Manipulationen an einem Massengrab für KZ-Häftlinge im Ostseebad Grömitz

Das schrumpfende Massengrab

Der Fund eines mutmaßlichen Massengrabs von KZ-Häftlingen im Ostseestrandbad Grömitz zeigt, wie schwer manchen deutschen Amtsträgern die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen auch heute noch fällt.

Am Anfang notierte Wachtmeister Dreier akribisch jede Leiche, die am Strand des Badeorts Grömitz angeschwemmt wurde: »Weibliche Leiche, etwa 1,45–1,50 m groß, Alter 20–30 Jahre, Augen verglast, kleiner Kopf, mager, rechts oben 3. Zahn fehlt, braune Jacke mit angestrickten langen Ärmeln, auf dem linken Arm befindet sich aufgenähtes Etikett mit einem sechseckigen Stern und der Nr. 9 185, (…) Kleiderrock mit rotem Stern.« Das ist dem Polizeibericht über Leichenfunde am 7. Juli 1945, Abschrift vom 7. Juli 1949, zu entnehmen. Die Tote war demnach eine Jüdin aus dem Widerstand; sie wurde irgendwo auf dem Friedhofsgelände in Grömitz verscharrt. Nach neun Leichen hörte Dreier auf mit den Notizen.

»Über die Leichen wurde in Grömitz nie gesprochen«, erinnert sich heute eine Grömitzerin.

Am 3. Mai 1945 war es in der Lübecker Bucht zu einer tragischen Verwechslung gekommen. Die Nazis hatten 7 500 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme und anderen Lagern auf das Schiff »Cap Arcona« und das Begleitboot »Thielbek« gezwungen und Sprengladungen angebracht, um die Menschen auf hoher See zu ertränken. Dazu kam es aber nicht, weil die britische Luftwaffe die Schiffe, auf denen sie deutsche Truppen vermutete, versenkte.

Anzeige

Alteingesessene erinnern sich, dass manche ihrer Verwandten 147 »Cap-­Arcona-Leichen« in Grömitz erwähnt hatten. Doch dabei blieb es. »Über die Leichen wurde in Grömitz nie gesprochen«, erinnert sich heute eine Grömitzerin. Auf die Einhaltung des impliziten Schweigegebots sei streng geachtet worden, aus Respekt vor der »guten ­alten Zeit«, wegen der Traditionspflege und um die Familie, die NS-Bürgermeister und -Pastoren vor »Rufschädigungen« zu bewahren.

Schweigen oder predigen

Rituale sollen die Gemeinschaft festigen. Deshalb gibt es Weihnachten, Ostern und vor allem den Volkstrauertag, an dem sich in Grömitz seit Jahren das­selbe abspielt: Zehn Minuten vor dem Gottesdienst gehen Pastor, Bürgervorsteher und eine Handvoll Grömitzerinnen und Grömitzer zu der kleinen Grabfläche der NS-Opfer, dem »Cap-Arcona-Ehrenmal«, und legen dort einen Kranz nieder. Danach geht es schnell zurück in die bereits gut gefüllte Nicolaikirche – vorbei am »Ehrenbuch« der Gefallenen, das seit 1961 im Foyer ausliegt. Darin wird unter anderem der SA-Mann Hans-Ulrich Detlefs geehrt, für den Pastor Arnold Lensch im Februar 1932 vor 200 Gästen die erste »braune Trauung« zelebriert hatte, um noch vor der Machtergreifung die Verbundenheit der Evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus zu betonen.

Pastor Holger Lorenzen, der Minuten vorher an den Gräbern der Opfer das Vaterunser gesprochen hatte, erklärt nun von der Kanzel, warum sein Gott den Juden in schweren Zeiten nicht hilft. So hieß es in einer Predigt zum Volkstrauertag 2017, nachzuhören im Predigtarchiv auf der Website der Gemeinde: »Wenn die Menschen Gott gegenüber gleichgültig sind, (…) den guten Werten gegenüber gleichgültig sind, dann zieht Gott sich zurück. (…) Warum greift Gott nicht ein, hätten die Juden sagen können, wir sind doch Gottes Volk. Luther interpretiert das so: Gott zieht sich zurück, wenn die Menschen eben nicht die Einladung hören, die er ausspricht, und nicht Bürger seines Reiches (…) werden wollen, sondern stur ihre eigenen Wege gehen. Warum sollte Gott dann eingreifen?«

Warum hätte Gott die Mordlust der Nazis bremsen sollen, wenn die Juden sich doch seinen »guten Werten« verschlossen und sich »stur« geweigert hätten, sich dem Christengott zu unterwerfen? Ja, warum hätte irgendwer die Juden retten sollen, wenn doch der Herrgott meint, dass sie es nicht wert sind? An einem Tag, an dem üblicherweise der Kriegsopfer gedacht wird, so etwas zu predigen, lässt auf einen ethisch verkommenen Missionseifer schließen.

Nach dem »Trauergottesdienst« geht es laut Protokoll weiter: »Antreten vor der Kirche und Kranzniederlegung am Ehrenmal auf dem Ehrenfriedhof«, sowie: »Musik: Feuerwehrmusikzug Grömitz«. 1935 hieß es noch: »Antreten der SA vor Ehlerts Hotel«. Die Honoratioren der Stadt – Bürgermeister, Bürgervorsteher, Pastor, Bürgergilde, Gemeinderäte der CDU, SPD und FDP – marschieren sodann hinter der Feuer­wehrkapelle her zum großen Ehrenfriedhof für gefallene deutsche Soldaten, auf dem sich auch die Gräber der Waffen-SS befinden. Im Unterschied zu dem kleinen Massengrab der »namenlosen Opfer« gibt es hier würdige Individualgräber mit Kreuzen, Namen und Dienstgraden und ein großes Ehrendenkmal mit der Aufschrift »Treue um Treue«. Dieser Schwur wurde in der Bundeswehr verboten, weil er an Hitlers Befehl: »SS-Mann, deine Ehre heißt Treue!« erinnern soll.

Entdeckung mit Folgen

Am Eingang des Soldatenfriedhofs befindet sich die Grabstätte der Familie von Adolf Sachau, der 1932 wegen SA-Aktivitäten im Gefängnis saß. Sein Stiefvater Christian Sachau hatte 1931 in Grömitz die NSDAP und die SA gegründet und war von 1938 bis 1945 Bürgermeister der Stadt. 1974 würdigten ihn der damalige CDU-Bürgermeister und der Bürgervorsteher in einem Nachruf. Er habe »weit über das Maß ehrenamtlicher Tätigkeit hinaus Hilfe geleistet und seine Pflicht erfüllt«.

Welche? Er hatte in einem Brief vom 10. August 1941 an Karl Schlüter »und Frau Frieda« schriftlich »unangenehme Folgen« angedroht, wenn sie sich noch einmal kritisch »über das Kriegsgeschehen gegen Russland« auslassen würden. Er dulde niemanden, »der sich gegen die Gemeinschaft stellt. (…) Handeln Sie deutsch, Ihr Blut befiehlt es Ihnen!« Eine Kopie des Briefs findet sich in der Entnazifizierungsakte von Christian Sachau. Nach den Ehrenbezeugungen am Denkmal »Treue um Treue« schmettert die Feuerwehrkapelle das Soldatenlied »Der gute Kamerad«, dessen Text lautet: »Ich hatt’ einen Kameraden, einen bessern findst du nit. Die Trommel schlug zum Streite, er ging an meiner Seite. (…) Eine Kugel kam geflogen; gilt sie mir, gilt sie dir? Ihn hat es weggerissen.«

Die freiwillige Feuerwehr muss ohne ihren früheren Hauptmann auskommen. Der hatte nach einer Hetzkampagne von Gemeindevertretern im Juli 2017 den Dienst quittiert. Er hatte den Lübecker Nachrichten im Mai 2017 in seiner Eigenschaft als Lokalhistoriker Auskunft über seine Recherchen zur Grömitzer NS-Vergangenheit gegeben und wurde danach von Honoratioren als Nestbeschmutzer diffamiert und isoliert.

Gemeinderäte verteidigten Mitglieder der Familie Sachau. So gab der Ortsvereinsvorsitzende der SPD, Johann Piechulla, nach Erscheinen des Artikels laut Protokoll der Gemeinderatssitzung Grömitz »eine Ehrenerklärung« für zwei Brüder und Gemeindevertreter der Familie Sachau mit Bezugnahme auf die »unlängst erfolgte ­Berichterstattung über die Zeit des Nationalsozialismus« ab. Das Protokoll vermerkt: »Der Artikel wird aber auch als Vertrauensbruch durch einen Ehren­beamten der Gemeinde Grömitz gewertet«, also durch besagten Feuerwehrmann. Im September 2020 schließlich entdeckte Beate Koch, die Mit­autorin dieses Artikels, zufällig das Massengrab der NS-Opfer und trat damit eine Lawine los. Sie stellte fest, dass die mit einer Hecke umrandete, lieblos mit Steinen ausgelegte 60 Quadratmeter große Grabstätte viel zu klein war für 91 Leichen, die dort nach der Inschrift auf der angebrachten Tafel liegen sollten. Es empörte sie zudem, dass auf der Tafel von »namenlosen« Opfern der Briten die Rede war.

Ihre Bitte an den Pastor, die Friedhofspläne herauszugeben, wies dieser ­zurück. Er berief stattdessen eine Versammlung von »Verantwortlichen aus Politik, Gesellschaft und Kirche« ein. Die Lübecker Nachrichten meldeten, eine Besucherin des Ehrenmals sei auf Fehler gestoßen, die die Kirchengemeinde »sehr beunruhigen« würden.

Koch recherchierte in den Arolsen Archives, der weltweit größten Dokumentensammlung über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus, und entdeckte, dass in amtlichen ­Dokumenten der Grömitzer Gemeinde, die 1949 den Alliierten übergeben worden waren, statt der 91 Leichen 107 registriert waren. Ferner stellte sie fest, dass von wesentlich mehr Leichen ausgegangen werden kann, weil die Bestattungsbücher sehr lückenhaft geführt wurden, und dass die Grabstätte der Opfer nach dem offiziellen Grömitzer Friedhofsplan von 1949 nicht 60, ­sondern 110 Quadratmeter groß sein müsste.

Die Abmessungen der Grabfläche waren im Lauf der Jahre systematisch reduziert worden: Am 8. Dezember 1953 meldete die Grömitzer Gemeinde dem Innenministerium Schleswig-Holsteins nur noch eine Grabfläche von 78 statt der 110 Quadratmeter; diese 78 Quadratmeter stehen heute noch in der Landesliste »Kriegsgräber in Schleswig-Holstein«. Als 2010 das neue Kirchengemeindehaus »Nicolaiblick« samt Zugangswegen gebaut wurde, schrumpfte die ausgewiesene Fläche auf 60 Quadratmeter. Fast die Hälfte der Gräber war der Manipulation zum Opfer gefallen.

Eine Reihe von Hinweisen lässt vermuten, dass den Alliierten nicht alle Grabflächen gemeldet wurden, um zu vernebeln, dass die Deutschen weit über die ausgewiesene Grabstätte hinaus Leichen wild vergraben hatten. Diese Vermutung bestätigt ein Brandbrief, den der damalige Pastor Schwarck am 27. August 1945 an die Gemeinde Grömitz schrieb: »Die Beerdigung von angeschwemmten Leichen auf dem ­alten Friedhof muss sofort eingestellt werden. Wir sind bereits polizeiwidrig nahe an das Friedrich’sche Grundstück herangekommen. Die Polizei hat die Sache (…) aufgegriffen, und ich sehe erhebliche Schwierigkeiten kommen (…).« Zu diesem Zeitpunkt waren offiziell erst 76 Leichen registriert worden. Es sei daran erinnert, dass Alteingesessene von 147 »Cap-Arcona-Leichen« in Grömitz gesprochen haben und Grömitzerinnen zudem von Bestattungen »weit hinten in einem Waldstückchen« berichten.

Des Weiteren wurden Knochen außerhalb der ausgewiesenen Grabfläche gefunden. Der 2010 für den Bau des Gemeindehauses zuständige Architekt erzählte Koch, dass Bauarbeiter bei den Ausgrabungen auf der Baustelle außerhalb des Friedhofs, wo heute ein Weg verläuft, menschliche Knochen gefunden hätten, diese aber seines Wissens nicht der Polizei gemeldet worden seien. Die Kirche dementierte zunächst den Fund. Später gab Pastor Lorenzen die Knochenfunde zu, nannte allerdings einen anderen Fundort als der Architekt, was auf mehrere Bestattungsorte außerhalb des Friedhofs hinweisen könnte, und verbreitete, dass er die Knochen woanders vergraben hätte.

Die Abmessungen der Grabfläche wurden systematisch reduziert. 1949 waren es 110 Quadratmeter, 1953 meldete die Gemeinde Grömitz nur noch 78 an das Innenministerium Schleswig-Holstein.

Fragen drängen sich auf: Stehen Teile des Gemeindegeländes und der Gehwege auf den Leichen der NS-Opfer? Wurde gegen das Gräbergesetz verstoßen? Wurden woanders ebenfalls Gräber von NS-Opfern eingeebnet, also Grabschändungen begangen? Nach dem Gräbergesetz müssen Bundesländer die Gräber der NS-Opfer erhalten, instandsetzen und pflegen, um »der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise zu gedenken und für zukünftige Generationen die Erinnerung daran wachzuhalten«.

Behörden in Aktion

In ihren Bemühungen, die Verkleinerung des Grabes zu legitimieren und von den Knochenfunden abzulenken, zeigten einige Behörden und Amtsträger ungeahnte Kreativität. Alle Instanzen stimmten seltsamerweise darin überein, dass die im »Arolsen-Plan« hinterlegte Grababmessung nicht stimmen könne, obwohl sie zentimetergenau eingezeichnet worden war. Pastor Lorenzen meinte in einem seitenlangen persönlichen Bericht mit dem Titel »Cap-Arcona-Ehrenmal Grömitz – Archivfund der Kirchengemeinde erhellt historische Hintergründe« vom 6. November 2020, einen Tag nach der eilig einberufenen Versammlung, dass die Grabfläche »früher«, also vor 1945, »womöglich von einer schlichten, ungelernten Friedhofskraft (…) abgeschritten und dem Pastor gemeldet worden« sei, also je nach Schrittlänge kleiner sein könnte. Auch das Ministerium für Inneres, ländliche Räume, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein erklärte nach dem Besuch des verkleinerten Grabes, die Angabe der Fläche von 110 Quadratmetern sei »eher als grobe Angabe zu sehen«, weil sie durch ungenaue Schrittlängen zustande gekommen sei. In einem Brief an Beate Koch vom 10. März 2021 schrieb es: »Die vorläufigen Messungen haben eine derzeitige Grabfläche von ca. 95 qm ergeben«, obwohl die Fläche zu diesem Zeitpunkt de facto noch 60 Quadratmeter betrug. Nachdem die Grabfläche der NS-Opfer zunächst ständig verkleinert worden war, fügte man nach der Beschwerde Kochs willkürlich ein paar Quadratmeter hinzu.

Bezüglich der Knochenfunde war die Absprache der Behörden und Amtsträger offenbar missglückt. Die Innenbehörde schrieb in ihrem Bericht vom 10. März 2021: »Bei den während der Bauarbeiten gefundenen Knochen handelte es sich um die Überreste einer einzelnen Person, deren zu dieser Zeit eingeebnetes Grab am Rande des Friedhofs durch die Bauarbeiten entdeckt wurde. Die Fundstelle ist jedoch nicht mit dem Sammelgrab in Verbindung zu bringen.«

Pastor Lorenzen ging in seinem Bericht dagegen nicht von einem einge­ebneten regulären Grab aus, sondern vermutete, der Knochenfund sei einem »Selbstmörder aus grauer Vorzeit« zuzuordnen. Die in seinem Bericht mit einem schwarzen Kreuz in den Friedhofsplan eingezeichnete Fundstelle liegt Messungen Kochs zufolge sechs Meter neben dem Massengrab. Peter Harry Carstensen (CDU), von 2005 bis 2012 Ministerpräsident Schleswig-Holsteins und seit Ende Februar 2020 Antisemitismusbeauftragter des Landes, war der Meinung, die Knochen seien »15 Meter vom Grab entfernt« gefunden worden.

Doch alle behaupteten Zufälle, die das Land in die Epoche vor Bandmaß und Zollstock zurückversetzen, können nicht erklären, warum die Grabfläche der NS-Opfer immer kleiner und nie »zufällig« einmal größer geworden war. Ein »schlichter« Friedhofsgärtner hätte zufällig auch 150 Quadratmeter abschreiten können.

Kochs Blick in das Gemeindearchiv der Evangelischen Kirche im September dieses Jahres enthüllte dann, dass die ungelernten Friedhofskräfte und ihre ungenauen Schrittfolgen nur eine Erfindung waren. Denn im Archiv lag, korrekt abgeheftet, der vom Technischen Vermessungsbüro Th. Klingforth, Ostseebad Grömitz, vermessene Friedhofsplan, in dem auch jene Freifläche, die den Arolsen Archives später als Grabfläche gemeldet wurde, zentimetergenau ausgewiesen ist – mit Firmenstempel und Unterschrift beglaubigt. Die vier Seiten der Grabfläche waren zehn, zehn und halb, neun und elf Meter lang, summa summarum 110 Quadratmeter. An dem Plan, der unter die Leute gebracht wurde, war jedoch die Stelle mit dem Stempel und der Unterschrift abgeschnitten worden, so dass weiter über den schlichten Gärtner und die ungenaue Grabfläche spekuliert werden konnte. Koch erhielt den um den Stempel gekappten Plan von der Innenbehörde mit dem schriftlichen Kommentar zugeschickt: »Dieser stammt von der Kirchengemeinde (…)« Grömitz, in der Pastor Lorenzen verantwortlich ist.

Die manipulierte Verkleinerung des Grabs von Autoritäten absegnen zu lassen, fiel nicht schwer, weil die Beteiligten weder die Falschmeldung des Predigers in Zweifel ziehen wollten noch sich die Mühe machten, selbst ins Kirchenarchiv zu blicken. Stefan Linck, der zweite Vorsitzende der Stiftung »Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten« und zuständig für die Erinnerungskultur in der Nordkirche, hatte an den Schritten der Friedhofskraft nichts auszusetzen. Ohne sich zu vergewissern, schrieb er am 27. April 2021 an Koch: »Vor allem teile ich die vorgenommene Einschätzung zur Flächenberechnung. Es handelte sich um eine ernsthafte Prüfung und ein Abgleich der verschiedenen Pläne wurde vorgenommen.« Erstens gab es bis dahin nur einen einzigen Plan, zweitens war die Geschichte völlig ungeprüft.

Das Ministerium für Inneres gab bekannt, dass der Fund »eine intensive Recherche aller Beteiligten ausgelöst« habe. Eine intensive Recherche? Schließlich bat Carstensen den Landesrabbiner an die Grabstätte, wo Pastor Lorenzen ihn mit der israelischen Flagge begrüßte. Der Rabbi gab ihm zu verstehen, dass er die Fahne wieder einrollen könne, da er deutscher Staatsbürger sei.

Carstensen selbst macht, wie die becker Nachrichten berichteten, einen Bogen um Israel, weil er »die Politik dort nicht unterstützen kann«. Aber er schätze an Juden »deren Fröhlichkeit« und »diese Geschlossenheit«. In Schleswig-Holstein, das nach 1945 ein bevorzugtes Zufluchtsgebiet für Nazi-Größen war, gilt offenbar eine Person, die das Gerücht von der Geschlossenheit aller Juden verbreitet, das sonst gern zur drohenden Weltherrschaft aufgebläht wird, als besonders qualifiziert für das Amt des Antisemitismusbeauftragten. Zum dieses Jahr begangenen Jubiläum »1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« – auch wenn Deutschland freilich erst seit 1871 existiert – ließ er sich mit dem Schild: »Shalom und Moin« ablichten, wobei die Buchstaben S und H in Rot gehalten waren, um seine Werbebotschaft für Schleswig-Holstein herauszustellen.

Wir erleben einen evangelischen Pastor, der Knochenfunde ohne forensische Untersuchung einem Selbstmörder zuschreibt und mit manipulierten Grabplänen hausieren geht, einen Antisemitismusbeauftragten, der das Gerücht von der Geschlossenheit aller Juden verbreitet, und eine Innenbehörde, die sich darauf ­beruft, dass in Schleswig-Holstein 1949 noch kein Maßband aufzutreiben war. Alle Instanzen, die dafür zu sorgen haben, dass die Gräber Erinnerungsorte bleiben, legitimierten ihr Verschwinden. Uns begegnen zwei Welten. Einerseits die Opfer des Nationalsozialismus, unbekannt und zusammengepfercht in einem kleinen Massengrab – wie ein Symbol ihrer letzten Lebensjahre. Etwas weiter die große Grabfläche der deutschen Soldaten und der SS-Mörder sowie das Ehrenmal »Treue um Treue«, vor dem das Lied des Kameraden intoniert wird. Wenn es um die Opfer geht, kämpfen alle Instanzen trickreich um jeden Quadratmeter Grabfläche, die sie ihnen wegnehmen können, während nebenan Aufmärsche mit Dschingda­rassabum organisiert werden.

Beim Gräberklau spielt zunächst die praktische Ratio eine Rolle. Man will den Grundriss des Gemeindehauses des Pfaffen und den Verlauf der Gehwege nicht in Frage stellen, und wer weiß, wie viele NS-Gräber in Schleswig-Holstein eingeebnet worden sind. Die Zeremonien an den Soldatengräbern deuten aber an, dass mehr dahintersteckt. Es geht auch um die ewig wachzuhaltende Identifikation mit dem Vaterland und seinen Kriegern, um die tief empfundene Nähe zum Mörder im eigenen Stamm und die Kälte gegenüber seinen Opfern, denen man die Gräber und die ewige Ruhe raubt, welche den eigenen Stammeskriegern bis nach Stalingrad zustehen soll. Sollte es da ein Problem geben, wird der Internationale Gerichtshof angerufen. In Grömitz wird man es damit bewenden lassen, dies und das veranlassen, einen Stein aufzustellen, eine Gedenktafel anzubringen und ein paar Quadratmeter zum Grab der NS-Opfer hinzuzufügen, damit Ruhe einkehrt und die Traditionspflege ungetrübt fortgesetzt werden kann.