Eine verschwörungsgläubige Französin ließ ihre Tochter entführen

Vom Radar verschwinden

In Frankreich ließ eine verschwörungsgläubige Mutter ihre Tochter entführen, bei einem Helfer wurde Sprengstoff gefunden.

Am Anfang war es ein Kriminalfall, der keine politische Dimension zu haben schien. »Entführungswarnung in den Vogesen« war am Dienstagabend vergangener Woche mit roter Farbe unterlegt auf den Fernsehbildschirmen in Frankreich zu lesen, dazu ertönte ein unangenehmer Sirenenton. In der Bildschirmmitte erschien das Foto eines achtjährigen Mädchens: Mia Montemaggi. Tags darauf erfuhr das Fernsehpublikum, die polizeiliche Warnung – es gab in Frankreich 25 dieser Art seit 2005 – sei aufgehoben worden, obwohl das Mädchen »nicht aufgefunden« worden sei. Es sei mutmaßlich bei seiner Mutter, Lola Montemaggi – und diese sei möglicherweise Komplizin bei der Entführung ihrer Tochter.

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Der Mutter war im Januar das Sorgerecht entzogen worden, infolge einer vorausgegangenen Erkrankung und wegen Gewalttätigkeit, die sich aber nicht gegen ihre Tochter richtete. Das Jugendamt hatte das Mädchen jedoch nicht bei einer Gastfamilie untergebracht, sondern der Großmutter überantwortet. Bei dieser waren drei Männer mit einem Kleinbus vorgefahren und hatten sich als Mitarbeiter des Jugendamts ausgegeben, wobei sie Namen und Einzelheiten kannten, was auf eine minutiöse Vorbereitung hindeutete. Sie nahmen das Kind mit.

Nach Auffassung der Mutter waren Jugendschutz und Schule Agenturen einer Diktatur. Sie wollte ihr Kind zu Hause unterrichten oder – entsprechende Zitate von ihr wurden in dem Zusammenhang publik – »verreisen, um vom Radar der Gesellschaft zu verschwinden«. Der Großvater mütterlicherseits, Claude Montemaggi, verbreitete ähnliche Ansichten in Fernsehinterviews, in denen er seine Tochter beglückwünschte.

Die politische Dimension dieses Falls wurde noch deutlicher, als kurz darauf drei Männer in Paris festgenommen wurden, deren polizeiliche Vernehmung bestätigte, dass es sich um die Entführer handelte. Alle drei sagten aus, sie seien »stolz« darauf, ein Kind aus den Fängen eines verbrecherischen Systems »gerettet« zu haben. Auf ihre Spur waren die Ermittler schnell gestoßen, obwohl sich die Entführung 300 Kilometer weit entfernt ereignet hatte: Die Männer wurden ohnehin überwacht, und zwar vom Inlandsgeheimdienst DGSI (Generaldirektion für Innere Sicherheit).

Dieser stufte sie nicht nur als Mitglieder der Survival-Szene ein, die sich auf den Überlebenskampf nach dem Zusammenbruch der Zivilisation vorbereitet, sondern auch als aktive Anhänger von Verschwörungstheorien, die sich vor allem am Qanon-Kult orientiert hatten. Zwei waren prekär Beschäftigte, der dritte technischer Direktor in einem Unternehmen. Die DGSI war auf sie aufmerksam geworden, weil einer der drei sich Informationen über die Herstellung von Explosivstoffen beschafft hatte. Bei einer Hausdurchsuchung im 19. Pariser Bezirk wurde Sprengstoff gefunden, allerdings »in geringen Mengen«. Die DGSI hegte den Verdacht, die Männer planten ein Attentat auf ein Impfzentrum. Impfungen gegen Covid-19 gelten ihnen als ein Teil böser Machenschaften, Jugendämter als Institutionen, die Kinder an pädophile Satanisten übergeben. Dem Trio droht als Höchststrafe nun lebenslange Haft.

Bis zum Wochenende wurden zwei weitere Männer festgenommen, von allen sind bislang nur Pseudonyme bekannt. Am Sonntag konnte die Polizei im schweizerischen Sainte-Croix Mutter und Tochter in einer ehemaligen, nunmehr besetzten Fabriketage aufgreifen. Lola Montemaggi wartet jetzt auf den Ausgang eines Auslieferungsverfahrens, das Frankreich angestrengt hat.

Wie am Montag bekannt wurde, hatte ein 55jähriger Franzose, der derzeit in Malaysia lebt, die Kosten der Entführungsoperation in Höhe von 3 00 Euro vollständig übernommen. Es handelt sich um Rémy Daillet-Wiedemann, ein früheres führendes Mitglied der Präsident Emmanuel Macron unterstützenden zentristischen Partei Modem in Toulouse, der ins rechtsextreme Milieu abdriftete und für Verschwörungsgläubige zu einer Art Guru wurde. Er veröffentlichte im Internet Videos, die zum Militärputsch gegen Macron aufrufen, und zog gegen Impfungen zu Felde. Auf ihn berief sich auch der Urheber eines Anschlags auf ein Gendarmeriegebäude, der im November vorigen Jahres im südwestfranzösischen Dax verübt wurde.

Lola Montemaggi war auf Daillet-Wiedemann wegen seiner Aussagen, wie wichtig es sei, die Kinder durch Hausunterricht der staatlichen Indoktrination zu entziehen, im Internet aufmerksam geworden. Sie selbst hielt sich eher für eine Linke und bekannte sich zu vage anarchistischen Zielen, 2019 soll sie sich an den Protesten der »Gelben Westen« beteiligt haben. Mit ihrer Tochter wollte sie nach Russland reisen. Daraus wird nun nichts, der Fall zeigt jedoch exemplarisch, dass Verschwörungsgläubige terroristisches Potential besitzen.