Die Schriftstellerin Anne Boyer und ihr Buch über ihre Brustkrebserkrankung

Im Krebspavillon

Die marxistische Lyrikerin Anne Boyer schreibt in »Die Unsterblichen« über ihre Brustkrebserkrankung als gesellschaftliches Phänomen – und sucht nach einer Form für kollektive Leiderfahrungen.

Für den Erstbefund ihrer Biopsie solle Anne Boyer nicht allein bei ihrer Ärztin erscheinen, heißt es. Sie bittet eine Freundin darum, sie zu begleiten. Diese kann sich aber von ihrem Zehn-Dollar-Job nicht freinehmen, also fährt sie in ihrer Mittagspause in die Praxis, reicht Boyer ein Springmesser zum Festhalten, das diese später schweißnass zurückgeben wird. Die Freundin muss nach der Übergabe sofort zurück zur Arbeit.

»Ich will Krebs nicht so erzählen, wie es mir beigebracht wurde«, hält Boyer fest. »Die Unsterblichen« ist denn auch weder eine individuelle Heldinnengeschichte noch ein Schicksalsbericht

Bei dem Termin erfährt Boyer, dass sie mindestens einen Tumor in der Brust hat – und was für einen: »triple negative«, also besonders aggressiv, besonders schlechte Heilungschancen. Die Diagnose wird für die US-amerikanische Lyrikerin und Essayistin zum Anlass, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und mehr noch mit der Frage, was es ­bedeutet, einen kranken Körper im Kapitalismus zu haben.

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Das Buch »Die Unsterblichen«, das 2020 den Pulitzer-Preis erhielt und nun in deutscher Übersetzung erschienen ist, beginnt nicht mit Boyers eigener Geschichte, sondern mit ­Erfahrungen anderer. Der gesamte Prolog widmet sich Texten über Krankheit, Berichten von Brustkrebsverläufen und Krebstagebüchern beispielsweise von Susan Sontag oder Audre Lorde.

Was wie eine unnötige philologische Übung erscheinen mag, offenbart bereits auf das Besondere von Boyers Schreiben: dass sie ihre persönliche leidvolle Erfahrung auf ein kollektives, gesellschaftliches Leiden beziehen will. Die Autorin ist sich der Erwartungen an das Schreiben über Krebs sehr bewusst und weigert sich ebenso entschieden, diese zu erfüllen.

»Ich will Krebs nicht so erzählen, wie es mir beigebracht wurde«, hält Boyer fest. »Die Unsterblichen« ist denn auch weder eine individuelle Heldinnengeschichte noch ein Schicksalsbericht. Boyer geht es um die politische und gesellschaftliche Dimension einer Krebserkrankung. Sie widerspricht denen, die Krankheit als von vornherein unteilbare Erfahrung fassen: »Dass wir im Schmerz immer alleine sind, ist eine Lüge, denke ich, dass Sprache an ihm versagt, eine andere.« Ihr geht es darum, eine kollektive Erfahrung zur Sprache zu bringen. Vor allem die Erfahrung derjenigen, die in diesem System besonders schlechte Überlebenschancen haben: Schwarze, alleinstehende Frauen, geschlechtlich nichtbinäre Menschen und Menschen, die keinen familiären Rückhalt besitzen.

Die statistische Tatsache, dass unverheirateten Frauen eine signifikant schlechtere Überlebenschance bei Brustkrebserkrankungen haben, macht Boyer in ihrer eigenen Erfahrung bedrückend konkret. Nach ihrer ambulant vorgenommenen Mastektomie wurde sie trotz Schmerzen schon bald wieder aus ihrem Krankenhauszimmer geworfen. Kurz ­darauf schleppt sie sich zu ihrer Arbeit an der Universität. Ihre Krankheitstage hat sie schon lange aufgebraucht und der Vermieter schert sich nicht um Krebs.

»Die Unsterblichen« wechselt immer wieder die Perspektive: Persön­liche Erfahrungsberichte driften ins Allgemeine, Philosophische, vielleicht notwendig Abstrakte. Dann geht es etwa um die Geschichte des Medikaments Adriamycin, das Boyer verabreicht wird, oder um Aelius Aristides, einen griechischen Rhetor, der jahrelang unter den Tempelschläferinnen in Pergamon lebte und auf göttliche Heilung im Traum wartete.

Es geht aber auch immer wieder darum, begrifflich zu fassen, was sich Boyer in der Struktur zeigt, die sie den »Krebspavillon« nennt, eine Art Ensemble aus Behandlungsräumen, Sprachmaterial und standar­disierten Abläufen, oder in Boyers Worten »eine grausame Demokratie des äußeren Scheins«. Dort findet sie nicht nur das zynisch-positive Heftchen »Meine Onko-Reise«, sondern lernt auch die besondere Care-Arbeit der Rezeptionistinnen, Krankenschwestern und Pflegehelferinnen kennen, die einerseits ihren »Körper in Daten verwandeln«, sie aber andererseits auch in ihrer Angst trösten.

Boyers Aufmerksamkeit gilt stets dem gesellschaftlichen Verhältnis. In der genauen Beobachtung findet sie drastische, assoziationsreiche Bilder, wie das der »Unsterbenden«, die im Verlauf ihrer Chemotherapie dissoziiert sind: »Leben hebt sich Schritt für Schritt auf, einfach so. Und da sind wir, überwiegend tot und doch in der Pflicht, zur Arbeit zu gehen.« Sie sucht aber auch nach einem »alternativen Schmerzwortschatz«, der den Schmerzen nicht einfach eine Zahl zuordnet, und verfasst Listen, was mit ihrem ausfallenden Haar geschehen soll: »Reiß dein Schamhaar in Büscheln mit der Wurzel aus und schick es unfrankiert an Technokrat:­in­nen. Hinterlass dein Achselhaar auf dem Superfund-Areal, bei dem du mal gewohnt hast, dein Nasenhaar für jede:n Personaler:in, der:die dir keinen Tag freigibt.« Diese kompromisslose Wut auf eine Gesellschaft, die Menschen in körperlichen Ausnahmezuständen trotzdem primär danach beurteilt, wie viel Arbeitskraft sie noch verausgaben können, ist der Unterton des ganzen Textes.

»Die Unsterblichen« besitzt einen fragmentarischen Charakter, der der steten Mühe geschuldet ist, nicht die etablierten Darstellungen von Krebs zu wiederholen, die insbesondere für Frauen lediglich stereotype Rollen bereithalten. »Frauen mit Krebs sollen ihre eigene Auflösung klaglos mit ansehen, beklagenswerte Objekte, als selbst Klagende jedoch nicht hinnehmbar, Zeuginnen der traurigen Erzählungen anderer, von der Gesellschaft zurechtgewiesen, sobald Trauer ihren eigenen Mündern entströmt.« Besonders schmerzhaft und persönlich beschreibt sie ihren Widerstand gegen diese Einhegung ihres Sprechens in einer Situation, in der sie gegenüber dem Krankenhauspersonal vehement darauf besteht, dass das Einführen der Nadel für den Chemoport wehtue, während die Schwestern die ganze Zeit nur von einem »Druckgefühl« sprechen. Sie fordert dagegen radikal das Recht auf die eigene Klage ein.

Diese Forderung stellt sie gegen das etablierte (und erfolgreiche) Schreiben über Krebs, das – als Schicksalssaga, als einzigartige Erfolgsgeschichte, in der eine besonders hartnäckige Patientin den »Krebs besiegt« – letztendlich praktische Entsolidarisierung bedeutet. So berichtet sie, nachdem ihre Chemotherapie anzuschlagen schien, von Leuten, die ihr erzählten, »wie sie gewusst hätten, dass ich, natürlich, überleben würde, als wäre gerade ich besonders und stark und all die anderen nicht«.

Dass gerade in der Frage »Heilung oder nicht« eine besonders politische Bedeutung steckt, Sterblichkeit in Boyers Worten eine »ihr eigene Politik habe«, verdeutlicht das Buch mit schlichtem statistischem Material wie dem, dass schwarze Frauen von dreifach negativem Brustkrebs (die besonders aggressive Sorte, an der auch Boyer erkrankte) überproportional oft betroffen sind und es gerade für diese Sorte nach wie vor keine zielgerichtete Therapie gibt. Diese Entscheidung, den eigenen Text für fremde Erfahrungen zu öffnen, ist bemerkenswert, weil von einem Text über Krebs vor allem eine besondere Nähe erwartet wird, die kein anderes Genre herzustellen vermag. Es ist nicht der geringste unter den vielen bemerkenswerten Aspekten dieses Buches, dass Boyer immer wieder die Illusion dieser Nähe verweigert.

Anne Boyer: Die Unsterblichen. Krankheit, Körper, Kapitalismus. Aus dem amerikanischen Englisch von Daniela Seel. Matthes & Seitz, Berlin 2021, 280 Seiten, 25 Euro