Ein rassistischer Angriff in Neukölln und die dortigen Nazistrukturen

Immer wieder Neukölln

Ein Neonazi aus dem Umfeld der NPD hat im Berliner Stadtteil Rudow einen Mann mit einem Messer angegriffen und verletzt.

Der Berliner Bezirk Neukölln ist erneut Schauplatz eines offenbar rassistisch motivierten Gewaltverbrechens geworden. Während der mutmaßlich rassistische Mord an Burak Bektaş nach neun Jahren noch nicht aufgeklärt ist und die Täter einer rechtsterroristischen Anschlagserie polizeilichen Ermittlungsdruck nicht fürchten müssen, wurde in diesem Fall umgehend ein Tatverdächtiger präsentiert.

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Am Sonntag, dem 4. Juli, beleidigte ein 28jähriger Deutscher im Stadtteil Rudow einen 35jährigen Mann aus Jamaika zunächst rassistisch und verletzte ihn dann mit einem Messer am Hals. Die Wunde wurde ambulant im Krankenhaus behandelt, der mutmaßliche Täter nach seiner Festnahme dem Staatsschutz der Kriminalpolizei im LKA überstellt. Zwei Tage darauf erging ­gegen ihn ein Haftbefehl wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung.

Am Beispiel Maurice P.s zeigt sich, wie fließend die Übergänge zwi­schen AfD, NPD, »Die Rechte« und gewaltzentrierter Neonaziszene sind.

Die in Sicherheitskreisen in der Regel gut vernetzte Berliner Morgenpost berichtete, es handle sich bei dem Festgenommenen um Maurice P., eine »militante Führungsfigur« der örtlichen Neonaziszene. Ob es sich bei dem Inhaftierten tatsächlich um eine Führungsfigur handelt, darf bezweifelt werden. Dass er ein militanter Neonazi ist, lässt sich jedoch kaum bestreiten.

Maurice P. ist in der Vergangenheit mit Kleidungsstücken fotografiert ­worden, auf denen der Schriftzug des inzwischen vom Bundesinnenminister verbotenen extrem rechten Terrornetzwerks Combat 18 prangte. Ob oder besser wie tief er tatsächlich in deren Strukturen eingebunden war oder ob er lediglich seine Sympathie für rechten Terrorismus zum Ausdruck bringen wollte, lässt sich allerdings nicht mit Bestimmtheit sagen. Ein Umstand, der eine solche Einordnung möglicherweise erschwert, ist die Tatsache, dass zwischen der Ankündigung des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU), die Gruppe zu verbieten, und dem tatsächlichen Verbot Anfang 2020 rund ein halbes Jahr verging. Dadurch hatten Beteiligte genug Zeit, um etwaige Spuren zu verwischen.

Andere Verbindungen Maurice P.s zur extrem rechten Szene sind hingegen stichhaltiger belegt. Auf dem Berliner Blog Recherche030 findet sich ein regelrechtes Dossier über ihn. So nahm er seit 2018 an den Patrouillen der von der NPD initiierten Pseudobürgerwehr »Schutzzone« teil. Auch auf einer Gedenkdemonstration für Hitlers einstigen Stellvertreter Rudolf Heß im August desselben Jahres in Berlin-Spandau ist er gesichtet worden, ebenso im folgenden November bei einer Demonstration der AfD in Eberswalde sowie am 1. Mai 2019 bei einem Aufmarsch der Jungen Nationalisten (ehemals Junge Nationaldemokraten, JN), der offiziellen Jugendorganisation der NPD, in Dresden. Im August 2020 identifizierte ihn Fight Back – Antifarecherche Berlin-Brandenburg als Teilnehmer einer rechtsextremen Kundgebung im brandenburgischen Hennigsdorf, auf der neben mehreren NPD-Kadern auch Christian Worch von der neonazistischen Kleinstpartei »Die Rechte« sprach.

Recherche030 zufolge steht P. zudem im Verdacht, 2018 an zwei Angriffen größerer Neonazigruppen auf Passanten in der Nähe des U-Bahnhofs Boddinstraße im Norden des Berliner Bezirks Neukölln beteiligt gewesen zu sein, bei denen es jeweils Verletzte gegeben habe. Beide Überfälle standen in zeitlichem Zusammenhang zu den Streifzügen der »Schutzzone« (Sturmabteilung 2.0). Recherchen des Portals antifa-berlin.info zufolge trat er 2019 und 2020 im Rahmen des klandestin organisierten rechtsextremen Netzwerktreffens »Dienstagsgespräche« in Berlin in Erscheinung. Bei diesen handelt es sich um einen wichtigen und vor allem regelmäßigen Rahmen für Treffen von Vertretern der gesamten politischen Rechten von Nationalliberalen über Rechtskonservative bis hin zu Neonazis. Allein in der jüngeren Vergangenheit traten hier unter anderem der als »Volkslehrer« bekannt gewordene antisemitische Youtuber Nikolai Nerling, der Schweizer Holocaustleugner Bernhard Schaub sowie der damalige baden-württembergische Landtagsabgeordnete der AfD, Wolfgang ­Gedeon, auf, der inzwischen jedoch aus der Partei ausgeschlossen worden ist (Immer wieder dienstags).

Bei diesen Aktivitäten fast immer an Maurice P.s Seite zu finden war der aus Rudow stammende Neonazi Robin-Oliver B. Beide scheinen einer eher lebensweltlichen als tiefideologischen Form des Neonazismus anzuhängen, in der es neben Rechtsrock und rechter Szenemode vor allem um Alkohol, Gewalt und Drogen geht. Das heißt jedoch nicht, dass sie weniger rassistisch oder weniger gefährlich sind.

Überdies zeigt sich am Beispiel P.s, wie fließend die Übergänge zwischen AfD, NPD, »Die Rechte« und gewaltzentrierter Neonaziszene sind. Wo die einen für rechte und rassistische Hetze sorgen, begehen die anderen die entsprechenden Gewalttaten. Dass hier auch die extrem rechte Kampfsportszene nicht weit sein kann, liegt nahe. So nahm Robin-Oliver B. Recherchen der Initiative »Runter von der Matte« zufolge im November 2019 im sächsischen Riesa im Rahmen des von der NPD organisierten »Schutzzonen-Tags« an einem Kampfsporttraining teil, das Jochen Grüber anleitete. ­Dieser stellte 2013 und 2014 sein »Asgard Gym« in Vettelschoß in Rheinland-Pfalz für die ersten zwei Ausgaben des extrem rechten Kampfsportevents »Kampf der Nibelungen« (im ersten Jahr »Ring der Nibelungen«) zur Verfügung.

Veranstaltet hat den »Kampf der Nibelungen« bis 2018 – in den vergangenen zwei Jahren verhinderten das Verbote und die Covid-19-Pandemie – Alexander Deptolla aus Dortmund, der laut Blick nach rechts im April zum nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden von »Die Rechte« gewählt worden ist. Teilgenommen haben Neonazis verschiedenster Couleur aus dem In- und Ausland. So posierte 2018 auf der Website der neonazistischen Kleinstpartei »Der III. Weg« ein Mitglied der lokalen Parteigruppe »Stützpunkt Nürnberg-Fürth« mit einer Siegerurkunde des Turniers. Auch in Neukölln ist die Partei seit einiger Zeit verstärkt aktiv. Mitglieder von ihr verteilten Anfang dieses Jahres mehrfach Flugzettel gegen »linken Terror«.

Derweil wurden in der vergangenen Woche die Wohnungen und Dienststellen von fünf Berliner Polizisten durchsucht, gegen die wegen Äußerungen in rechten Chatgruppen der Anfangsverdacht der Volksverhetzung und der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole besteht. Bei einem der Verdächtigen soll es sich der Tageszeitung Die Welt zufolge um Detlef M. handeln. Gegen ihn wird bereits ermittelt, weil er Dienstgeheimnisse bezüglich des islamistischen Anschlags auf dem Breitscheidplatz in einer Telegram-Gruppe an Personen aus dem Umfeld des Neuköllner AfD-Kreisverbandes weitergegeben haben soll. M., der auch selbst Mitglied der AfD Neukölln ist, stand zudem mit dem Neonazi Tilo P. in Kontakt, der ebenfalls zeitweise in der Partei aktiv war und als einer der Hauptverdächtigen der eingangs erwähnten ­Anschlagsserie gilt. Der Neukölln-Komplex, er stinkt gewaltig.