Graphic Novel »Gegen mein Gewissen« von Hannah Brinkmann

Gegen sein Gewissen

Eine herausragende Graphic Novel erinnert an die Zeit der Kriegsdienstverweigerungen in der BRD. Hannah Brinkmann schildert in ihrem Debüt »Gegen mein Gewissen« die Biographie ihres Onkels Hermann Brinkmann, der sich vergeblich gegen seinen Einberufungsbefehl gewehrt hatte.

Wenige Monate nach der Gründung der Bundeswehr wurde am 7. Juni 1955 das Wehrpflichtgesetz verabschiedet. Die neue Armee brauchte Kriegsdienstleistende. Das im Grundgesetz garantierte Recht auf Kriegsdienstverweigerung (KDV) blieb zwar bestehen, Verweigerer mussten aber eine Gewissensprüfung absolvieren. Bei dieser wurden junge Männer, die den Kriegs- und Wehrdienst ablehnten, mit den bohrenden Fragen eines Prüfers traktiert, der über die Ernsthaftigkeit der Gewissensentscheidung urteilte. Kaum jemand hat dieses Verfahren so sarkastisch geschildert wie Franz Josef Degenhardt 1972 in seinem Lied »Befragung eines Kriegsdienstverweigerers«. Darin heißt es: »Dies ist die Befragung eines Kriegsdienstverweigerers / Durch den liberalen und zuvorkommenden Kammervorsitzenden. / Also Sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz / Sagen Sie mal, / sind Sie eigentlich Kommunist?«

Hannah Brinkmann erzählt von der beginnenden Politisierung der Jugendlichen seit den sechziger Jahren ebenso wie vom Aufwachsen ihres Onkels in einem bürgerlichen Umfeld.

Das Lied »Befragung eines Kriegsdienstverweigerers« wird auch in Hannah Brinkmanns Graphic Novel »Gegen mein Gewissen« zitiert. Die 1990 in Hamburg geborene Comicautorin schildert darin den Kampf eines jungen Mannes um die Anerkennung seiner Kriegsdienstverweigerung. Es handelt sich um die authentische Geschichte ihres Onkels Hermann Brinkmann, die in den siebziger Jahren Schlagzeilen machte und eine Diskussion über die Rechtmäßigkeit der Gewissensprüfung auslöste.

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Die Erzählung setzt mit der Geschichte der Wiederbewaffnung in den fünfziger Jahren ein. Hermanns Mutter steht in der Küche und backt Kuchen, während im Radio die Bundestagsdebatte läuft. Die Wiederbewaffnungsdiskussion wurde von 1949 bis 1956 geführt. Die Regierung unter dem christdemokratischen Kanzler Konrad Adenauer (CDU) drang auf Gründung der neuen Armee, die Opposition sah damit die Konsequenz aus dem Nationalsozialismus in Frage gestellt, wonach von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte. Allerdings freundete sich die Sozialdemokratie dann schnell mit der neuen Armee an. In den siebziger Jahren bezeichnete Verteidigungsminister Georg Leber (SPD) die Bundeswehr als »Schule der Nation«. Die Graphic Novel verdichtet diese jahrelange Debatte in eindrucksvollen Bildern, die an den Karikaturenstil von George Grosz erinnern.

1961 traten die ersten Kriegsdienstverweigerer ihren Zivildienst an. Hinter ihnen lag ein nicht selten schikanöses Anhörungsverfahren. Häufig waren ehemalige Soldaten die Befrager. Die Zahl der jungen Männer, die nicht »zum Bund« wollten, stieg stetig: Verweigerten 1967 lediglich 5 963 junge Männer den Dienst an der Waffe, waren es 1977 bereits 69 969. Hinzu kamen ein paar Totalverweigerer, die die Wehrpflicht in Gänze ablehnten und sowohl den Waffen- als auch den sogenannten Wehrersatzdienst verweigerten. Auch diese Minderheit unter den Verweigerern berücksichtigt Brinkmann in ihrer Graphic Novel.

Die Frage, ob man zum Bund gehen oder verweigern wollte, wurde auf Schulhöfen, in Jugendzentren und am elterlichen Esstisch heiß diskutiert. Es war auch eine politische Frage, die das eigene Verhältnis zum Staat, zum Männerbund und zum Waffengebrauch berührte. In den Verfahren zählten keine politischen ­Argumente, sondern nur Gewissensgründe, die es rhetorisch geschickt vorzubringen galt.

Brinkmann erzählt von der beginnenden Politisierung der Jugendlichen seit den sechziger Jahren ebenso wie vom Aufwachsen ihres Onkels in einem bürgerlichen Umfeld. Schon als Kind lehnt Hermann alle Formen von Gewalt ab, selbst eine Spielzeugpistole mag der Junge nicht anrühren.

Rund zehn Jahre später: Hermann muss vor der staatlichen Prüfungskommissionen darlegen, warum er den Dienst an der Waffe nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Ein ehemaliger Oberstleutnant fragt ihn, warum er als Pazifist Auto fahre. Schließlich stürben im Straßenverkehr jedes Jahr Tausende Menschen. »Autofahren hat doch nichts mit Frieden-Erhalten zu tun. Absichtliche Tötungen sind nicht zu dulden«, antwortet Hermann.

Fragen wie diese hat sich die Zeichnerin nicht ausgedacht, sie waren die Regel. Als Hermann gefragt wird, ob er bereit wäre, seine Freundin gegen einen Angreifer mit einem Messer zu verteidigen, kommt es zum Streit mit dem Prüfer. Herrmann erklärt, dass er niemals ein Messer bei sich trage und die Frage deshalb keinen Sinn ergebe. Im Kreuzverhör bricht ihm der Schweiß auf der Stirn aus. Auf fast zehn Seiten wird das qualvolle Erleben der inquisitorischen Befragung in einer Art innerem Monolog geschildert: ein Strom aus Bildern, Erinnerungen, Traumsequenzen.

Hermann Brinkmann ist ein überzeugter Pazifist, der mit seiner Verweigerung ein Zeichen setzen will. Sich krankschreiben zu lassen oder nach Westberlin zu flüchten, wie es viele seiner Altersgenossen taten, kommt für ihn nicht in Frage. Aber seinem Antrag wird nicht stattgegeben, er muss zur Bundeswehr und wird schwer depressiv. Als auch sein Antrag auf Aussetzung der Wehrpflicht aufgrund seiner psychischen Beschwerden abgelehnt wird, entschließt er sich zum Suizid.

Weihnachten 1995. Als die fünfjährige Hannah einen ihr unbekannten jungen Mann auf einem Familienefoto entdeckt, fängt sie an, Fragen zu stellen. Mit dieser Szene setzt die autobiographische Erzählung ein, in der die Autorin und Zeichnerin sich auch mit der Tabuisierung des Suizids ihres Onkels innerhalb der Familie auseinandersetzt. Die kurze Lebensgeschichte des Onkels, den sie nie kennengelernt hat, hat auch ihr eigenes Leben auf subtile Weise beeinflusst.

Die Familiengeschichte, die sie recherchiert hat, ist zugleich ein Stück BRD-Geschichte. In detailreichen Bildern wird ein »gutbürgerliches« Milieu gezeigt, das typisch für die BRD der sechziger und siebziger Jahre ist. Vater und Onkel gehen gemeinsam zur Jagd, Geweihe hängen über dem Kaminsims im Wohnzimmer. Vor dem sonntäglichen Kirchgang kon­trollieren die Eltern, ob die Kinder saubere Fingernägel haben. In der Schule erklärt der Lehrer, dass John Lennon und Walter Ulbricht des Teufels sind. Und der Vater wütet gegen Rockmusik und zerbricht die Schallplatten seiner Söhne. Die Jugendlichen lesen die Bücher von Albert Camus und finden es »astrein«, wenn neues Haschisch geliefert wird.

Hannah Brinkmann gelingt eine genaue Schilderung des Milieus, in dem Hermann seine Kindheit und Jugend verbracht hat, inklusive der damaligen Moden und der Sprache. Nur einmal irrt sie: wenn Hermanns Bruder Anfang der siebziger Jahre von den »Baader-Meinhof-Vollpfosten« redet. Das Wort »Vollpfosten« war damals noch nicht gebräuchlich.

Der Zeichenstil variiert immer wieder. Manchmal fehlt der Text, dann sprechen allein die Bilder. Hannah Brinkmann nutzt geschickt die vielen Möglichkeiten des Mediums. In den Bildern nach Hermann Brinkmanns selbstgewähltem Tod gibt es seitenweise keine Sprechblasen. Der Suizid macht sprachlos.

In der Todesanzeige machten die Eltern auf die Umstände aufmerksam, die dazu führten, dass ihr Sohn, der »immer seinem Gewissen verpflichtet« war, am Ende keinen anderen Ausweg sah, als sich umzubringen: »Wir fragen uns, warum Hermann diesen Weg gehen musste.« Gegen den Wunsch der Familie rückten Reporter zur Beerdigung an; die hässlichen Szenen, die sich am offenen Grab abspielten, sind ebenso Teil der Graphic Novel wie Faksimiles von Zeitungsartikeln und Fotos, die die Autorin in das gezeichnete Werk integriert.

Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) wurde das KDV-Anerkennungsverfahren 1977 vereinfacht. Das modifizierte Wehrpflicht- und Zivildienstgesetz wurde allerdings auf Betreiben von CDU/CSU vom Bundesverfassungsgericht wieder außer Kraft gesetzt. Erst 1984 wurde ein schriftliches Anerkennungsverfahren ermöglicht. Auch die Debatte darüber schildert die Graphic Novel.

Erinnernswert ist das Engagement gegen den Krieg allemal. Auch sollte nicht übersehen werden, dass Menschen bei dem Versuch, ihr Leben gewaltfrei zu gestalten, geradezu gebrochen wurden. Wer den berührenden Comic »Gegen mein Gewissen« liest, wird dieses Kapitel bundesdeutscher Geschichte so schnell nicht mehr vergessen können.

Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen. Avant-Verlag, Berlin 2020, 232 Seiten, 30 Euro