Die Schweiz unterhält das weltweit größte System von Schutzbunkern

Unter den Bergen liegt der Beton

Die Schweiz unterhält das weltweit größte System von Schutzbunkern. Welche Funktion der Zivilschutz in einem Land erfüllt, das verhältnismäßig wenig gefährdet ist, lässt sich nur kulturgeschichtlich nachvollziehen: Der Bunker ist weit mehr als ein abgeschlossenes Gehäuse aus druckstoßsicherem Stahlbeton.

1969 veröffentlichte die Schweizer Eidgenossenschaft das 320 Seiten dicke Buch »Zivilverteidigung«, das aufgrund seines roten Umschlags auch »Schweizer Mao-Bibel« genannt wird. Mit einer Auflage von 2,6 Millionen in drei Landessprachen gedruckt, wurde es gratis an alle Haushalte verteilt. Wie das Geleitwort erläutert, sollte es die »Widerstandskraft des Volkes« festigen und diesem bewusst machen, dass »Heimat­gefühl und Recht auf persönliche Freiheit untrennbar zusammengehören«.

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Neben detaillierten Auflistungen aller zum Überleben notwendigen Aspekte – das Buch ist noch heute bei Preppern beliebt – erzählt es von einem fiktiven Kriegsfall und macht deutlich, wer als Bedrohung der »geistigen Landesverfassung« zu sehen ist: Pazifisten und Atomgegner, Linke, Gewerkschaften ­sowie all jene, die sich jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie bewegen – und die im »Gefühlsmäßigen, Triebhaften und sogar Unterbewussten« die Moral der Bevölkerung zu zersetzen versuchen.

Viele vor allem militärische Bunker sind mittlerweile umfunktioniert worden – zu Schwimmbädern, Restaurants oder auch Tresoren.

Der Landesverteidigung gegen diese Beeinflussungsversuche von innen und außen dienten und dienen dem Schweizer Zivilschutz circa 2 000 Kollektivschutzanlagen sowie rund 360 000 Personenschutzräume. Die großflächige Unterhöhlung der Berge mit einem Netzwerk von Bunkern soll im (atomaren) Notfall das Überleben sichern.

Das 1963 verabschiedete »Bundesgesetz über die baulichen Maßnahmen im Zivilschutz« legt es nahe, den Bunker als architektonischen Ausdruck des Systemkonflikts lesen. Der Zivilschutz war ein im Kalten Krieg entstandenes antikommunistisches Projekt, das im verniedlichenden Selbstbild der Schweiz als »Igelstaat«, der seine militärischen Stacheln nach außen auszufahren weiß, sich aber gleichzeitig nach innen durch den Ausschluss alles Fremden und Bedrohlichen absichert, emotional aufgeladen wurde.

Der Rückzug auf die »persönliche Freiheit«, die im Buch immer wieder betont wird, verdeutlicht, wie im Zivilschutz das Militärische mit dem Privaten verschmilzt. Er symbolisiert sowohl staatliche als auch individuelle Wehrhaftigkeit und macht aus jedem Bürger einen potentiellen Soldaten. Zu schützen sei die Schweiz selbst, mit ihren geordneten Verhältnissen und intakten Kleinfamilien.

Doch im Zuge der kulturellen und politischen Veränderungen seit den siebziger Jahren begann sich dieses Bild zu verdunkeln: Der Schutzbunker verkehrt sich zur beengenden Unterwelt, wird zur potentiellen Begräbnisstätte, in der die Erwartung von Vernichtung vorherrscht. Vor allem in der Anti-AKW- und Friedensbewegung regte sich immer mehr Kritik am Konzept des »waffenstarrenden Igels«, der angesichts der drohenden Gefahren viel zu kurzfristig und engstirnig denke. Schon das Zivilverteidigungsbuch stieß nach Veröffentlichung auf Protest, es gab Bücherverbrennungen und in vielen Buchhandlungen konnte das Buch gegen kritische Lektüre eingetauscht werden.

Von staatlicher Seite gab es immer wieder Versuche, die ursprüngliche Idee des Zivilschutzes und den Bunkerbau zu fördern. Eine Reihe kurzer Filme aus den achtziger Jahren propagiert das idyllische Familienleben im Schutzbunker, die industrielle Herstellung der »Überlebensmittel« und den »Solidaritätsgedanken« des Zivilschutzes – das reinste Kontrastprogramm zu den sonst üblichen Bildern in postapokalyptischen Dystopien. Trotzdem schwand die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung immer mehr, was in den neun­ziger Jahren zu einer Neuausrichtung des Zivilschutzes auf Nothilfe und akuten Katastrophenschutz führte. Viele vor allem militärische Bunker sind mittlerweile umfunktioniert worden – zu Schwimmbädern, Restaurants oder auch Tresoren.

Wie stark sich die mentale Funktion des Bunkers geändert hat, verdeutlicht, dass in den neunziger Jahren Asylsuchende in Bunkern untergebracht wurden. Galten sie in den sechziger Jahren noch als Schutzraum vor allem vermeintlich Fremden und Bedrohlichen, wird dieses nun in den Bunker verbannt. Die Schweiz ist ein kleines Land ohne direkten Zugang zu Seewegen und ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen zum Überleben und als solches stark von Importen abhängig; deshalb war schon zu Zeiten des Zivilverteidigungsbuchs klar, dass nur die ökonomische Überlegenheit das Land zu retten vermag: »Wie gut wir uns im Allgemeinen zu verteidigen wissen und dass wir sogar erobern können, das zeigen unsere Außenhandelsziffern.« Insofern ist das Konzept des Zivilschutzes wenn auch nicht mehr Ausdruck des Systemkonflikts zwischen Kapitalismus und Realsozialismus, so doch des Konflikts, der dem kapitalistischen Weltsystem immanent ist.