Die Taliban-Führung will sich derzeit staatsmännisch geben. Das Kalkül dahinter ist klar

Haben die Taliban den Krieg gewonnen oder gesiegt?

Die Taliban haben den Krieg gegen den Westen gewonnen. Ob sie allerdings gesiegt haben, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen.

Die Taliban haben, wie ein Sprecher der EU richtig feststellt, gesiegt. Aber was heißt das in Realität für Afghanistan?

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Für den Sprecher der EU, Josep Borrell, scheint die Situation klar: Die Taliban hätten den Krieg gewonnen, also müsse man mit ihnen verhandeln. Man musste kein großer Experte sein, um schon vor Monaten zu wissen, dass USA und EU in Afghanistan sich wie Verlierer aufführten und die entsprechenden Signale an alle Seiten sendeten. Entsprechend konnten die Taliban mit ihrem Blitzkrieg siegen und kontrollieren nun ganz Afghanistan.

Nur: Tun sie das wirklich? Sicher sie fahren mit Pickups voller bärtiger Bewaffneter durch die Straßen aber das ist noch kein Sieg, sondern nur Zeichen der Niederlage des Gegners. Die große Frage ist aber: Werden sie wirklich in der Lage sein etwa eine Großstadt wie Kabul mit einer Bevölkerung, die größtenteils so jung ist, dass sie keine Erinnerungen mehr an die letzte Regierung der Taliban hat, versorgen und kontrollieren können mit ihren 60.000 Kämpfern, die meist aus irgendwelchen entlegenen Provinzen stammen? Oder Herat, Kunduz und andere Provinzhauptstädte, in denen Menschen leben, die keine großen Sympathien für Paschtunen und Gotteskrieger haben? Im Norden, so hört man, regruppieren sich schon Milizen und planen sich gegen die Taliban zur Wehr zu setzen.

Wie das alles zahlen?

Und dann ist da die Frage: Wie das alles zahlen? Mit Opium, Wegezoll und Unterstützung aus Pakistan ließ sich eine Armee unterhalten, nun muss ein Staat finanziert werden, der größtenteils von internationaler Hilfe abhängig war. Die Reserven der Zentralbank befinden sich in amerikanischen Händen, viele Hilfsgelder wird es nicht geben und die wenigen werden an gewisse Bedingungen geknüpft sein: Etwa nicht mehr öffentlich Hände abzuhacken und Menschen zu steinigen.

Das dürfte die neue Regierung wissen, wenn sie für ihre Verhältnisse ganz moderat klingt und beteuert, man wolle eigentlich niemandem etwas Böses. Ob sie das auch meint? Vermutlich nicht, aber sie müssen gerade so reden, denn schnell kann die Stimmung in Kabul und anderswo kippen, wenn die  Infrastruktur zusammenbricht und Geschäfte leer bleiben. Erste Demonstrationen in kleineren Städten soll es bereits gegeben haben.

Schneller Sieg heißt in dieser Region wenig

Ein schneller militärischer Sieg nämlich, das hat die Geschichte der Region immer wieder gezeigt, bedeutet keineswegs, dass man langfristig auch gesiegt hat. Und was haben die Taliban der jungen Generation in afghanischen Städten, die mit Rockmusik und Shisha-Bars aufgewachsen ist, eigentlich zu bieten? Die Frauen, die in den letzten zwanzig Jahren groß geworden sind, werden wohl kaum begeistert die Burkha überziehen oder zu Hause bleiben zu müssen.

So wird es sehr schnell vermutlich zu bewaffnetem Widerstand im Norden und den von Hazara bewohnten Gebieten kommen, während in den Städten Menschen sich einfach den neuen Bestimmungen nicht fügen werden, da sie ihnen völlig unbekannt sind. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit und 2021 ist nicht 1996, als die Taliban in ein zerstörtes, von Warlords regiertes Kabul einmarschierten.

Macht das Fußvolk mit?

Also müssen sie sich moderat geben, nur, da wären ihre Anhänger und die befreundeten Jihadisten, die mit ihnen kämpfen, die nun vor allem Beute machen und ihren Perversionen nachgehen wollen, im Klartext: mit minderjährigen Bräuten und Raubgut belohnt werden. Wo es geht, morden, plündern und vergewaltigen sie schon. Es sind aber gerade diese Bilder, die die Taliban Führung gerade so gar nicht braucht, sie will sich staatsmännisch geben und wird ja schon überschwemmt mit Angeboten, „doch zu reden“.

Das Kalkül ist klar: Schaffen sie es ein paar Monate als irgendwie geläuterte Gotteskrieger zu erscheinen, werden die Europäer begeistert mit ihnen ins Geschäft kommen, alleine schon, damit ja keine weiteren Flüchtlinge kommen. Und auch die USA werden dann schnell entdecken, dass diese angeblich neuen Taliban ja gar nicht so schlimm seien und man ja auch schon 2001 nicht gegen sie Krieg führen wollte, sondern lediglich die Auslieferung von Al-Qaida Kämpfern forderte.

Aber macht das bärtige Fußvolk da so lange mit? Oder wendet es sich bald enttäuscht anderen, radikaleren Organisationen zu, die mehr Beute und striktere Sharia versprechen?

Wer jetzt glaubt, der Sieg der Taliban über USA und Europa von der Borrell spricht, und eigentlich nur die eigene Kapitulation meint, würde auch zu einer Befriedung Afghanistans, sprich einer neuen Friedhofsruhe, die nur von den Schreien der Exekutierten, Ausgepeitschten und Gefolterten gestört wird, dürfte einer großen Illusion aufsitzen.

Angesichts der Katastrophe eröffnen sich deshalb minimale Chancen für alle, die dem Desaster nicht einfach tatenlos zuschauen können, jene in Afghanistan ein wenig zu unterstützen, die Widerstand leisten wollen und werden. Diese Chancen gälte es zu nutzen.