Die Neuverfilmung von »Schachnovelle« löst sich vom Schwarzweißdenken Stefan Zweigs

Verbotene Erinnerung

Stefan Zweigs »Schachnovelle« ist allseits beliebt, auch als Schullektüre. Die Zweig’sche Einteilung, hie dumpfe Nazis, da empfindsame Geistesmenschen, bringt die Neuverfilmung von Regisseur Philipp Stölzl gekonnt durcheinander.

Es war Stefan Zweigs letztes literarisches Werk. Im Exil in Brasilien schrieb und vollendete der österreichische Schriftsteller kurz vor seinem Suizid 1942 die »Schachnovelle«. In der Rahmenhandlung trifft auf einer Schifffahrt nach Buenos Aires ein Schachweltmeister namens Mirko Czentovic auf die Hauptfigur Dr. B. Ein Schachduell bahnt sich zwischen den beiden an – dem Ich-Erzähler erklärt Dr. B. schließlich, warum er nicht spielen will: Ein paar Jahre zuvor hatten ihn Nazis im Wiener Hotel Metropol gefoltert, indem sie ihn in einem Zimmer isolierten; seine einzige Ablenkung waren das Essen und die Verhöre. Interessant war B. für die Nazis, weil er Vermögensverwalter des Adels und des Klerus war. Er schmuggelte ein Schachbuch in die Zelle und fortan hängte sich sein Geist daran auf, bis er eine »Schachvergiftung« bekam, einen Anfall von Wahn. Nun, auf dem Schiff, hadert der trauma­tisierte B. damit, gegen den Meister Czentovic anzutreten, spielt aber doch – und siegt. Bei der Revanche stoppt der Erzähler Dr. B., als sich Zeichen einer neuen »Schachvergiftung« einstellen.

Die entscheidende Leistung von Stölzls Literaturverfilmung ist es, erstmals Zweigs vornehme politische Zurückhaltung zu durchbrechen.

Der deutschen Nachkriegsgesellschaft half die Literatur von Stefan Zweig in mehrerlei Hinsicht. Seine Memoiren »Die Welt von gestern« schürten die Hoffnung vieler Konservativer, eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem Aufstieg der Nazis sei möglich. Vor lauter Sehnen nach Sicherheit und Schwelgen in bourgeoiser Kulturbeflissenheit vergisst Zweig auf mehr als 500 Seiten gar, die grassierende Massenarbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg überhaupt zu erwähnen.

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Weil Zweig die materiellen Ursachen des Faschismus nicht erkennen konnte, focht er diesen stets bloß als Idee an – und verzweifelte. Seine Bemühung drückte er vor seinem Selbstmord in der »Schachnovelle« aus, die bis heute oft in diesem Zusammenhang rezipiert wird. Denn dieser biographische Bezug in der »Schachnovelle« schürte allein Mitleid mit dem Opfer, anstatt die Täter anzuklagen, die sich gerade im Zweig’schen Milieu des Großbürgertums rasch rehabilitieren konnten.

Die Rezeption kommt meist nicht über das von Zweig angelegte Schwarz­­weißdenken hinaus, das Dr. B. als Weltbürger den dumpfen Nazis gegenüberstellt. Allein das Geisteswesen, das Lesen sei es, das helfe, die Menschlichkeit zu wahren und nicht zum Barbaren, zum Nazi zu werden. Damit bot Zweig seiner Nachkriegs­le­serschaft ironischerweise und un­be­absichtigt die Möglichkeit, sich durch die bloße Lektüre der »Schachnovelle« vermeintlich selbst zu rehabilitieren, und diese Abkürzung nimmt das Bürgertum bis heute gern; das Buch wurde eine beliebte Schullektüre.

Eine erste Verfilmung unternahm der Regisseur Gerd Oswald 1960 für die österreichische Roxy-Film. Sie zeigt unfreiwillig, wie sehr die Novelle in der Nachkriegszeit als Katalysator der Wiedergutwerdung diente. Energisch den Klerikalismus des neuen Österreich bewerbend, legt Oswald seine Adaption völlig geschichtsvergessen an. Curd Jürgens, der sich in der Nazizeit mit Rollen in Durch­halte­filmen der Ufa einen Namen gemacht hatte, spielt den Dr. B. als wi­der­standsfähigen Helden. Alle feiern ihn dafür, was er mit dem Verstecken von Kirchenschätzen »für die ganze österreichische Diözese erreicht hat«, so ein zu diesem Zweck erfundener Bischof. Und der von den Nazis so genannte Anschluss Österreichs wird zu einer »Besetzung«, obwohl beträchtliche Teile der österreichischen Bevölkerung den Einmarsch der Wehrmacht offen begrüßten. Das Naziregime taucht auch nur in Insignien auf, als Hakenkreuz oder als Schattensilhouette eines Heers. So weicht Oswald der Auseinandersetzung damit aus, dass das gebildete Großbürgertum sich umstandslos oder gleich völlig begeistert mit den neuen Verhältnissen arrangierte und seine Positionen erfolgreich behauptete.

Besonders dick trägt Oswald auf, wenn schließlich Dr. B. als Sieger aus der Schachpartie und dem Nationalsozialismus hervorgeht. Die Macht bleibt beim Großbürgertum. Der Schluss des Filmes zeigt, welch ehrgeizige Ziele die Propaganda auch 1960 verfolgte: »Jetzt wird endlich alles gut«, sagt eine noch junge Claire Bloom in der Rolle der Irene und fährt fort: »Aber ich habe gar kein Gepäck dabei.« Darauf Curd Jürgens: »Das ist doch gut. Dann haben wir auch keine Erinnerungen.«

Der Literaturwissenschaftler und Traumaforscher Hannes Fricke weist Zweigs Novelle nach, dass sie zum »Holocaust-Kitsch« gehöre, und bezieht sich dabei auf das Ende: Dr. B. darf die Vergangenheit nicht wieder heraufbeschwören, soll sich nicht erinnern. Die »Angst vor dem Erinnern« sei der Kern der Schlussaussage, so Fricke. »Das ist der Grund, warum solch ein von einem Juden geschriebener Text so willkommen im Deutschland der fünfziger Jahre war: weil er Erinnern verbietet.«

Der Regisseur Philipp Stölzl und der Drehbuchautor Eldar Grigorian legen nun für die zweite Filmadaption die Rahmenhandlung in die Haupthandlung hinein. Diese Version der »Schachnovelle« spielt komplett im Wien von 1938, wodurch Stölzl alles rauer, dreckiger und gewaltsamer erzählen kann. Die Bilder des prunkvollen Speisesaals und des Weltmännischen auf dem Schiff baut er Szene um Szene ab, bis das Schachspiel beinahe einem Armdrücken im Maschinenraum gleicht. Denn in dieser »Schachnovelle« bildet sich Dr. Bartok (Oliver Masucci) die Schifffahrt, die Schachduelle und seinen Gegner Czentovic bloß ein. Sie sind Auswuchs der wahnhaften »Schachvergiftung«. Mirko Czentovic, der Schachweltmeister, ist hier bloß eine psychologische Deckfigur des Gestapoleiters (Albrecht Schuch), der Bartok erfolglos zu Konten in Böhmen verhört. Einfallsreich wird Stölzl damit Zweig selbst gerecht, der seine geistige Isolation beschrieb und sich eine Welt nach dem Krieg eben auch nur einbilden konnte.

Die entscheidende Leistung von Stölzls Literaturverfilmung ist es, erstmals Zweigs vornehme politische Zurückhaltung zu durchbrechen, die schon Hannah Arendt monierte, und sein isoliertes bürgerliches Milieu mit dem der Arbeiter zu konfrontieren, was dem Film noch mehr politische Schärfe gibt. Am Anfang sieht man Bilder von Straßenunruhen. Da tragen Leute neben explizit judenfeindlichen Schildern auch Plakate, auf denen »Wider das Kapital« steht. Keine Minute dauert die Sequenz, ordnet aber die Judenfeindschaft als Verdammung eines Sündenbocks ein, deutet die Niederlage der Arbeiterbewegung an, die sich ihrem Schicksal ­ergab oder sich gleich von rechts ver­einnah­men ließ, und zeigt den Austrofaschismus als Wegbereiter des Nazismus.

In dieser Szene beschimpfen Proleten Bartok und seine Frau (Birgit Minichmayr) durch eine Autotür hindurch als Bonzen. Die Montage lässt ahnen, dass hier nicht bloß rechter Antiintellektualismus spricht, sondern auch ein Rest Klassenkampf mitschwingt. Die kaltschnäuzige Verachtung des Ehepaars gilt vordergründig den Nazis, aber auch der Unterschicht als Ganzer. Stölzls Bartok ist als ignoranter Lebemann konturiert und im politischen Kontext deutlich als antidemokratischer Handlanger der Monarchie erkennbar, der kaiserliches Vermögen vor dem Zugriff der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Republik und ihrer Nationalversammlung versteckte.

Nach so konkreter Exposition ist der zermürbende Schlagabtausch zwischen Anwalt und Gestapoleiter im Grunde offengelegt als ein Ringen zweier unsympathischer Stellvertreter um die Hegemonie ihrer jeweiligen Weltanschauung und Interessen. Aber wenn Masuccis Bartok durch Raum und Zeit irrt, darf er auch mal ordentlich übertreiben. Stölzl gestaltet den Film als schleichenden Psychothriller ohne Scheu vor etwas Genre-Kitsch, was ihm besonderen ­Unterhaltungswert verleiht; auch das mag möglicherweise ein Kniff sein, um sich der Antipathie des typischen Zweig-Publikums mit seinem eher ernsten ästhetischen Empfinden erst recht zu versichern.

Stölzls Adaption kommt trotz der erfrischenden Aktualisierung am Ende aber auch nicht über eine milde Opfererzählung hinaus: Dr. B. wird zum Pflegefall und landet in der Irrenanstalt. Dort erregt er vielleicht Mitleid, aber eignet sich immerhin nicht mehr als heldenhafte Identifikationsfigur.

Schachnovelle (Deutschland, Österreich 2021). Regie: Philipp Stölzl, Buch: Eldar Grigorian. Darsteller: Oliver Masucci, Birgit Minichmayr, Albrecht Schuch, Moritz von Treuenfels. Filmstart: 23. September