Eine Diskussion über Weihnachtsmärkte

Schade um den Weihnachtsmarkt?

Disko Von

Aber bitte mit Schuss!

Weihnachtsmärkte halten viele Zumutungen bereit, doch ihr Nutzen für Individuum und Gesellschaft sollte schwerer wiegen als das ästhetische und kulinarische Verdikt.

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Weihnachtsmärkte sind toll: all die roten Sterne, die plötzlich in deutschen Innenstädten hängen, ohne dass man dafür extra einen Weltkrieg hätte verlieren müssen! All die alten, weißen Männer, die endlich wieder die Chance bekommen, sich mit rotem Wams und falschem Bart von ihrer nichttoxischen Seite zu zeigen! Und die vielen bunten Lichter erst, die uns die dunkle Jahreszeit erhellen! Ach …

Sicher, in erster Linie dienen Weihnachtsmärkte kommerziellen Interessen. Aber das muss ja nicht schlecht sein. Wer beispielsweise seine private ­Altersversorgung auf Aktien von Insulinproduzenten aufgebaut hat, sollte doch größtes Interesse daran haben, dass die Menschen zum Jahresende hin noch mal ordentlich mit übersüßten und fetttriefenden Nahrungsmitteln geboostert werden. Oder nehmen wir diesen ganzen selbstgebastelten Krimskrams, den zwar kein Mensch braucht, dessen Herstellung aber ­Tausende von schwäbischen oder sächsischen Kunsthandwerkern so in ­Anspruch nimmt, dass ihnen kaum noch Zeit bleibt, ihrer Impfparanoia auf Telegram oder Facebook Luft zu machen.

Die Natur hat uns als soziale Wesen designt. Wozu besoffen rum­­grölen, wenn es keine Zuhörer gibt?

Auch helfen Weihnachtsmärkte den Winzern zuverlässig dabei, ihren misslungenen Wein aus dem Vorjahr ökologisch unbedenklich zu entsorgen. Ja, sogar komplett ungenießbare Spirituosen hart an der Grenze zum Haushaltsreiniger können dabei als »Schuss« nicht nur unter, sondern auch in die Leute gebracht werden. Und das seltene rotnasige Rentier wäre mit Sicherheit längst ausgestorben, würde es nicht extra für unsere Weihnachtsmärkte regelmäßig nachgezüchtet.

Gut, aus Konsumentenperspektive mag es auf den ersten Blick sinnlos ­erscheinen, sich bei meist miesem Wetter und Temperaturen um den Nullpunkt unter freiem Himmel zu versammeln, um nutzloses Zeug zu kaufen, ungesundes Essen zu sich zu nehmen und sich die Birne mit Fusel wegzu­ballern. Dank Amazon und Lieferando könnte man das ja auch auf der heimischen Couch haben. Doch die Natur in ihrer unendlichen Weis … äh … Bosheit hat uns eben als soziale Wesen designt. Nicht in dem Sinne zwar, dass wir verantwortungs- und respektvoll miteinander umgehen, aber immerhin in dem Sinne, dass wir unsere Verantwortungs- und Respektlosigkeit erst dann richtig genießen können, wenn wir sie in Gemeinschaft ausleben. Wozu be­soffen rumgrölen, wenn es keine Zuhörer gibt? Wozu in hohem Bogen fünf ­Liter süße Plörre an lauwarmem Grünkohl, matschigen Bratkartoffeln und verbrannten Maronen erbrechen, wenn niemand die Spritzer abbekommt? Und mit ausgefahrenen Ellbogen durch eine Menschenmenge rammeln, sieht ohne Menschenmenge doch einfach nur dämlich aus.

Schlimm ist natürlich die Beschallung: Knabenchöre, die mit ihren präpubertären Fiepsstimmen jede noch so stille Nacht zerkreischen, dazu Block- und Quer- und sonstigen Flöten, die den Rest des Jahres völlig zu Recht im Schrank verstauben, und unmotiviertes Gedudel schwer depressiver Jazzstudenten, die sich mit »Last Christmas« in Endlosschleife die Miete für den Winter zusammenmucken. Aber genau diese kakophone Melange brauchen wir eben, um mit der nötigen Grundaggression durch die versammelten Menschenmassen zu pflügen und uns damit frühzeitig für die eigentliche Challenge der Weihnachtszeit abzuhärten: all die gegenseitigen Erniedrigungen und verlogenen Freundlichkeiten im familiären Feindkontakt unterm Lichterbaum.

Schon deswegen ist es fatal, wenn nun die Weihnachtsmärkte pandemiebedingt abgesagt werden. Noch blöder ist allerdings der Versuch, sie mit 3G, 2G oder 2G plus doch stattfinden zu lassen und das libertär-faschistoide Eso-Deppenheer der Ungeimpften auszusperren. Umgekehrt würde ein Nikolausstiefel draus: Mit 0G könnte man die doch dazu bringen, sich – ganz zwanglos – an zentralen Orten selbst zusammenzutreiben, um den nach lustigen Eierpunsch- oder Lumumba-Trinkspielen halb Bewusstlosen den uns alle schützenden Schuss zu versetzen. Ja, Weihnachtmärkte sind toll. Im Kleinen wie im Großen können sie den »gesellschaftlichen Zusammenhalt« ­stärken, von dem neuerdings alle reden. Man muss ihre Potentiale nur ausschöpfen. Darauf einen »Glüh«!

Von Markus Liske

 

Im Weihnachtsgedränge

Weihnachtsmärkte sind das Gegenstück zum seelenlosen Kommerz, nämlich eine unerträgliche Mischung aus stickiger Gemütlichkeit und Authentizitätsgedusel.

Mein Name ist Elke und ich kann Weihnachtsmärkte nicht ausstehen. Das liegt weniger daran, dass sie von Weihnachten handeln, jedenfalls im Idealfall. Nein, sie fallen für mich einfach in die gleiche Kategorie wie Mittelalter- und Gauklermärkte und was es sonst nicht alles für Märkte gibt, von denen sie sich allenfalls durch das schlechtere Wetter und die sogenannte Besinnlichkeit unterscheiden.

Was Besinnlichkeit eigentlich ist, weiß man nicht so genau. Vielleicht ist es der Geruchsmix aus zu lang erhitztem Billigwein, sehr viel, wirklich sehr, sehr viel Anis enthaltenden Bonbons, nach vor sich hin kokelnden Räucherstäbchen, verbrannten Mandeln und kleineren Kotzepfützchen. Oder der Geräusch­mix aus »Last Christmas«, »Jingle Bells« und irgendwas von Helene Fischer plus Gesprächsfetzen. »Liquiditätsplanung ohne Flexibilität ist ein No-Go«, »I gave you my heart«, »Hast du gesehen, wie die heute wieder angezogen war«, »Jingle all the way«, »Mama, Sören sagt, ihm ist schlecht«, »Alles schläft; einsam wacht«.

Was Besinnlichkeit eigentlich ist, weiß man nicht so genau.

Vielleicht ist es aber auch das Gedrängel und Geschiebe und Gedrücke, um einen tollen Platz ganz vorn bei den Auslagen von Verkaufsbude A oder Getränkestand B zu ergattern. Und der Umstand, dass Menschen bedauerlicherweise nicht nur im Sommer ungünstig riechen können und es entsprechend weder schön noch besinnlich ist, ständig mit ihren durchgeschwitzten ­Jacken in Berührung zu kommen. Vielleicht sind es aber auch die dargebotenen Waren. Sie unterscheiden sich kaum von dem Zeugs, das es auch in Drogerie-Supermärkten gibt: Kerzen, Engelchen, Bonbons, Weihnachtsmännern, Lutscher, Tees mit Geschmack nach diesem & jenem, Dekokugeln, Bio­wurst, Heilmittel aller Art, Seife, Holzschalen, Deckchen und Gedöns, alles aber handgemacht oder mundgeblasen, von echten Künstlern, die das ganze Jahr über werkeln und schaffen, um kurz vor Weihnachten dem die entsprechenden Märkte besuchenden Teil der Menschheit eine große Freude zu machen – wenn dieser es denn schafft, sich zur Verkaufsbude durchzudrängeln, wo all die besinnliche Dekoration herumhängt plus Plakate und Kärtchen mit kunstvoll handgeschriebenen Sinnsprüchen, die sich auch auf Demos von Coronaleugnern gut machen würden.

So viel Besinnlichkeit hat natürlich ihren Preis, klar, aber wo bekommt man sonst schon derart hochwertige Waren wie handgeschöpfte Ringel­blumencreme im Jutesäckchen oder den eigenen Namen auf ein selbstverständlich hochwertiges Stück Holz gebrannt für 19,90 Euro zusammen mit dem natürlich anregenden und enorm tiefgehenden Gespräch mit dem Künstler oder Heilkundigen persönlich, das zum Nach- und Weiterdenken anregt.

Und erst der Schmuck! Authentische Holzperlen aus frei und unbeschwert aufgewachsenen skandinavischen Moorfichten, an denen noch echte Rentiere geknabbert haben und die nicht etwa brutal gefällt wurden, sondern im Rahmen eines schamanischen Rituals fast freiwillig zu Boden sanken, um das ­Leben von Menschen auf der ganzen Welt zu bereichern. Ganz traditionell wurden diese einmaligen Naturstücke außerdem noch per Hand aufgefädelt. Und natürlich bringt so eine Kette eine ganz andere Energie mit, wunderbar – gut, dass da nur ganz klein »Made in China« draufsteht, sieht halt auf den ersten Blick bisschen blöd aus, aber das ist natürlich nur ein ironischer Kommentar, wie die Künstlerin persönlich versichert, gerichtet gegen die kalte, seelenlose Welt des Kommerzes und oh, was müffelt denn da auf einmal, ach so, da hinten macht gerade jemand ein Kotzepfützchen, aber was soll’s, das ist Leben – Leben! Einmalig in allen seinen Facetten, laut und bunt und herrlich und wie nett, zur Kette gibt’s kostenlos noch eine kalligraphierte Karte mit einem wunderbaren Spruch, irgendwas mit Frieden und Freiheit und noch was. Aber nun erst mal zu dem Stand mit den herrlichen Ohrenkerzen, aus richtigem Bienenwachs, selbstverständlich um Mitternacht geerntet, weil sich dann die Heilwirkung erst so richtig entfalten kann. Obwohl, vielleicht doch vorher noch schnell zum Bratwurststand? Ah, das ist ja der vom Mittelaltermarkt mit dem Holzkohlengrill, wie schön, und hör mal, sie spielen »O Tannenbaum«, hach, ist das besinnlich.

Von Elke Wittich