Sollte man zum Friseur gehen?

Haarige Angelegenheit

Angesichts der Lockerungen fragen sich viele »soll ich oder soll ich nicht«? Auch wenn individuelle Entscheidungen in einer Pandemie jeweils nur eine kleine Rolle spielen, so müssen sie doch getroffen werden.
Disko Von

Champagner in der Warteschlange

Von Philipp Idel

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Bei vielen war die Vorfreude groß. Am Montag voriger Woche öffneten manche Friseursalons bereits eine Minute nach Mitternacht, viele Kundinnen und Kunden hatten Wochen im Voraus einen Termin vereinbart. Mancherorts standen sie schon eine halbe Stunde vorher vor dem Laden an, in Berlin spendierte ein Salon den Wartenden Champagner. Elf Wochen lang hatten die Friseure geschlossen, viele Läden haben nun wochenlang keinen Termin mehr zu vergeben. Einige haben länger geöffnet, um möglichst vielen Kunden die Haare schneiden zu können, und natürlich auch, um so hohe Einnahmen wie möglich zu erzielen.

Viele Friseurbesucher wollen wohl wieder etwas Glamour und Abwechslung in ihren wegen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens eher tristen Alltag bringen.

Viele, die sich jetzt die Haare waschen, schneiden, föhnen, färben und legen lassen, wollen wohl wieder etwas Glamour und Abwechslung in ihren wegen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens eher tristen Alltag bringen. Andere möchten schlicht gepflegt aussehen, manche wünschen sich, dass es sich auf ihrem Kopf wieder etwas luftiger anfühlt. Offenbar ist es vielen so wichtig, eine Frisur zu haben, dass sie auch in der Pandemie zum Friseur gehen.

Nur weil etwas erlaubt ist, muss man es allerdings nicht tun – erst recht nicht, wenn die Siebentageinzidenz der mit Sars-CoV-2 neu Infizierten über 60 liegt. Dieser Wert dürfte zudem wegen der vergangene Woche von der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) beschlossenen Lockerungen in anderen Bereichen und der Ausbreitung der ansteckenderen britischen Virusvariante bald wieder steigen. Da ist es naheliegend, dem Infektionsschutz zuliebe auf den Friseurbesuch zu verzichten, mag man sich auch noch so unansehnlich finden, wenn man morgens das wuchernde Haupthaar im Spiegel erblickt.

Dennoch ist es richtig, dass Friseursalons vorige Woche wieder öffnen durften, und vertretbar, sich dieser Tage dort die Haare schneiden zu lassen. Die MPK hatte die Friseuröffnung am 10. Februar unter anderem mit dem Argument beschlossen, damit würde das verbreitete illegale Haareschneiden ohne Hygienekonzepte unterbunden. Friseurbesuche sind derzeit nur unter strengen Auflagen erlaubt.

Über Fälle von pandemiebedingter Schwarzarbeit in der Friseurbranche berichteten zum Beispiel MDR, WDR, ARD und das Redaktionsnetzwerk Deutschland. In Unna (Nordrhein-Westfalen) meldete die Polizei Mitte Januar, im Keller eines Hauses hätten Einsatzkräfte 20 Personen angetroffen, »die sich ohne Sicherheitsabstand und Mund-Nasen-Schutzmasken in einem Raum aufhielten. Auf dem Boden lagen abgeschnittene Haare und auf den Tischen war Friseurbedarf vorzufinden.«

Pandemiebedingte Schwarzarbeit unter Vernachlässigung von Hygienekon­zepten dürfte es derzeit zwar auch in vielen anderen Branchen geben. Es gehen allerdings mehr Menschen zum Friseur als etwa zur Fuß- oder Handpflege, die demnächst ja auch wieder möglich sein soll.

Dass die Friseursalons wieder geöffnet wurden, ist auch richtig, weil insbesondere viele ältere Menschen ihre Haare nicht ausreichend selbst pflegen, geschweige denn schneiden können und oft auch keine Angehörigen haben, die das tun können oder wollen. Für diese Menschen ist der Friseurbesuch nicht nur Luxus. Auch das Bedürfnis, mit dem Friseur oder der Friseurin zu plaudern, ist nach einem Jahr Pandemie nur allzu verständlich, auch bei jüngeren Leuten.

Dass das Risiko, sich bei einem Friseurbesuch mit dem Virus anzustecken, gering ist, legt eine Studie der TU Berlin nahe. Der Belüftungsexperte Martin Kriegel und seine Kollegin Anne Hartmann haben untersucht, wie wahrscheinlich es ist, dass man sich in einem geschlossenen Raum ansteckt, in dem sich eine infizierte Person befindet. Bei einem Damenfriseursalon mit Maskenpflicht ist das Ansteckungsrisiko demnach nur etwas mehr als halb so hoch wie im Supermarkt. Auch im öffentlichen Personennahverkehr sei das Infektionsrisiko höher als beim Friseur, auch mit Maske.

Wer sich guten Gewissens die Haare schneiden lassen möchte, könnte demnach zum Ausgleich seltener in den Supermarkt gehen oder auf U-Bahnfahrten verzichten. Das ist vielleicht auch bei den künftigen Lockerungen eine gute Faustregel: Wer sich das eine genehmigt, sollte etwas anderes unterlassen, zumindest bis man geimpft ist. Mit Glamour und Luxus ist das Virus bedauerlicherweise kaum kompatibel. Ein bisschen davon braucht es für viele aber schon, um besser durch die Pandemie zu kommen.

 

Mach es dir selbst

Von Elke Wittich

Die Hauptbeschäftigung von Haaren ist das Wachsen. Oder flächendeckend auszufallen, aber um diesen Fall geht es an dieser Stelle nicht, obwohl kaum etwas bescheuerter aussieht als der Versuch, mit wenigen verbleibenden, dafür aber extralangen Haaren durch mehr oder weniger kunstfertiges Kämmen eine intakte und ungemein prachtvolle Frisur vorzutäuschen.

Haare wachsen also, und es gibt eine Vielzahl von Gründen, dies nicht unbegrenzt zuzulassen.

Einer ist der Sommer, denn bei rund 32 Grad und direkter Sonneneinstrahlung rund ein dreiviertel Kilo nichtblonde Haare auf dem Kopf mit sich herumzutragen, ist nicht schön.

Ein anderer Grund ist der Winter, also die Jahreszeit, in der man sich entweder gezwungen sieht, besagtes dreiviertel Kilo Haare in eine vor Kälte schützende Mütze zu stopfen, was immer unvorteilhaft aussieht. Oder eben diese vielen Haare zum Schutzschild gegen das Wetter zu erklären, der durch widrige Umstände jedoch schnell feucht und etwas später mindestens halbgefroren sein wird.

Es gibt eine Menge Geschäfte, die viel maßgeblicher als Friseur­salons zu dauerhaftem Wohlbefinden beitragen und in denen niemand einen anfasst.

Also muss das Haarwachstum begrenzt werden. Wofür eine handelsübliche Schere und ein Spiegel völlig ausreichen, denn viel mehr, als die Haare einmal rundherum auf vorzugsweise gleiche Länge zu bringen, ist nicht erforderlich. Das Ergebnis sieht eigentlich immer gut aus.

Aber natürlich gibt es auch schwerere Fälle, in denen Haarbesitzer und Haarbesitzerinnen fest davon überzeugt sind, sie bräuchten eine sogenannte Frisur. Damit wollen sie oft von irgendwelchen tatsächlich vorhandenen oder auch nur eingebildeten optischen Schwachstellen wie einem unschönen Gesicht oder einer etwas fülligeren Figur ablenken – oder was immer Leute an sich selbst halt so stört, ohne dass es jemand anderen stört. Und so ziehen sie seit vielen, vielen Jahrzehnten in nicht enden wollenden Strömen in die Frisiersalons und verlangen Frisuren.

Frisuren, wohlgemerkt, sind das, für das man zehn, 20 Jahre später ausgelacht wird, wenn irgendwer das Album mit den alten Fotos entdeckt. Die damals so heiß ersehnten kunstvoll gedrehten Dauerwellen, Krepp-Resultate, Schnitte, Toupierereien, Tönungen und was es nicht alles in dem Bereich gibt, sehen mit etwas Abstand und ohne den Zeitgeist nämlich immer altmodisch, bräsig und lächerlich aus, also so ähnlich wie Klamotten mit eingenähten Schulterpolstern, nur halt noch dusseliger. Und so kann man sich genauso gut einen bequemen pflegeleichten und vor allem selbstgeschnittenen Bob zulegen. Damit spart man vor allem auch noch viel Geld. Ausgelacht wird man dann zwar wahrscheinlich in nur wenigen Jahrzehnten immer noch, aber dafür muss man sich nicht seufzend fragen, was man mit der ganzen Kohle nicht alles hätte stattdessen anfangen können.

Ganz zu schweigen von der vielen Zeit, die das professionelle Frisiertwerden kostet. Eingesperrt in einem euphemistisch »Salon« betitelten Ladenlokal sitzt man zunächst auf unbequemen Stühlen und bekommt in schlimmeren Fällen zur Überbrückung der Wartezeit sogenannten Kaffee angeboten. Oder Frisurenfachblätter. Wenn man möchte, kann man auch den Gesprächen zwischen Personal und Kundschaft zuhören, in denen es meistens um Haare geht. Oder zugucken, wie jemand frisch Frisiertes sich beglückt im Spiegel anschaut und den Salon strahlend verlässt. Und gleichzeitig dunkel ahnen, dass die schicke neue Haarpracht nach nur einmal schlafen aussehen wird wie die ehemalige schicke Haarpracht. Denn natürlich schafft man als Laiin dieses ganze mit Bürsten und Zeugs auf dem Kopf Herumgerolle und Gewuschel und Herumgezupfe und das Fixieren und so weiter und so fort nicht. Schon gar nicht morgens, wenn man Interessanteres vorhat, also beispielsweise auszuschlafen oder auch nur in Ruhe zu atmen.

Insofern ist die Öffnung der Friseursalons eher nicht nachvollziehbar, zumal es eine Menge Geschäfte gibt, die viel maßgeblicher zu dauerhaftem Wohlbefinden beitragen und in denen einen niemand anfasst. Der Schminkefachhandel, beispielsweise, Parfümerien, Schuhgeschäfte. Und Handy- und Computerläden, natürlich, plus eigentlich alles andere, was blödsinnigerweise erst mal geschlossen bleiben muss, weil ein großer Teil der Menschheit bedauerlicherweise auf Haarschnitte durch fremde Leute beharrt. Es wird sich ja in nur rund zwei Wochen anhand der Infektionszahlen zeigen, was für eine super Idee die Öffnung der Salons war, wenn viele der frisch Infizierten Frisuren haben.