Studenten beschäftigen sich mit Klassismus, statt über Klassenkampf nachzudenken

Trauriger Ismus

Linke Studente­­n beschäftigen sich lieber diskriminierungs­sensibel mit Klassismus, anstatt sich der Tatsache zu stellen, dass die Bedingungen für Klassenkampf derzeit äußerst schlecht sind.

Den »Klassismus« wird man so schnell wohl nicht wieder los. Allmählich sickert der Begriff in Feuilleton und Politikjargon ein – auch Olaf Scholz nahm ihn in den Mund. An Hochschulen hat er gar schon praktische Gestalt angenommen: Studenten der Universitäten Münster, Marburg, Köln und München haben bereits »Antiklassismus«-Referate aus dem Boden gestampft. Weitere sind in Berlin, Frankfurt, Potsdam und Gießen geplant. Typisch studentisch organisieren solche Referate hauptsächlich Vorträge und Diskussionsrunden oder geben langatmige Reader heraus. Angeblich beraten sie auch Kommilitonen aus Arbeiter­familien und vertreten deren Belange an der Universität.

Wo die alte Arbeiterbewegung durch ­Gemein­samkeiten und ein großes Ziel zusammengehalten wurde, bleiben heute nur Vereinzelung, Angst und Ratlosigkeit zurück.

Weshalb, mag man fragen, sehen sich zukünftige Akademiker dazu ­bemüßigt, zukünftige Akademiker über »Klassismus« aufzuklären und vor ihm zu schützen? Die Antwort scheint naheliegend: Gerade in Deutschland haben es die Kinder reicher Eltern bedeutend leichter. Es studiert sich beschwingter, wenn man Mama und Papa hinter sich weiß, die zahlungswillig im schicken Altbau sitzen und sich darüber freuen, dass ihre Zöglinge schon wieder den Studiengang wechseln, weil das deren tolle Persönlichkeitsentwicklung beweist.

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Wer dagegen auf Bafög oder kümmerlich bezahlte Nebenjobs angewiesen ist, für den bedeutet der Universitätsalltag oft viel Druck und wenig Geld. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn zwischen Seminar, Mensa und Bibliothek finden sich lediglich bestimmte Kinder aus schlecht betuchtem Hause. Nämlich diejenigen, die es mit viel Glück bereits geschafft haben, ihr Abitur zu meistern und sich halbwegs im Studium einzurichten, will sagen: die dem Allerschlimmsten schon entkommen sind und deren Karriereprognose in Richtung Mittelschicht zeigt.

Für Einzelne mag es gewiss nützlich sein, wenn ihnen geholfen wird, erlebte Benachteiligungen zu verarbeiten, selbstbewusster aufzutreten oder den Arbeiterkindstatus noch prominenter im Antrag fürs Stipendium zu platzieren. Letztlich aber handelt es sich beim »Antiklassismus« um nichts anderes als eine weitere Variante des allseits bekannten postmodernen Antidiskriminierungskodex. Konkret bedeutet das: Heutzutage weiß jeder, dass er in der beinharten Konkurrenz um ein bisschen Glück und Sicherheit alles, wirklich alles in die Waagschale werfen muss. Und der »Antiklassismus« verspricht aufsteigenden Arbeiterkindern, ­einen Diskriminierungsbonus zu bekommen.

Natürlich wird dieses »antiklassistische Empowerment« – das autonome Referat der Uni Köln trägt es im Namen – nur denjenigen zuteil, die schon irgendwie in den Kreis der zukünftigen Akademiker aufgestiegen sind. Für die Plattenbaujugend dagegen, der seit der Grundschule eingebläut worden ist, dass sie es eh zu nichts bringen wird, und die es dann irgendwann auch akzeptiert hat, gibt es selbstverständlich kein Referat, sondern nur das Jobcenter. Während also theoretisch der versperrte soziale Aufstieg beklagt wird – dass Arbeiterkinder so selten studieren –, macht man praktisch Politik für die wenigen Gewinner der Lotterie.

Dass gerade Studenten die institutionelle Speerspitze des »Antiklassismus« bilden, unterstreicht praktisch, was Maximilian Paul Schulz in der Jungle World 28/2021 aus den jüngeren Bucherscheinungen zum Thema herausgelesen hat: So oft in Büchern, Vorträgen und Podcasts auf die Klassengesellschaft geschimpft und der »Antiklassismus« als Gesellschaftskritik verkauft wird – die Klasse wird dadurch zu einer von unzähligen Diskriminierungsformen herabgestuft. Und ganz im Sinne des verbreiteten Diversitätsparadigmas beklagt man sich in erster Linie darüber, dass glücklichen Aufsteigern noch immer der Makel des Unterschichtskinds anhaftet. Der Rede vom »Klassismus« hat zwar den Begriff der Klasse wieder zurück in die politische Diskussion gebracht, ihn dabei aber hoffnungslos verfilzt mit einer Antidiskriminierungsdoktrin, die diejenigen, die nicht gerade aufsteigen, kein Stück weiterbringt.

Der Blick auf das Milieu, in dem der »Antiklassismus« floriert, hilft aber, noch etwas anderes zu verstehen: Diejenigen, die unentwegt auf den Begriff eindreschen, machen es sich oft zu leicht. So richtig ihre Kritik auch ist – die vorgeschlagenen Alternativen bleiben seltsam einfältig. Da wird dann etwa einem »neuen Klassenbewusstsein« das Wort geredet. Viele fordern gleich den praktischen Klassenkampf, den der »Antiklassismus« ja nicht ersetzen könne (so etwa David Pape und Karl Müller-Bahlke in einem sonst vernünftigen Artikel in der Jungen Welt vom 15. Juli). Es mag fast so scheinen, als habe das Auftreten des Konkurrenzprodukts »Klassismus« das eigentlich seit Jahrzehnten erledigte Klassenkampfgeplapper wieder zum Leben erweckt.

Das ist nur möglich, weil die wirklich drängende Frage, die an den Begriff des Klassismus zu stellen wäre, sorgfältig vermieden wird: Warum ist denn die Klasse im 21. Jahrhundert als trauriger Ismus wiedergekehrt? Sind die engagierten Studenten und ihre geistigen Vorturner allein dafür verantwortlich? Oder hat es vielleicht objektive Gründe, dass heute nicht bei der Plattenbaujugend, sondern genau dort über Klasse geredet wird, wo man gut gebildet ist und gute Chancen hat, nicht am unteren Ende der sozialen Hierarchie zu landen?

Die Antwort darauf lautet selbstverständlich: Es liegt weder an der Verkommenheit der Akademiker noch an der Verbürgerlichung der Gewerkschafts- und Parteifunktionäre, dass in der Bundesrepublik »antiklassistisch« empowert und nicht der Generalstreik ausgerufen wird. Denn die erforderlichen Grundlagen dafür, dass es anders sein könnte, sind einfach nicht mehr da. Die alte Arbeiterbewegung – was immer man von ihr halten mag – verbürgte früher das Denken in den Kategorien von Klassengesellschaft, -bewusstsein und -kampf. Sie selbst wurde wesentlich zusammengehalten vom gemeinsamen Alltag in Fabrik, Kneipe und ­Arbeiterverein. Man arbeitete, lebte und dachte ähnlich – und war sich sicher, dass die Pfründe der eigenen Schinderei die Kapitalisten einstreichen. Viele Arbeiter teilten das Gefühl: Wir gehören zusammen, und ohne die Chefs wären wir besser dran.

Von all dem ist nichts mehr übrig. Die großen Fabriken sind vielerorts abgerissen worden, an ihrer Stelle findet sich ein undurchschaubares Netz aus Zulieferern, Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen. Jeder ist irgendwie anders angestellt und ­bezahlt, erfährt eine ganz praktische Form der Diversität. Während die einen zu geisttötendem Knopfdrücken, Hochheben, Knopfdrücken, Hochheben verdammt sind, beschäftigen sich die anderen ganztägig mit dem Hin- und Herschieben von Zahlen oder Herumtelefonieren.

So verschieden wie die Tätigkeiten sind heute auch die Lebensläufe und Freizeitbeschäftigungen. Das Einzige, was den meisten Lohnempfängern noch gemein ist, ist die Bedrohung durch den Stellenabbau. Die Jungen wissen, dass es ihnen schlechter gehen wird als ihren Eltern, und wer im Berufsleben steht, wurstelt sich durch, so gut er kann. Denn kein Angestellter will Handarbeiter, kein Festangestellter zum Leiharbeiter werden, und niemand will mit der hauptberuflichen Wohnhaustreppenschrubberin tauschen.

Letztlich stehen sich alle feindlich gegenüber. Wo die alte Arbeiterbe­wegung durch Gemeinsamkeiten und ein großes Ziel zusammengehalten wurde, bleiben heutzutage nur Vereinzelung, Angst und Ratlosigkeit zurück. Das sind denkbar schlechte Bedingungen, um eine selbstbewusste Klassenbewegung auf die Beine zu stellen. Wer sie trotzdem zum praktischen Gegenpol des Klassismus-Ansatzes hochjubelt, weist keine Alternative auf, sondern bezeugt die eigene Denkmüdigkeit.

Die Diskussion über Klassismus ist Symptom einer viel umfassenderen historischen Bewegung. Seit die klassische Arbeiterbewegung Geschichte ist, muss Klasse, um als politisches Konzept wirksam werden zu können, mit neuen Zielen und Strategien verbunden werden. Das ist allerdings nicht zu verstehen als Aufforderung zum Brainstorming, sondern als Eingeständnis eines vorerst unlösbaren Problems: Die großen Gewissheiten der Linken sind unwiederbringlich verloren.

Was dagegen bei solcherlei Brainstorming herauskommen kann, zeigen die Verfechter des »Antiklassismus«. Den Kampf der vereinten Arbeiterklasse, der sich lange erledigt hat, ersetzen sie durch ihren Modebegriff – und schaffen dabei eine Karikatur dieses vergangenen Kampfs. Denn die »Antiklassisten« überführen das, was einst kollektiv angegangen wurde, in den Kampf aller gegen alle in der Gesellschaft der Chancengerechtigkeit. Das aber ist das genaue Gegenteil dessen, worum es der Arbeiterbewegung in all ihren Facetten einmal ging: wenigstens die Milderung, bestenfalls die Abschaffung des Existenzkampfs.