Der Vorsitzende der Göttinger Ditib- Gemeinde ist zurückgetreten

Mit der Beretta für den Frieden

Nach Kritik des Jugendverbands »Die Falken« trat der Vorsitzende der Göttinger Ditib-Gemeinde zurück. Er soll sich in sozialen Medien unter anderem antisemitisch geäußert haben.

Die sozialen Medien können verräte­risch sein. Anfang März trat der langjährige Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Göttingen, Mustafa Keskin, von all seinen Ämtern zurück. Auslöser waren Recherchen der Göttinger Ortsgruppe des sozialdemokratischen Jugendverbands »Die Falken«. Deren Ergebnisse hatte der Verband Anfang Februar auf seiner Website veröffentlicht. Dort warfen sie dem Vorsitzenden der zum deutsch-türkischen Moscheeverband Ditib gehörenden Gemeinde vor, »antisemitische Hassbotschaften und Verschwörungsmythen« in sozialen Medien verbrei­tet zu haben. Außerdem habe Keskin gegen Kurden und Armenier gehetzt und sich positiv auf die islamistische Muslimbruderschaft bezogen. Ein Bild auf seinem Whatsapp-Profil zeige, den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump als »alte« und seinen Amtsnachfolger Joe Biden als »neue Marionette« des »Puppenspielers« Jacob Rothschild. Der Name des jüdischen In­vestmentbankers spielt in antisemitischen Verschwörungstheorien häufig eine Rolle, denen zufolge reiche »Finanz­juden« die Regierungen der Welt kontrollieren.

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Wie die Welt berichtete, fand der Jugendverband auf der Facebook-Seite des Funktionärs unter anderem ein Posting, dass ein Foto eines israelischen Soldaten zeigt. Vor ihm steht ein Kind, das seine Hand hebt. Keskin schrieb auf Türkisch dazu: »Er bäumt sich vor dem jüdischen Hund auf, sagt: Dein Zionismus wird sich wundern, wenn ich eine osmanische Ohrfeige niederschmettern lasse.« Ein anderes Bild zeige eine Waffe, die aus der Landkarte Israels besteht und die auf den Körper eines Kindes einsticht.

Dieselbe Zeitung berichtete über ein weiteres Facebook-Posting, das ein Bild von Papst Franziskus und ein Bild des türkischen Rechtsextremisten Mehmet Ali Ağca zeigt, der in Rom 1981 ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübt hatte. Unter den Bildern stehe sinngemäß in türkischer Sprache: »Weil Franziskus den Völkermord an den Armeniern als historische Realität anerkenne, müsse sich dieser nicht wundern, wenn man ihm in den Kopf schießt.« Bis heute leugnet die türkische Regierung den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917. Die Türkei ist Rechtsnachfolgerin des für den Genozid verantwortlichen Osmanischen ­Reichs. »Eine zusätzlich bedrohliche No­te bekommt das Ganze dadurch, dass Keskin eine Zeitlang eine Beretta mit Munition als Profilbild nutzte«, schreibt der Jugendverband.

Den Vorwurf des Antisemitismus wies Keskin auf Anfrage der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) zurück. Die Postings stammten von ihm, seien aber gegen die israelische Politik gerichtet, die er auch weiterhin kritisiere. »Aber ich würde niemals sagen, dass der Holocaust eine Lüge war«, sagte er der KNA.

»In Göttingen wurde eine Grenze überschritten, und das Fehlverhalten ist in keiner Weise zu rechtfertigen«, sagte der Vorsitzende des Landesverbands der Ditib, Ali Ünlü, der Welt. Auch der Bundesverband distanzierte sich deutlich und forderte Keskins Rücktritt. Wie der NDR berichtete, hat die Göttinger Staatsanwaltschaft mittlerweile Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung aufgenommen. Die Recherche der Falken zog weitere Kreise. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe wurde die geplante Aufnahme des Ditib-Landesjugendverbands Niedersachsen und Bremen als Vollmitglied im Landesjugendring Niedersachsen in einer Versammlung Anfang März mit knapper Mehrheit abgelehnt. In Bayern und Rheinland-Pfalz sind die jeweiligen Ditib-Landesjugendverbände bereits Vollmitglieder der jeweiligen Landesjugendringe. Auf der Facebook-Seite bezog der Ditib-Landesjugendverband Niedersachsen und Bremen danach kurz Stellung: »Der Prozess wurde mit der Zeit zunehmend unsachlich und persönlich. Weder wurden unsere Positionen noch unsere Argumente ernst genommen.« Es hätten sich »zunehmend antimus­limische Tendenzen herauskristallisiert«.

Die Young Schura Niedersachsen, die neu gegründete Jugendorganisation des Landesverbands der Muslime in Niedersachsen, zog ihren Antrag zur Aufnahme in den Landesjugendring aus Protest zurück. In einer Stellungnahme hieß es, einige Mitgliedsverbände des Landesjugendrings hätten die Young Schura vor der Versammlung dazu aufgefordert, sich zu »nationalistischen, nationalislamischen und antisemitischen Gruppierungen« zu äußern. Die Aufforderung sei jedoch »nichts anderes als der Versuch, unseren Verein zu diffamieren und unter Verdacht zu stellen«.

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend in Niedersachsen kündigte in einer Stellungnahme an, seine aktive Mitarbeit ruhen zu lassen. Man lehne eine »pauschale Vorverurteilung aufgrund der Zugehörigkeit von Jugend­lichen zu bestimmten Gemeinden und Religionsgemeinschaften strikt ab«. Bereit sei man für eine »Zusammenarbeit auf Augenhöhe«, sofern »Vertre­ter­*innen die eigenen Privilegien reflektieren«. In der Taz bestätigte Malte Woltering von den Göttinger Falken, viele Positionspapiere seien ausgetauscht worden: »Es war sehr unschön von allen Seiten.« Zu der von den Falken in ihrer Stellungnahme geäußerten Kritik, dass sie auch auf den Profilen von Vorstandsmitgliedern des Ditib-Landesjugendverbands Niedersachsen und Bremen »Symbole der Grauen Wölfe, antiisraelische Posts und Kontakte zur Millî Görüş gefunden« hätten, erfolgte bislang keine öffentliche Stellungnahme des entsprechenden Verbandes. Bei Millî Görüş handelt es sich um die bedeutendste islamisti­sche Organisation in Deutschland, ­eigenen Angaben zufolge zählt sie 31 00 Mitglieder.

Wie der NDR berichtete, organisierte Keskin mit anderen seit vielen Jahren den »Runden Tisch der Abrahamsreligionen«, ein Diskussionsforum christlicher, muslimischer und jüdischer Gemeinden in Göttingen. Bei deren und auch bei anderen Veranstaltungen habe er für »Frieden und Toleranz« plädiert. Die Göttinger Sozialdezernentin Petra Broistedt (SPD) sei angesichts der Vorwürfe »bestürzt«. Die Falken hingegen äußerten ihr Erstaunen darü­ber, dass die antisemitischen Positionen niemandem aufgefallen seien. Der Berichterstatter für Religionsgemeinschaften der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Christoph de Vries, nannte Keskin in der Welt »das politische Gesicht des Islamismus«: »Nach außen liberal und tolerant auftretend und engagiert im interreligiösen Dialog, nach innen grob antisemitisch, nationalistisch und intolerant agierend.«