Small Talk mit der Initiative Rise Up 4 Rojava über Graue Wölfe in Wien

»Keine Komfortzone für Faschisten«

Am Samstag demonstrierten rund 600 Menschen im Wiener Stadtbezirk Favoriten für Solidarität mit der kurdischen Freiheitsbewegung und der demokratischen Opposition in der Türkei. Anlass war der Jahrestag des Angriffes türkischer Rechtsextremisten auf eine Kundgebung gegen sexualisierte Gewalt im selben Stadtbezirk. Die Jungle World sprach mit Anna Neuer* von der Initiative »Rise Up 4 Rojava Wien«, die die Demonstration mitorganisierte.
Small Talk Von

Was ist »Rise Up 4 Rojava Wien« und wer ist dabei?

Anzeige

»Rise Up 4 Rojava« wurde als internationale Kampagne 2019 gegründet, als die Türkei einen Expansionskrieg gegen das autonome kurdische Gebiet Rojava in Nordsyrien führte. In Wien sind wir eine relativ neue Gruppe. Die Demonstration am Samstag stand unter dem Motto »Gemeinsam gegen Faschismus, Krieg und Patriarchat« und war für uns eine gute Gelegenheit, die Gruppe in der linken Szene zu etablieren. An den Vorbereitungen für die Demonstration waren Leute aus Antifa-Gruppen, feministischen Gruppen und der kurdischen Jugendbewegung beteiligt.

Warum haben Sie für die Demonstration den Jahrestag des Angriffs Grauer Wölfe auf eine Kundgebung gegen sexualisierte Gewalt gewählt?

Die Demonstration sollte die lokalen faschistischen Strukturen des türkischen Staates in Wien adressieren und sich zugleich gegen die türkische Großoffensive in kurdischen Gebieten wenden. Die Stimmung auf der Demonstration war kämpferisch, den sogenannten Wolfsgruß, das Handzeichen der Grauen Wölfe, hat man am Rande der Demonstration kaum gesehen. Wir haben wie schon vor einem Jahr gezeigt, dass wir nicht zulassen, dass Faschisten einen Bezirk als ihre Komfortzone betrachten. Insgesamt verlief unsere Demonstra­tion also erfolgreich.

Was passierte in Wien-Favoriten vor einem Jahr?

Türkische und kurdische Feministinnen hatten eine Kundgebung am Viktor-Adler-Markt gegen sexualisierte Gewalt organisiert. Mitglieder der Grauen Wölfe griffen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Kundgebung zuerst verbal und dann auch körperlich an, so dass die Veranstaltung abgebrochen werden musste. Die feministischen Gruppen zogen sich daraufhin ins autonome Ernst-Kirchweger-Haus zurück, wo auch türkische linke Vereine aktiv sind. Die Grauen Wölfe formierten sich zu einem Mob und bedrohten das Haus. Nachdem die Feministinnen am Abend eine Spontandemonstration organisiert und sich damit die Straße zurückgeholt hatten, war der Mob der Grauen Wölfe am nächsten Tag größer als zuvor. Das wiederholte sich vier Tage lang.

Die österreichische Regierung präsentierte vor kurzem eine sogenannte Islamkarte, die Namen und Adressen von 623 muslimischen Organisationen, Verbänden und Moscheen umfasst. Dies wurde vielfach kritisiert, weil sie Musliminnen und Muslime stigmatisiere. Wie wollen Sie türkischen Rechtsextremismus bekämpfen, ohne der Regierung in die Hände zu spielen?

In Wien muss ein klarer Antirassismus praktiziert und die Flüchtlingspolitik, die Europa von Staaten wie der Türkei erpressbar macht, kritisiert werden. Die Grauen Wölfe erhalten ihre finanziellen Mittel und ihre Organisationsstrukturen vom türkischen Staat. Auch die Moschee- und Kulturverbände werden von türkischen Behörden gesteuert. Die einzigen effektiven Mittel gegen die Ausbreitung türkisch-faschistischer Strukturen im Ausland sind antifaschistischer Widerstand nicht nur gegen diese Strukturen selbst, sondern auch gegen die Regierung in der Türkei.

* Name von der Redaktion geändert.