Der Film »Lieber Thomas« zeigt den Autor Thomas Brasch als Dauerprovo­kateur

Lebenslang die Zunge raus

Das neue Filmporträt über den Schriftsteller Thomas Brasch entlässt seinen Protagonisten nicht aus der Rolle des Berufsprovokateurs.

»Sie sind der Kellner, die Fernsehzuschauer sind die Gäste und ich bin das Schnitzel – die Frage ist nur, ob Sie es zubereiten, dass es auch schmeckt.« Das entgegnete der Schriftsteller Thomas Brasch in einem ­Interview dem Journalisten Georg Stefan Troller, der Brasch 1977 kurz nach dessen Ausreise aus der DDR nach Westberlin in einem Fernsehbeitrag porträtierte. Brasch erwies sich für Troller als überaus widerspenstig, denn er wehrte sich immer wieder gegen den Versuch, ihn für eine westdeutsche Triumphgeschichte zu vereinnahmen; er wusste wohl auch, wie sehr seine Biographie im Westdeutschland der siebziger Jahre, kurz nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR, ein ideo­logisches Bedürfnis bediente. Er wollte im Westen nie als DDR-Dissident angesehen werden. Troller ­ätzte schließlich, bei Brasch wisse man nie, was man bekomme, Mimose oder Idi Amin.

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Der Sohn jüdischer Kommunisten wurde 1945 im englischen Exil geboren, 1947 siedelte er mit seiner Familie in die sowjetische Besatzungszone über, wo sein Vater als Parteifunktionär beim Aufbau des neuen Staats mitwirkte. Sein Journalistikstudium musste Brasch 1965 ab­brechen, nachdem ihm die »Verunglimpfung führender Persönlich­keiten der DDR« und »existentialistische Anschauungen« vorgeworfen worden waren. Auch das später aufgenommene Studium der Dramaturgie an der Filmhochschule Babelsberg konnte Brasch nicht beenden. Nach seinem Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verriet ihn der eigene Vater an die Behörden. Es folgten Gefängnis und Bewährung in der Produktion im Transformatorenwerk »Karl Liebknecht«. 1971 ermöglichte ihm Helene Weigel die Mitarbeitet im Brecht-­Archiv.

Die Inszenierung des schriftstellerischen Werks gerät in »Lieber Thomas« zu einer Aneinanderreihung von Zitaten, die mitunter vollkommen unvermittelt auftauchen.

Brasch widmete sich in den Folgejahren als freischaffender Schriftsteller ganz dem Schreiben. Im Zuge von Biermanns Ausbürgerung und nach der Absage der Veröffentlichung seines ersten Prosabands in der DDR stellte Brasch 1976 einen Ausreiseantrag und reiste gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach nach Westberlin aus. Besonders durch seine Filme »Engel aus Eisen« (1981) und »Domino« (1982) erlangte er auch in der Bundesrepublik Bekanntheit.

20 Jahre nach Braschs Tod versucht sich nun Andreas Kleinert mit »Lieber Thomas« an einer Verfilmung des Lebens des Lyrikers, Schriftstellers und Regisseurs. In sieben ­Kapiteln werden die Stationen in dessen Biographie und Einblicke ins Werk gezeigt. Kleinert betont die Aktualität seines Stoffs, doch verweist er nicht auf die noch uneingelösten Hoffnungen Braschs und ihre Berechtigung in der Gegenwart. Vielmehr sei der Film so aktuell, weil man in Brasch einen Rebell wider die politische Korrektheit sehen ­könne, und gerade einer solchen Einstellung bedürfe es heutzutage wieder mehr.

Die Inszenierung des schriftstellerischen Werks gerät in »Lieber Thomas« zu einer Aneinanderreihung von Zitaten, die mitunter vollkommen unvermittelt auftauchen und nur einen oberflächlichen Bezug zu den Texten, Gedichten und Filmen herstellen. Bereits der Titel des Films ist ein Verweis auf Braschs Bühnenstück »Lieber Georg«, das vom Leben des Lyrikers Georg Heym handelt. Die hohe Dichte an Zitaten und die Vielzahl an Textfragmenten, die im Film untergebracht sind, sollen offenbar eine Beschäftigung mit dem Werk simulieren.

Die Schwierigkeit, das schriftstellerische Arbeiten und Denken des Protagonisten filmisch darzustellen, wird nur scheinbar dadurch um­gangen, dass der von Albrecht Schuch dargestellte Protagonist in kurzen Einschüben und Traumszenen selbst in die eigenen Figuren schlüpft und sich etwa als Gangster Gladow gemeinsam mit seiner Mutter eine Schießerei mit der Polizei und dem das Fortleben des Nationalsozialismus verkörpernden spießigen Nachbarn liefert. Die Texte Braschs scheinen für den Film nur insofern interessant zu sein, als sie jeweils eine ­Facette ihres Autors darstellen. Unter dem Diktat dieser Identifikation des Autors mit seinem Text verlieren die zitierten Gedichte das, was über die bloße Autorschaft hinausweist.

Die Filmfigur Brasch ist schlagfertig und zugleich vollkommen frei von Spontanität oder Unberechenbarkeit. Nach einem Streit mit seinen ­Eltern (»Du bringst deinen Vater noch ins Grab«) purzelt aus dem Film-Brasch der Titel seines Prosawerks »Vor den Vätern sterben die Söhne« heraus. Der Brasch-Kenner wird sich hier in seiner eigenen Belesenheit bestätigt fühlen, da er Zitate als solche erkennen kann. Zitate, die ohne Kontext eingestreut werden, verkommen jedoch zu hohlen Gesten, die nur mehr subversive Atmosphäre erzeugen. Sie bilden das Gerüst des komplett in Schwarzweiß gedrehten Films und sollen den Zuschauern inhaltliche Tiefe suggerieren.

»Lieber Thomas« bedient sich der seit einigen Jahren populären Form von erinnerungspolitischer Inszenierung deutsch-deutscher Geschichte. Die DDR wird – insbesondere verkörpert durch die Figur von Braschs ­Vater, gespielt von Jörg Schüttauf – als skrupelloser Unrechtsstaat dar­gestellt. Die arbeitenden Menschen erscheinen verroht, Stasi-Spitzel ­lauern überall; einen von ihnen enttarnt der Protagonist nahezu nebenbei und ganz cool. Es dominieren Bilder einer technisch rückständigen und heruntergekommenen Produktionsgesellschaft – zum Beispiel das Transformatorenwerk, in dem Brasch seine Bewährungszeit ableisten muss, oder sein spärlich eingerichtetes, untapeziertes Arbeitszimmer.

Dagegen ist die Bundesrepublik von Konsum und Geld geprägt. Brasch fängt an zu koksen, in seiner Wohnung räkeln sich Prostituierte und das neue Arbeitszimmer ist nun dank einer breiten Fensterfront lichtdurchflutet. Auf dem Schreibtisch, an dem kaum mehr geschrieben und umso mehr telefoniert wird, stapeln sich die Geldbündel, die eine Anzahlung von Suhrkamp für ein nicht weiter verfolgtes Buch­projekt sein sollen.

In dieser beklemmenden Umgebung beiderseits der Grenze kann der unangepasste Rebell Brasch voll in Szene gesetzt werden. Im Osten erwehrt sich Brasch der Vereinnahmung durch Vater und Staat, im Westen verweigert er sich dem Literaturbetrieb, der ihm für das Aufschreiben seiner Lebensgeschichte viel Geld bietet. Seine Abneigung ­gegen den Verkauf der eigenen Geschichte (»Ich bin doch keine Ware!«) kann zugleich als Kommentar des Films auf sich selbst verstanden werden.

Ob Brasch tatsächlich ein so naives Verständnis von der Warenform hatte und glaubte, sie lasse sich durch bloße Haltung aus der eigenen ­Arbeit als Kulturproduzent heraushalten, kann bezweifelt werden. Als er 1981 den mit 50 000 DM dotierten Bayerischen Filmpreis für seinen Film »Engel aus Eisen« erhielt, kommentierte er in seiner Dankesrede den Widerspruch zwischen der Annahme staatlicher Gelder und seiner künstlerischen Arbeit, die auf die Überwindung von Staat und kapitalistischer Gesellschaft ziele. Dieser Widerspruch lasse sich nur scheinbar durch den Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der herrschenden Ideologie lösen.

Tatsächlich führe beides lediglich zur Verdrängung des gesellschaftlichen Widerspruchs. Da die Künste zudem gar nicht das gesellschaftliche Subjekt seien, das den Widerspruch abschaffen könne, bliebe ihnen einzig, sich ihm aussetzen, um ihn besser beschreiben zu können. Denn eben jene darzustellenden Widersprüche und Risse in der Gesellschaft bärgen die Hoffnung auf eine ganze andere, menschenwürdige Gesellschaft.

Die Filmfigur Brasch ist um eine solche Sichtweise auf den Kultur­betrieb und seine eigene Rolle darin bereinigt. Die gesellschaftlichen Risse verschwinden, indem sie als bloß individuelle Sinn- und Lebens­krisen dargestellt werden. Die vom Protagonisten forcierte Haltung des Nichtmitmachens wird schließlich zum schlechten Substitut für Gesellschaftskritik; in die inszenierte ­Biographie wird projiziert, was Brasch selbst in seiner Filmpreisrede als Verdrängung und Scheinlösung der gesellschaftlichen Widersprüche kritisiert hat. In einer überaus kitschigen Szene entschwebt er den gesellschaftlichen Verhältnissen buchstäblich.

Kleinerts Spielfilm ist zwar kurzweilig und unterhaltsam, wird aber dem eigenen Anspruch einer Annäherung an das Werk des Schriftstellers nicht gerecht. In einem Interview sagte Brasch rückblickend auf das Scheitern der Veröffentlichung seines ersten Prosawerks in der DDR und die Entscheidung, das Land zu verlassen: »In dieser Situation war es so, dass ich sagte, ich bin jetzt 31 Jahre und habe keine Lust, immer als pubertierender Oppositioneller, der immer dem Papa die Zunge rausstreckt, in die Geschichte einzugehen.« Genau das macht der Film jedoch aus Brasch: einen Berufspro­vokateur und Rebell wider eine Form der politischen Korrektheit.

Lieber Thomas (D 2021). Buch: Thomas Wendrich. Regie: Andreas Kleinert. Darsteller: Albrecht Schuch, Jella Haase, Ioana ­Iacob, Jörg Schüttauf. Filmstart: 11. November