»Grenzen des Hörens«, ein Buch über Noise von David Wallraf

Überstrapazierte Metaphorik

In seiner lesenswerten Studie »Grenzen des Hörens« will der Musiker und Musikwissenschaftler David Wallraf den Begriff Noise philosophisch ausbauen, verliert sich aber zwischendrin in Polemik.

Sand ins Getriebe streuen: Dieses Sprachbild kommt einem fast un­weigerlich in den Sinn, wenn es um politisch motivierte Störungen des kapitalistischen Betriebsablaufs geht. Akte von Sabotage oder Widerstand sollen die permanente Warenproduktion und Geldzirkulation möglichst lahmlegen, das (ebenfalls gern bemühte) Hamsterrad der Lohnarbeit zum Stillstand bringen. Dass die ­Redewendung vom Sand im Getriebe auch einen akustischen Eindruck hervorruft, gelangt eher selten zu Bewusstsein. Hört man sozusagen auf diese Redewendung, dann ist der Sabotageakt mit unangenehmen, ja schmerzhaften Geräuschen verbunden: Das Verlangsamen oder An­halten der Apparatur erfolgt unter Knirschen, Kreischen und schließlich Krachen. Dieser Randzone des Hörbaren und auditiv Erträglichen widmet sich David Wallraf in seinem unlängst erschienenen Buch »Grenzen des Hörens. Noise und die Akustik des Politischen«.

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Was ist Noise? Einmal ist damit eine subkulturelle Musikströmung gemeint, irgendwo zwischen Punk, elektronischer und experimenteller ­Musik. Im Noise werden die Alltags-, Stör- und Abfalllaute der Klangwelt und Musikproduktion zum ästhetischen Arbeitsmaterial, das »exzes­sive und chaotische Formen« annimmt, wie Wallraf schreibt. Auf diesem Feld ist der Autor selbst praktisch unterwegs (er beteiligt sich an mehreren Musikprojekten), und so gibt sein Buch tiefe Einblicke in das künstlerische Selbstverständnis ­dieser Strömung, die sich der Verdinglichung zum Genre ebenso verweigert, wie sie den Begriff der Musik zu unterlaufen beabsichtigt.

Noise ist aber auch, daran erinnert Wallraf, das englische Wort für »›Lärm‹, ›Rauschen‹, ›Störung‹ oder ›Geräusch‹«, ein Wort also, das aufgrund seiner vielschichtigen Bedeutungen keine Entsprechung im Deutschen hat. Auf Grundlage dieser Uneindeutigkeit, der Ambivalenzen zwischen Genrebezeichnung und akustischem Phänomen sowie der metaphorischen Dimensionen der dunklen und unheimlichen Rückseite des Wohlklangs, will Wallraf in seinem Buch Noise zum philosophischen Konzept ausbauen – eines, das das Gegenstück von Sound und Musik sein soll.

Weil es sich vom inzwischen allgegenwärtigen Sound-Begriff abgrenzt, hat dieses Unterfangen großen Reiz. Im Kapitel »Sound: Ökonomie und Ökologie des Schalls« zeichnet Wallraf nach, wie sich im Zuge des »sonic turn« ein Modeparadigma der Geisteswissenschaften etablieren konnte, das vor allem den Ausbau des neue Marktsegments der Klanggestaltung vorantreibe. Der Warencharakter populärer, aber auch subkultureller und klassischer Musik weite sich entsprechend immer weiter auf alle ­Gebiete des Hörbaren aus, es resultiere eine »Ökonomie des Hörbaren« inklusive »audio branding als Sammelbegriff für die akustische Markenführung«. Und selbst die »Beschwörung natürlicher Schönheit« im Bereich der Klangökologie, zum Beispiel in den Soundscapes vermeintlich unberührter Natur, diene einerseits der Vermarktung jener ­romantisierten Natur, andererseits einer Naturalisierung sozialer Verhältnisse. Noise soll die Idylle der Klangwaren stören. Hier erweist sich der »gewundene Weg« des Buchs durch Sprach-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte als informative ­Erkundung eines von der Warenlogik mitgeprägten Feldes.

Als Gegenbegriff zur Musik allerdings gelangt das Konzept von Noise an seine Grenzen. Zwar möchte Wallraf mit ihm helfen, akustische Wahrnehmungen jenseits der Dichotomie von guten und schlechten Klängen zu ermöglichen, doch tendieren die aus unterschiedlichen poststrukturalistischen Ideen übernommenen Begriffspaare wie Macht und Widerstand, Logos (λόγος: Sprache, Vernunft) und Phon (φωνή: Stimme, Laut) sowie davon abgeleitet Musik und Noise gerade durch ihre subversive Umwertung der Verhältnisse ihrerseits zu einer gewissen Vereindeutigung. Am Fall der klassischen Musik, die in Wallrafs Buch vor allem als konservative Kraft auftritt, wird das evident. Noise sei das Andere solcher Musik, die man als disziplinierende Ordnung des Kosmos bürgerlicher Vernunft beschreiben könne.

So zutreffend diese Charakteristik für einen Teil des klassischen ­Musiklebens sein mag, entgeht ihr tendenziell, dass das aufrührerisch Geräuschhafte sich sogar hier Ausdruck verschafft: in der barocken ­Polyphonie, in den späten Streichquartetten Beethovens und der ­Musik der Zweiten Wiener Schule mit all ihren Dissonanzen bei­spielsweise, die auch das Geräusch zu seinem Recht kommen lassen; ­ungleich mehr noch in der Avantgardemusik Helmut Lachenmanns oder Steven Kazuo Takasugis, die Musikstücke beinah nur noch aus Geräuschen, aus Noise also, komponieren. Zwar spricht Wallraf am ­Rande und in manchen Fußnoten die Geräuschaspekte der klassischen Musik an, doch bleibt jenseits dessen solche Musik im Wesentlichen ­Gegenstand von Polemik. Vielleicht hängt die Unterschätzung des der klassischen Musik inhärenten triebhaften Rauschens auch damit zusammen, dass die Metaphorik von Noise teilweise überstrapaziert und somit aus Vielschichtigkeit Undeutlichkeit wird.

Trotz dieser Schwierigkeit macht Wallrafs Sichtweise etwas Wichtiges kenntlich: dass nämlich »Ästhetik und Gewalt auf eine eigentümliche Art ineinander verwoben sind« und dass die Gewalt der Musik keineswegs nur auf ihrer Lärmseite zu suchen und zu hören ist. Gerade die betäubende Eingängigkeit der omnipräsenten Musikberieselung hat den Charakter akustischer Gewalt: Man kann sich ihr nur schwer entziehen, und sie verfolgt einen bis in die eigenen Träume. Und umgekehrt bedeutet nicht jedes Störgeräusch, nicht jede aus­gereizte Lautstärke gleich unmittelbare Gewalt. Womöglich ist die ab­gemilderte akustische Gewalt, die Noise zweifelsohne zufügt, die Faszination der schmerzhaft-düsteren Klänge und der Schauer beim Versinken ins Rauschen als »perverses Genießen«, ein besserer Umgang mit den dunklen Aspekten menschlichen Lebens, als diese zu verdrängen. Mit Seitenblick auf die Psychoanalyse (und den umstrittenen Begriff des Todestriebs) deutet Wallraf dies an.

Geradezu erfrischend ist, wie Wallraf auf einen Grundgedanken der »Ästhetischen Theorie« Adornos rekurriert, demzufolge Kunst der ­Autonomie bedürfe und diese Autonomie das Asoziale der Kunst bedeute. Da dieser Gedanke sowohl im Mainstream der Kunsttheorie als auch in der ästhetischen Praxis der Gegenwart als veraltet und obsolet gilt, behelfen sich beflissene Adorniten meist damit, nur die Kunstwerke zu rezipieren, die Adorno selbst in diesem Sinne thematisierte. Wallraf hingegen überträgt die Idee der ästhetischen Eigengesetzlichkeit auf das Subgenre Harsh Noise Wall, dessen Klänge sich wie eine »Schallmauer« tatsächlich sowohl am »Rande des Verstummens« (Adorno) bewegen als auch den sozialen Funktionen von Musik eine rabiate Absage erteilen.

Nicht mal auf die Idee käme man, zu solchen elektronischen Klängen zu tanzen oder sie als gefällige Hintergrundbeschallung zu hören. Wie ­allerdings die Protagonisten jener Nebenströmung mit ihren Auftritten beweisen, wenn bei den Konzerten der Band Vomir Performer und Publikum schwarze Plastikbeutel über den Kopf ziehen, kann die Geste der rigorosen Absage leicht ins Okkulte kippen und damit ihrerseits zu einer Art Beschwörung werden. Welche emanzipatorischen oder regressiven Potentiale im Noise freigesetzt werden, erweist sich jedenfalls wie bei jeder Kunst nur am einzelnen Werk, nie am Genre als solchem.

Ob der Sand im Getriebe tatsächlich das Potential birgt, auf eine bessere Gesellschaft jenseits des Verwertungsprinzips zu zielen, bleibt fraglich. Den Störgeräuschen, akustischen Abfallprodukten und der von Gewalt durchzogenen Alltagswelt Aufmerksamkeit und ein Ohr zu schenken, hat dennoch Sinn – und zwar auch einen ästhetischen. Die Ohren erfahren sich hierbei wie im Noise selber als deformierte und zugerichtete. Aber wäre deshalb das beschädigte und insofern falsche Hören das richtige Hören im Falschen? Kaum. Besser aber als ein beschönigtes ist es allemal.

David Wallraf: Grenzen des Hörens. Noise und die Akustik des Politischen. Transcript-Verlag, Bielefeld 2021, 246 Seiten, 45 Euro