Schülerinnen und Schüler beim Schnelltesten

Esma, Ela und die Tests

Klassenkampf Von

Durch Schnee und Regen, Hagel und Gewitterstürme, vorbei an pöbelnden frühmorgendlichen Joggern, glücklichen restalkoholisierten Feiernden und plattgefahrenen, halbverspeisten Ratten kämpfen sich derzeit wieder tapfere Angestellte des öffentlichen Diensts bereits deutlich vor Schulbeginn durch den rabenschwarzen Berliner Morgen zu ihren Schulen vor. Dort angekommen legen sie, also wir, also eigentlich halt ich, dreimal pro Woche lange Reihen von Schnelltests aus, um dann auf die Kinder zu warten, die noch nicht geimpft sind und sich deswegen testen lassen müssen und eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn im Klassenraum erscheinen sollten. Das schaffen sie auch, also so drei pro Klasse schaffen das, die anderen kommen dann in den nächsten 20 Minuten hinterhergetröpfelt, wobei die Geschichten, die ihre Verspätung begründen, minütlich aufregender und phantastischer werden, ganz interessant im Grunde.

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Wenn sie dann da sind, läuft aber alles wie am Schnürchen, denn meine Schutzbefohlenen sind inzwischen abgezockte Profis, was das Schnelltesten angeht: Zügig begeben sie sich mit den Testkomponenten an ihre Plätze, sortieren die Materialien und ermitteln die geforderte Vorgehensweise. Trotz wechselnder Testsysteme wissen sie immer gleich, was sie in welcher Reihenfolge auspacken, aufschrauben, tröpfeln und wo hineinstecken müssen. Ich finde das beeindruckend, besonders, wenn ich bedenke, dass das dieselben Kinder sind, die für Divisionen durch zehn gerne den Taschenrechner bemühen und sich ums Verrecken den Unterschied zwischen DDR und NS nicht merken können.

Ohne zu mucksen, stecken sich dann alle die Wattestäbchen in die Nase bis die Augäpfel schier hinauskullern, oder jedenfalls ein bisschen unten in den Nasenlochanfang, und dann warten sie. Wie lange genau, weiß ich nicht, weil ja alle zu unterschiedlichen Zeiten angefangen haben und immer irgendwo ein Wattestäbchen auf den Fußboden fällt oder der Test irgendwie nicht funktioniert und ersetzt werden muss oder Esma der Ela den Deutschordner geklaut hat, weswegen Ela jetzt Esmas Federtasche aus dem Fenster werfen will, und das geht halt nicht.

Manchmal macht es mich schon misstrauisch, dass ich trotz wochenlangem Testens bei steigenden In­zidenzen nie einen einzigen positiven Test gesehen habe, aber ich habe halt nur zwei Augen und eine Uhr und möchte, abgesehen davon, einfach nicht kontrollieren, wie tief sich irgendwer irgendwas in irgendwelche Körperöffnungen schiebt. Insofern baue ich derzeit auf den Masseneffekt, hoffe auf steigende Impfquoten bei Jugendlichen und bete zwischendrin auch ein bisschen die überfahrenen Ratten an, auf dass die dort, wo sie jetzt sind, gelegentlich ein gutes Wort für uns einlegen. Schaden wird’s nicht und wir können weiß Gott alle Hilfe gebrauchen, die wir kriegen können.