In der neu gegründeten Roten Jugend Aachen sind mehrere ehemalige Nazis

Roter Pelz, brauner Kern

Eine linke Gruppe wirft anderen vor, das »Volk« nicht wertzuschätzen, und hat ehemalige Nazis in ihren Reihen – ganz im Westen der Repu­blik hat sich eine neue Formation gegründet.

In der nordrhein-westfälischen Universitätsstadt Aachen hat sich im März die Splittergruppe »Rote Jugend Aachen« (RJA) gegründet, die aus einer Handvoll Jugendlicher besteht. Inhaltlich und ästhetisch orientiert sie sich an der 2019 aufgelösten Berliner Gruppe »Jugend­widerstand«, einer selbsternannten mao­istischen Kiezmiliz, die Gewalt gegen Linke ausübte, vor allem gegen solche, die als israelsolidarisch zu erkennen wa­ren. Ihrer Selbstbeschreibung zufolge richtet sich die RJA »nach der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus-Leni­nismus-Maoismus« und sieht sich als »kommunistischer Gegenpol« zur »antideutschen Szene« Aachens. Einige der Mitglieder waren bislang eher als Neonazis bekannt, die Feindbilder sind die gleichen geblieben. Der »AK Antifa Aachen« warnt in einer Stellungnahme davor, »mit der Gruppe zu interagieren, ge­schweige denn zusammenzuarbeiten«.

Eigenen Angaben zufolge sind in der RJA Aussteiger aus der Neonaziszene, Migranten und ehemalige Autonome aktiv.

In Aachen agierte seit Anfang der nuller Jahre die Kameradschaft Aachener Land (KAL). Eines der Hauptangriffsziele der aus dem Umfeld der NPD hervorgegangenen Kameradschaft waren Linke und antifaschistisch Aktive sowie das am Hauptbahnhof in einem unterirdischen Bunker gelegene Autonome Zentrum (AZ); wiederholt kam es zu Provokationen und Übergriffen. Am 17. Juli 2010 wurde vor der Tür des AZ eine Paketbombenattrappe von Neonazis aus dem KAL-Umfeld abgelegt. Im Februar 2012 wurden über anonyme Mailserver Bombendrohungen an ­Linke, Antifaschisten und das AZ geschickt. Im August 2012 verbot der ­damalige Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) die KAL.

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Anfang 2013 gründeten unter anderem ehemalige Kader und Anhänger der KAL einen Kreisverband der rechtsextremen Kleinstpartei »Die Rechte«, in Nordrhein-Westfalen seinerzeit ein Auffangbecken für Mitglieder verbotener Neonazigruppen. Mitte 2014 gründete »Die Rechte« das ihr formal untergeordnete, als Freizeit-, Schulungs- und Freundesgruppe deklarierte »Syndikat 52« (S52); die Zahlen 5 und 2 stehen für die ersten beiden Ziffern der Postleitzahl von Aachen und Umgebung. Die Neonazigruppe S52 kann somit als die legal unter dem Schutz des Parteiengesetzes wiederbelebte KAL verstanden werden. Weitere Angriffe auf das AZ erfolgten nun durch Anhänger von »Die Rechte« und S52.

Ab 2017 schlossen sich in Aachen in der rechten Szene neu angekommene Teenager S52 an. Seitdem kam es rund um das AZ im benachbarten linksalternativ geprägten Frankenberger Viertel und dem daneben liegenden Stadtteil Burtscheid immer wieder zu neonazistischen Aufkleber- und Sprühaktionen, zu Angriffen auf Antifaschisten und zu Auseinandersetzungen zwischen diesen und den jungen Neonazis. Zuweilen waren die Neonazis mit Messern bewaffnet. Als zu alldem noch Einschüchterungen im Wohnumfeld von als »Feinden« angesehen Personen hinzukamen – darun­ter ein Lokalpolitiker der Grünen, der namentlich nicht erwähnt werden möchte –, schritt die Polizei ein. Es folgten im Januar 2019 Gefährderansprachen der Polizei bei jungen S52-Mitgliedern.

Die Versuche, politische Gegner und Gegnerinnen einzuschüchtern, wurden danach seltener. Erst zum Jahreswechsel 2020/2021 hörten die Auseinandersetzungen um und die Angriffe auf das AZ vorerst auf. Den Europawahlkampf 2019 nutzten einige der minderjährigen S52-Mitglieder, um Plakate für die Partei »Die Rechte« aufzuhängen, wobei sie die Nachbarschaft ihrer Gegnerinnen und Gegner besonders bedachten. Bei dem erwähnten Grünen-Politiker hingen Plakate mit der Losung: »Zionismus stoppen. Israel ist unser Unglück! Schluss damit!« Der Lokalpolitiker engagiert sich auch in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen.

Die »Rote Jugend Aachen« publiziert auf ihrer Instagram-Seite seit März ­neben traditionsmarxistischer Agitation zum Klassenkampf kommunistische Kampflieder, zum Beispiel zu Ehren des stalinistischen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Zudem postete sie mehrfach die Musik des Rappers Taktikka, eines bekannten Mitglieds des Berliner »Jugendwiderstands«. Und man outete in einem mittlerweile wieder gelöschten Beitrag lokale »Zionisten«. Der Grünen-Politiker, bei dem die Neonazis im Frühjahr 2019 die antizionistischen Plakate aufgehängt hatten, fand vor kurzem auf der Instagram-Seite der RJA sein Bild neben einer brennenden Israel-Flagge und dem Spruch: »Terror back wie die ETA«, in Anspielung auf die 2018 aufgelöste bewaffnete baskische linksnationalistische Untergrundorganisation.

Am 30. März hat die RJA auf Instagram den »Tag des Bodens« begangen. »Wir gedenken dem palästinensischen Volk und richten uns klar gegen den israelischen Staat und sein Apartheid-Regime«, schrieben die Anhänger und posierten auf einem Foto. Der RJA ­zufolge vegetiere die Aachener Szene »volksfern vor sich hin«: Jungen ­Leuten bleibe lediglich die Wahl »sich in einer pseudolinken Drogen- und Partyszene als ›Wanna-be-Antifaschisten‹ zu formieren« oder sich in »faschistische Kreise zu verirren«. Angesichts »antideutscher Tendenzen«, »anarchistischer Träumereien« und »zur Selbstbespaßung dienender ­Partys im ›Autonomen Zentrum‹« stelle die RJA eine »wirklich linke Alternative« dar und wolle »Jugendlichen aus rechten Dunstkreisen« helfen, sich »umzubilden«.

Eigenen Angaben zufolge sind in der RJA Aussteiger aus der Neonaziszene, Migranten und ehemalige Autonome aktiv. Schon bei der Partei »Die Rechte« und S52 gut geschulte Jugendliche lösten sich zum Jahreswechsel tatsäch­lich aus der regionalen Neonaziszene. Gleichzeitig arbeitete man sich ähnlich eifrig wie zuvor in die Welt des Nationalsozialismus in jene des Kommunismus ein. In einem Viertel am Stadtrand, wo S52-Aktivisten einst »Anti-Antifa« und Hakenkreuze sprühten, finden sich nun Tags der RJA mit Hammer und Sichel. Fast schon trotzig aber bleibt man verbal und rhetorisch drei alten Feindbildern treu: den Antideutschen, dem AZ und allem, was mit Israel zu tun hat.