Antizionismus in der Techno-Szene

Hate Parade

Im April erschien eine Compilation des Techno-Kollektivs Al Gharib mit dem Titel »Palestine«, darauf versammelt sind allerlei teilweise rabiat antizionistische Musiker. Von Anastasia Tikhomirova

In der internationalen Technoszene gibt es neue Entwicklungen in ­Zusammenhang mit der BDS-Bewegung. Das in Melbourne ansässige Kollektiv Al Gharib, das im vergangenen Jahr durch einen Release namens »Le Beirut« aus Solidarität mit den bei den Explosionen im Hafen der libanesischen Hauptstadt Verletzten bekannt wurde, kündigte auf Instagram in mehreren Postings groß seine am 16. April erschienene neue Compilation an. Diese trägt den­ ­Namen »Palestine« und besteht aus 35 Tracks von unterschiedlichen international bekannten DJs. Die Einnahmen sollen an die australische Stiftung Olive Kids gespendet werden, welche Kinder in den palästinen­sischen Gebieten und Flüchtlings­lagern mit finanzieller Hilfe, Gesundheitsversorgung, Bildung und anderen Hilfen unterstützt. Doch dabei bleibt es nicht. Bei einem genaueren Blick auf die Instagram- und Bandcamp-Seite von Al Gharib wird deutlich, dass das Kollektiv weiterreichende politische Absichten verfolgt.

Es scheint, als böte der israelisch-palästinensische Konflikt in Zeiten des steigenden Drucks, öffentlich
in sozialen Medien Stellung zu beziehen, die optimale Gelegenheit zum einfachen, digitalen politischen Pseudoengagement.

Auf der Compilation mit dem Lied »State of Palestine« vertreten ist der 1999 verstorbene Brite Bryn Jones, dessen Künstlername Muslimgauze lautet und von dem Aussagen stammen wie diese: »Ihr mögt vielleicht Wodka. Ich mag arabische Kultur.« Seine Musik widmete er der »arabischen Sache«. Kritiker bezeichnen ihn als fanatischen Antizionisten. Er sprach sich für die Hamas sowie die PLO aus und vertrat die Ansicht, dass Palästina – damit meinte er in erster Linie Israel – von den Zionisten besetzt sei, weshalb er sich zeitlebens weigerte, die ihm so am Herzen liegende Region selbst in Augenschein zu nehmen. Die Namen seiner Alben sprechen Bände über seine anti­semitische Gesinnung, zum Beispiel »Vote Hezbollah«, »Speaking with Hamas«, »Intifaxa«, »The Rape of Palestine« oder »Return of Black September« – Letzteres in Anlehnung an die Terrorgruppe, die bei den Olympischen Spielen in München 1972 elf israelische Sportler ermordet hatte. Al Gharib heben auf ihrer Instagram-Seite lobend die von Muslimgauze gezeigte Solidarität hervor und betonen, von seiner Musik inspiriert und beeinflusst worden zu sein.

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Auch die Musikerin Rrose, welche einen Track zur Compilation bei­gesteuert hat, ist bereits vermehrt durch antiisraelische Aussagen ­sowie aktive Unterstützung der BDS-Bewegung aufgefallen, woran sich Al Gharib ebenfalls in keiner Weise zu stören scheint. In einer absurden Stellungnahme auf ihrer Homepage lässt Rrose beispielsweise wissen, dass sie zwar nicht in Israel, aber weiterhin in Russland oder China spielen würde, und zwar weil derzeit »die Palästinenser die einzige unterdrückte Gruppe sind, die zum Boykott aufruft«. Kämen aus anderen Ländern ähnliche Forderungen, ­würde sie »in Betracht ziehen«, diese auch zu unterstützen, aber ohne ­einen größeren Aufruf zum Boykott würde ihr Fernbleiben keine »posi­tive politische Veränderung« hervorrufen.

Al Gharib, der Name des herausgebenden Kollektivs, bedeutet auf Arabisch so viel wie »der Fremde« und bezeichnet meist ein islamisches Konzept, demzufolge »die Fremden« Eliten bezeichneten, die die Rückkehr des wahren Islam betrieben, und ist dementsprechend in der salafistischen Szene weitverbreitet. Der Jihadistenführer Abu Musab al-Zarqawi trat auch unter dem Kampfnamen al-Gharīb auf, und der führende IS-Kader Mohamed Mahmoud, der in Videos als Henker posiert hat, wurde unter dem Pseudonym Abu Usama al-Gharib bekannt.

Das Kollektiv Al Gharib will nach eigenem Bekunden »das Bewusstsein für Israels illegale Annexion von privatem palästinensischem Land erhöhen«. Deshalb trägt ihre Compilation »Palestine« den Untertitel »Anti-annexation campaign«. Mehrere Postings bei Instagram prangern Israels Siedlungspolitik an, zum Beispiel ist von »israelischer Koloni­alpolitik der Auslöschung« die Rede. Die israelische Regierung soll für die Annexion von palästinensischem Land »zur Rechenschaft gezogen werden«. Wie genau, das lässt Al Gharib offen. »Die uralte ›Zweistaaten­lösung‹ bietet keine legitime Alternative mehr zu Israels aktuellem po­litischen Weg«, schreibt Al Gharib weiter. Eine Anspielung auf den ­palästinensischen Traum einer »Kein Staat Israel«-Lösung – also einer »Einstaatenendlösung« ohne ­Juden?

Die suggestive Eindeutigkeit der Schuldzuweisung und die simplifizierende Sicht auf den Konflikt sind entlarvend – dennoch solidarisieren sich mit den Aussagen auch andere international bekannte DJs, sowohl in den Kommentaren als auch durch ihr Mitwirken an der Platte. Einige von ihnen entstammen dem international erfolgreichen dänischen Kollektiv Fast Forward Productions, von dem sich einige Mitglieder in Postings und Nachrichten zu BDS bekennen, israelische Künstlerinnen und Künstler boykottieren und sie als »Stücke in der Beschönigung der rassistischen Politik der israelischen Regierung« bezeichnen. Von Auftritten in Israel sieht das Kollektiv ab, während es Auftritte in Ländern mit repressiven und autoritären Regierungen als Unterstützung der dortigen Clubkultur wertet, worin sich der antisemitismustypische double standard bei der Kritik Israels zeigt. Antisemitismusvorwürfe wehren die Mitglieder von Fast Forward Productions mit dem Verweis auf vermeintlich legitimen Antizionismus, Antirassismus und Antiimperialismus ab.

Doch woher kommt diese Tendenz zur unreflektierten, bedingungs­losen Palästina-Solidarität in der elektronischen Musikszene? Es scheint, als böte der israelisch-palästinensische Konflikt in Zeiten des steigenden Drucks, öffentlich in sozialen Medien Stellung zu beziehen, die optimale Gelegenheit zum einfachen, digitalen politischen Pseudoengagement. Technokonsumenten und -produzenten bewegen sich in einem beinahe komplett entpolitisierten Milieu, das aber von ständiger Sinn­suche und Identitätsfindung bestimmt wird. BDS-Aktivismus lässt sich öffentlichkeitswirksam als »Kampf für das Richtige« präsentieren und bietet die Möglichkeit, das ­eigene Image aufzupolieren.

Diese kurzschlüssige Selbststilisierung schließt eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Konflikt aus, die als solche im Bereich der elektronischen Musik ohnehin kaum möglich wäre. Künstler, die sich in vielen Fällen nicht einmal des antisemitischen Charakters ihres Denkens und Handelns bewusst sind, werden so für antiisraelische Agitation instrumentalisiert. Viele Fans wiederum, die meist ebenso ahnungslos und unreflektiert sind, was die Umstände dieses Konflikts und die eigene Motivation angeht, verfolgen und unterstützen vorbehaltlos die Äußerungen ihrer Idole. Für die BDS-Kampagne bieten sich somit die perfekten Bedingungen, um in dieser Szene ihre Forderungen zu streuen.

Bereits im September 2018 hatten sich einige Szenegrößen wie Ben Ufo, The Black Madonna oder Four Tet auf Instagram zur BDS-nahen Kampagne unter dem Hashtag »DJs for Palestine«, sozusagen ein Nach­folger der 2015 lancierten Kampagne »Artists for Palestine«, zusammengetan und im Geist des Konformismus zum Boykott Israels aufgerufen. Bei dem israelischen Meteor-Festival zogen im selben Jahr etwa 20 Acts in letzter Minute ihre Zusage zurück, offenbar auf Druck der internationalen Boykottkampagne. Die Jerusalem Post schrieb damals, dass praktisch jeder Künstler, der heutzutage einen Auftritt in Israel plant, damit rechnen könne, in den sozialen Medien unter Druck zu gesetzt zu werden.

Auch anlässlich des kürzlich wieder entflammten Konflikts zwischen ­Israel und Palästinensern teilten Al Gharib auf Instagram einen Post der Musikerin Hiro Kone in ihren Storys, die zur Unterstützung der BDS-Bewegung oder palästinensischer Organisationen und zu Protesten vor israelischen Einrichtungen gegen »ethnische Säuberungen« aufruft. Gewalt und Terror gingen, Kone zufolge, allein von Israel und dem »kolonialis­tischen Siedler-Mob« aus. Sich von der Hamas abzugrenzen, befand die Musikerin nicht für nötig, antisemitische Attacken, die es weltweit gibt, wurden nicht thematisiert.

Gerade in progressiven, linken, auf Liberalität pochenden, hedonistischen und queeren Techno-Kreisen sollte kritischer hinterfragt werden, wem Solidarität gelten solle. Es bedarf dringend einer Auseinandersetzung mit den Zielen der BDS-Bewegung und ihren Verbindungen zu radikalislamischen Kräften wie der Hamas anstatt einer antirassistisch verklärten Romantisierung des Terrors.