In Indien wird über die ­Bezahlung von Hausarbeit diskutiert

Engels in Indien

Im südindischen Tamil Nadu ist Wahlkampf. Einige Politiker fordern Entlohnung für Hausarbeit leistende Frauen und entfachen damit eine alte feministische Debatte neu.

Ein Grundeinkommen für Haushaltsarbeit von Frauen – das verspricht ­Kamal Hasaan, der Spitzenkandidat der zentristischen People’s Justice Partei (Makkal Needhi Maiam), im Fall eines Siegs seiner Partei bei den Wahlen zur Legislativversammlung im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu im April. »Hausfrauen werden ihre verdiente Anerkennung für Arbeit bekommen, die bisher ungewürdigt und unbezahlt ist«, heißt es in einer Pressemitteilung.

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Hasaan, ein ehemaliger Schauspieler, hat damit eine Diskussion angeheizt, die nach einem Urteil des Obersten Gerichts vom 5. Januar aufgekommen war. Das Gericht hatte entschieden, dass Hausfrauen erheblich zur Wirtschaftsleistung des gesamten Haushalts beitragen. Daher hätten Familien einen Anspruch auf bis zu 9 000 Rupien (bis zu 100 Euro), wenn eine Hausfrau verstirbt. Kamal Hasaan will eine staatliche Bezahlung für Hausfrauen nun schon zu ihren Lebzeiten einführen.

Haus- und Lohnarbeit sind oft nicht zu trennen, vor allem im Textilsektor, wo viele Arbeiterinnen, die zu Hause an ihren Nähmaschinen arbeiten, in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind.

Auf Twitter tobten Diskussionen, nachdem sich dort Shashi Tharoor, Schriftsteller, Journalist und Politiker der Kongresspartei, für eine solche Maßnahme ausgesprochen hatte: »Das wird zu einer höheren Anerkennung der Arbeit von Hausfrauen in der Gesellschaft führen, ihnen zu Stärke und Autonomie verhelfen und ein beinahe bedingungsloses Grundeinkommen schaffen.« Damit zog er heftige Kritik der hindunationalistischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) und ihrer Anhängerinnen und Anhänger auf sich. So schrieb die Schauspielerin Kangana Ranaut auf Twitter: »Sex, den wir mit unseren Liebsten haben, hat kein Preisschild, bezahlt uns nicht für die Erziehung unserer eigenen Kinder, wir brauchen kein Gehalt, um die Königinnen unseres eigenen Zuhauses zu sein, hört auf, alles als Business zu betrachten.«

Aber auch von anderer Seite kamen Einwände. U. Vasuki aus Tamil Nadu ist Vizepräsidentin der linken All India Democratic Women’s Association und Mitglied im Zentralkomitee der Communist Party of ­India (Marxist). Sie lobt die Anerkennung von Haus­arbeit durch Bezahlung prinzipiell, gibt im Gespräch mit der Jungle World aber zu bedenken: »Wenn Frauen dafür ein Gehalt bekommen, zementiert sich der Eindruck, dass der Haushalt allein ihre Angelegenheit sei.«

Nach Angaben der Weltbank beträgt die Erwerbsbeteiligungsquote von Frauen in Indien 20 Prozent. Oftmals lässt sich aber gar keine zeitliche und schon gar keine örtliche Grenze zwischen Hausarbeit und Arbeit zu Hause ziehen. Vor allem in der Landwirtschaft führt das zu einer signifikanten Mehrbelastung von Frauen. Aber das gilt auch für Vertragsarbeit, vor allem im Textilsektor, wo viele Arbeiterinnen, die zu Hause an ihren Nähmaschinen arbeiten, in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Sie übernehmen vor allem die Weiterverarbeitung von Fabrikware, wie beispielsweise Knöpfe annähen, Verzierungen und Stickereien anbringen, Fäden ziehen, Stoffreste verwerten. Gewerkschaftliche Organisation ist unter ­solchen Bedingungen kaum möglich. Während des Lockdowns wurden Löhne teils wochenlang nicht ausbezahlt.

Dies schlägt in Tamil Nadu besonders zu Buche. Es verfügt über das zweithöchste Bruttoinlandsprodukt aller Bundesstaaten Indiens. Den relativen Wohlstand verdankt Tamil Nadu vor allem Textilzentren wie den Städten Coimbatore oder Tiruppur. Die Löhne liegen in diesem Sektor Regierungsangaben zufolge bei monatlich 10 000 bis 12 000 Rupien, umgerechnet ungefähr 110 bis 130 Euro. Für Frauen, die zu Hause arbeiten, dürfte es vermutlich we­niger sein.

Es ist im Wahlkampf in Tamil Nadu üblich, dass großzügige Geschenke verteilt werden. Die regierende regionalistische Partei All India Anna Dravida Munnetra Kazhagam hatte bei der vergangenen Wahl 2016 Mobiltelefone, Laptops und vergünstigte Motorroller an die Ärmsten ausgegeben. In diesen Kontext ist auch das Wahlversprechen Kamal Hasaans einzuordnen.

Im Süden Indiens sind vor allem regionale Parteien fest etabliert, die sich gegen eine politische Übermacht des Hindi sprechenden Nordens einsetzen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass die BJP auch hier Stimmen hinzugewinnen könnte. Kamal Hasaans Partei, die sich keinem Lager verpflichten möchte, kann nach derzeitigen Umfragen der Nachrichtenagentur ABP lediglich auf sechs bis sieben Prozent der Stimmen hoffen.

Der Zeitpunkt der Diskussion ist bemerkenswert. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie hat das Thema nicht nur in Indien an Bedeutung gewonnen. Die Debatte schließt an eine bereits seit der sogenannten Zweite Welle der Frauenbewegung in den siebziger Jahren geführte globale Diskussion über Reproduktionsarbeit an. Die Feministinnen Selma James und Mariarosa Dalla Costa schrieben in ihrem 1972 erschienenen Buch »The Power of Women and the Subversion of the Community«: »Die Produktivität der Lohnsklaverei basiert auf der Sklaverei der Nicht-Entlohnten.« Ausgehend von Friedrich Engels’ Schrift »Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats« (1884) hielten sie fest, dass Löhne nur durch Ausbeutung im Haushalt niedrig gehalten werden könnten. Drei Jahre später argumentierte die Marxistin Silvia Federici in ihrer Schrift »Wages Against Housework«, dass eine Entlohnung für solche Tätigkeiten wichtig sei, um Unabhängigkeit vom Partner zu wahren. »Sie sagen, es ist Liebe – wir sagen, es ist unbezahlte Arbeit«, lautete der erste Satz dieses Werks.
Seitdem werden solche Konzepte zur Bezahlung von reproduktiver Arbeit immer wieder in die Diskussion gebracht. In Indien gab es bereits 2012 einen solchen Vorschlag, geäußert von der Frauenministerin Krishna Tirath (Kongresspartei). Damals scheiterte er allerdings – auch daran, dass Tirath vorgeschlagen hatte, dass die Ehemänner diese Gelder verteilen sollten. Der Auszahlungsmechanismus ist entscheidend, um bestehende Ungleichheiten nicht zu reproduzieren.

Auch wenn Shashi Tharoor die Idee des Haushaltslohns mit einem bedingungslosen Grundeinkommen in Verbindung gebracht hat, gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Haushaltslohn ist nicht universal und nicht bedingungslos. Der britische Ökonom Guy Standing meint, genau das könnte zum Problem werden. Als Vorsitzender des Internationalen Netzwerks Bedingungsloses Grundeinkommen (BIEN) hatte er 2015 eine großangelegte Pilotstudie in Indien geleitet. Das Ergebnis: »Ein Grundeinkommen hat emanzipatorische Effekte, die zielgruppenorientierte Programme nicht haben«, so Standing im Gespräch mit der Jungle World. »Ich bin kein Freund selektiver Geldtransfers. Wenn man jemanden dafür bezahlt, Haus- und Pflegetätigkeiten zu übernehmen, dann werden sich andere daran noch weniger beteiligen. Man wird sagen, die Frau bekommt dafür Geld, also soll sie das gefälligst auch erledigen.« Dagegen habe sich gezeigt, dass ein Grundeinkommen für alle eher dazu führe, dass die Hausarbeit zwischen den Familienmitgliedern aufzuteilen.

In Tamil Nadu hält U. Vasuki fest: »Regierungsmaßnahmen sollten die Mehrbelastung von Frauen reduzieren, so dass sie mehr freie Zeit für politische und soziale Arbeit haben, um sich auszuruhen, um sich zu amüsieren.«