicht mit einer aggressiven Kolonisations- und Expansionspolitik, sondern über kulturelle, humanitäre und vor allem wirtschaftliche Unternehmungen ausgebaut werden sollte.

In welcher Rolle sahen sich die deutschen Zionisten dabei?

… als Vermittler zwischen Okzident und Orient sowie als eine Art Stellvertreter für deutsche Kolonisation, die innerhalb des Osmanischen Reichs de facto ausgeschlossen war. Die Zionisten argumentierten, dass eine deutsch-jüdische Interessensgemeinschaft in Palästina bestehe. Die größtenteils aus Osteuropa stammenden jüdischen Einwanderer nach Palästina stellten durch das Jiddische eine mit den Deutschen sprach- und kulturverwandte Gruppe dar, die sich politisch und ökonomisch eng an das Deutsche Reich anzubinden versuche, hieß es.

Was davon war politische Strategie, was Selbstbild?

Ob sich die deutschen Zionisten selbst immer genau so wahrnahmen wie in dieser strategischen Selbstdarstellung, ist schwer zu sagen. Allerdings ist klar, dass sich nur mit Unterstützung einer europäischen Großmacht Fortschritte für das zionistische Projekt erreichen ließen, und man ging von einem deutschen Sieg im Ersten Weltkrieg aus.

Wie wurde dies im Ausland aufgenommen?

Durchaus mit Sorge. Englische Regierungskreise etwa fürchteten, die deutsche Regierung könnte ihnen selbst in einem Bündnis mit den ­Zionisten zuvorkommen. Nach dem Ersten Weltkrieg spielen die deutschen Zionisten aber nur noch eine untergeordnete Rolle in der Bewegung, da nach der Balfour-Erklärung englische Zionisten die Führung übernahmen (1917 hatte der britische Außenminister Arthur Balfour in ­einer Erklärung an die englischen Zionisten Unterstützung beim Aufbau einer »nationalen Heimstätte für das jüdische Volk« versprochen; Anm. d. Red.).

Inwieweit fanden die Positionen der deutschen Zionisten Widerhall in der deutschen Kolonialpublizistik?

In diesem Diskurs ist es wichtig, zwischen der publizistischen und der intern geführten Debatte des Auswärtigen Amts zu unterscheiden. In der deutschen Öffentlichkeit wurden gegen Ende des Ersten Weltkriegs Stimmen laut, die eine offizielle Unterstützung des Zionismus von der deutschen Regierung einforderten, notfalls auch gegen den Widerstand der osmanischen Regierung. 1918 schlossen sich beispielsweise konservative Publizisten, Wirtschaftsexperten, liberale und auch sozialdemokratische Politiker zu einem »Pro-Paläs­tina-Komitee« zusammen und traten für die offizielle Förderung des Zionismus durch die Regierung ein. Dabei ging es aber vor allem um die wirtschaftliche und taktische Nützlichkeit des Zionismus. Man erhoffte sich von einer aufstrebenden jüdischen Siedlung in Palästina einen lukrativen Handelspartner und politischen Verbündeten in der Region – auch um dem vom Suezkanal aus vorstoßenden britischen Empire etwas entgegenzusetzen, was selbstverständlich illusorisch war.

Welche Position nahm das Auswärtige Amt ein?

Von offizieller Seite wollte man es keineswegs zum Affront gegen den osmanischen Verbündeten kommen lassen. Denn das jungtürkische »Komitee für Einheit und Fortschritt« hegte großes Misstrauen gegen nationale Minderheiten im eigenen Reich und versuchte, alle zionistischen Bestrebungen zurückzudrängen. Erst nachdem Palästina an das britische Empire gefallen war, wagte das deutsche Auswärtige Amt eine öffentliche Erklärung zugunsten einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina. Diese ging neben der britischen Balfour-Erklärung allerdings unter.

Eine weitere Gruppe, mit der Sie sich beschäftigt haben, sind antisemitische Kreise.

Einige Antisemiten zogen gerne Aussagen von Zionisten heran, um damit ihre antisemitischen Programme zu rechtfertigten: Wenn nun Juden selbst zugaben, dass sie eine eigene Nation seien, dann dürften sie nicht länger gleiche Rechte innerhalb des Deutschen Reichs einfordern. Inter­essant ist, wie antisemitische Agitatoren versuchten, unter Verweis auf die Zionisten die Behauptung zu stützen, dass es eine jüdische Rasse gebe, sowie ihrer Forderung nach der Ausweisung von Juden Nachdruck zu verleihen. Die zionistische Bewegung unterstützten sie aber keineswegs.

Wie erklären Sie sich das?

Es wurde argumentiert, dass der Zionismus die von den Juden ausgehende Bedrohungssituation verschärfe. Denn die Zionisten stünden freilich im Bunde mit allen anderen Juden, wie es in zahlreichen verschwörungstheoretischen Konstruktion anti­semitischer Agitatoren ausgemalt wurde. Nur ein Teil der Juden gehe nach Palästina, während der andere Schlüsselstellungen in Gesellschaft und Wirtschaft der westlichen Länder besetzte. Insgesamt entstehe eine Art Einkreisungsbewegung: Die Juden seien seit der Judenemanzipation ohnehin ein innerer Feind im Fleische der Völker, mit dem Zionismus komme zudem eine Bedrohung von außen. Von der antisemitischen Bewegung des Kaiserreichs über die völkische Bewegung, die nach dem Ersten Weltkrieg zur Massenbewegung geworden war, bis zu den Nationalsozialisten steigerte sich diese ­Paranoia immer weiter.

Wie sahen die christlichen Positionen zum Zionismus aus?

In katholischen Kreisen interessierte man sich nicht allzu sehr für jüdische Dinge. Damals beschäftigte sich vor allem die evangelische Judenmission stark mit der Theologie, Geschichte und auch der Gegenwart des Judentums. Man nahm dabei sogar an, dass gerade an »Israel« das Heil und die Identität der Kirche festzumachen sei. In der heilsgeschichtlich aufgeladenen »Judenfrage« der deutschen Judenmission spielte der Zionismus eine prominente Rolle – und zwar für die Erlösung der gesamten Menschheit. So sei mit der Rückkehr nach Palästina eine neue Etappe in der Geschichte erreicht. Die Juden würden daraufhin Jesus Christus als ihren Messias anerkennen und damit das Reich Gottes einleiten.

Eine Position, die stark an die heutiger Evangelikalen erinnert …

In der Tat. Es handelte sich um absurde Projektionen, die nur schwer mit der Realität der zeitgenössischen zionistischen Bewegung in Einklang zu bringen waren. Als sich dann zeigte, dass der Zionismus die Juden keineswegs näher an Jesus Christus heranführte, sondern vielmehr ein säkulares jüdisches Bewusstsein und Selbstbewusstsein stärkte, reagierten die meisten ­Judenmissionare äußerst feindselig. Sobald der Zionismus sich nicht mehr mit ihren Hoffnungen versöhnen ließ, wurde er mit modernem Antisemitismus sowie auch Vorurteilen aus der christlichen Tradition bedacht.

Fabian Weber: Projektionen auf den ­Zionismus. Nichtjüdische Wahrnehmungen des Zionismus im Deutschen Reich 1897–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, ­Göttingen 2020, 377 Seiten, 59,99 Euro