Der Stress mit dem Ex

Zuverlässig unzuverlässig

Mit Kindern, aber ohne andere Erwachsene zu leben, ist zwar schlimm, aber dann weiß man wenigstens, dass man sich nur auf sich selbst verlassen kann.
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Ich habe zwei Ex-Partner, mit denen ich meine und deren zwei Kinder getrennt erziehe. Auf Englisch nennen wir das Co-Parenting, ein Wort, das – natürlich – auf Denglisch noch eine ganz andere Bedeutung hat! Meine beiden Exe sind das Gegenteil voneinander: Der eine hat wenig Geld und dafür viel Zeit, der andere eine feste Stelle und dafür kaum Zeit. Aber was haben diese zwei Männer ­gemeinsam? Richtig getippt: Ihr Alltag hat sich durch die Pandemie kaum verändert.

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Allerdings hat sich auch der Alltag der Alleinerziehenden nicht so sehr verändert wie der der Mütter, die noch mit dem Vater ihrer Kinder zusammenleben. Ich weiß, das klingt zynisch für meine vielen alleinerziehenden Freundinnen, weil sie derzeit sehr viel leiden. Ich kenne Alleinerziehende, die seit Beginn der Pandemie zu viel trinken, Alleinerziehende, die über Selbstmord nachgedacht haben, und Alleinerziehende, die Angst hatten, dass sie ihre Kinder schlagen könnten. Aber das Leben von Alleinerziehenden während der Pandemie ist nicht das Gegenteil von dem Leben, das sie vorher hatten – es ist nur beschissener geworden. Es war vorher schon schlimm genug, das ist das Problem.

Das Leben der Frauen, die mit ihren männlichen Partnern in vermeintlich intakten Familien zusammenleben, hat sich am meisten verändert. Insbesondere das Leben derer, die Teilzeit oder fast Vollzeit arbeiten, aber dennoch weniger verdienen als ihre Partner.

Vor März vergangenen Jahres glaubten viele Frauen und Mütter in Deutschland, dass sie in mehr oder weniger gleichberechtigten Beziehungen leben. Wenn diese Frauen aus Westdeutschland kamen, dachten sie, dass sie viel gleichberechtigter und befreiter als ihre Mütter seien. Wenn sie aus Ostdeutschland kamen, sagten sie, dass sie es in vielerlei Hinsicht fast noch besser als ihre Mütter hätten. Okay, es war nicht alles perfekt. Immer wenn das Kind krank war, war es zum Beispiel komischerweise doch die Mama, die es aus der Kita abgeholt hat. Seltsamerweise war das immer die praktischste, leichteste und sinnvollste Lösung für so ein Problem. Niemand kann schließlich erwarten, dass alles genau fifty-fifty aufgeteilt wird, oder? Wer glaubt schon, dass immer alles hundertprozentig fair ist? Das Leben ist manchmal komplizierter, als die Gleichberechtigung der Geschlechter es vorsieht.

Vor der Pandemie haben viele Frauen in Partnerschaften deutlich mehr Kinderkrankentage als ihre Männer genommen, sie fühlten sich aber »mehr oder weniger« gleichberechtigt. Jetzt ist seit über einem Jahr Pandemie. Man müsse mit dem Virus leben, sagen Menschen, die eigentlich nur die Realität eines Lebens mit einem tödlichen Virus verdrängen wollen. Natürlich leben alle mit dem Virus, sogar Paris Hilton tut das, irgendwie. Die Frage ist nur: Inwiefern hat sich das Leben in der Pandemie verändert? In dieser Hinsicht haben Frauen und auch Kinder die meisten Veränderungen – die meisten Verschlechterungen – erlebt.

Wenn es keine Pandemie gäbe, wären viele Frauen in Paarbeziehungen »mehr oder weniger« gleichberechtigt, abgesehen von ein paar Kinderkrankentagen. Das Problem ist, dass das Virus mehr oder weniger ein Weltkrankenjahr bedeutet hat. Und es sind größtenteils Frauen, die Kinder pflegen und betreuen.

Warum kann man das Gefühl haben, dass das Leben vieler Alleinerziehender sich trotz Alkoholsucht, depressiver Kinder, Selbstmordgedanken und Angst vor den eigenen Wutausbrüchen nicht grundsätzlich verändert hat? Der Druck, der auf viele Alleinerziehende ausgeübt wird, ist immens – aber ihr Leben war bereits vor der Pandemie häufig unerträglich hart – jetzt ist es fast immer unerträglich!

Aber die Illusion der Gleichberechtigung wurde einigen Frauen nicht erst in der Pandemie geraubt. Sie wussten bereits vorher ­Bescheid. Diese Frauen sind nicht enttäuscht von ihren Männern, denn die konnten sie nicht mehr enttäuschen.