Ein Bericht von der 27. Rosa-Luxemburg-Konferenz

Die Leiden des Beobachters

Auf der 27. Rosa-Luxemburg-Konferenz vergewisserten sich antiimperialistische Linke ihrer selbst.
Kolumne Von

»Qual, oh Qual, wird das nicht anders doch einmal«, singen gegen Samstagmittag »Die Grenzgänger« und liefern damit ein heimliches Motto der 27. Rosa-Luxemburg-Konferenz, deren offizielles weitaus optimistischer ist: »Krieg und Leichen – die letzte Hoffnung der Reichen«. Was hier online präsentiert wird, ist das alljährliche Klassentreffen der antiimperialistischen Linken rund um die Tageszeitung Junge Welt – mit internationalen Gästen.

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Da muss es immer um alles gehen. Russland, China, Kuba, Bolivien, Äthiopien, Globalisierung, Erderwärmung, Kapitalismus – alles wird gestreift, wenig verstanden. Am Ende der Kaskade von Schlagwörtern soll herauskommen, dass der dreimal verfluchte Ami die Hauptschuld am Elend trägt. Der Unordnung der Welt begegnet man, indem man sie säuberlich sortiert: Dort der Feind, hier sind wir – selbst wenn man sich dann unversehens auf der Seite von Diktatoren und Autokraten mit durchaus imperialistischen Ambitionen wiederfindet.

Gleich zu Beginn erzählte Dmitrij Nowikow von der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation munter, wie die USA mit fake news und Bewusstseinsmanipulation einen Krieg gegen sein Heimatland vorbereiteten. Während Russland bei der Niederschlagung der Proteste in Kasachstan behilflich ist, was bislang nach offiziellen Angaben mindestens 164 Todesopfer gefordert hat, hören sich über 800 Teilnehmer der Konferenz an, dass die USA mit Facebook und Hollywood an der »intellektuellen und geistigen Versklavung des Menschen und der Menschheit« arbeiteten. Zwischen Nowikows fieberhafte Tiraden über das »Parasitentum des Imperialismus«, »die Taschen der Finanzmonster« und das »Schmarotzertum ganzer Gesellschaftsschichten und Staaten, die keinen Anteil an der Produktion haben«, passte dann noch die Sorge um die Jugend. Diese werde nämlich durch die sozialen Medien verwirrt mit »Multikulturalismus, Toleranz und der LGBT-Gemeinschaft«. Internierungen der Uiguren in China gebe es ebenso wenig wie iranische Aggressionen gegen Israel oder russische gegen die Ukraine, so Nowikow.

Nach diesem Propagandafeuerwerk empfahl sich die Junge Welt dann erst einmal zum Abonnement, bevor der Rausch weiterging. Eine kubanische Hochschulrektorin machte deutlich: »Denen, die wollen, dass wir zwei Parteien haben, sagen wir: nein!« Vom »Jugendpodium« ging die Forderung aus, Fridays for Future endlich mal zentralistisch zu organisieren. Rania Khalek, die unter anderem für RT und Electronic Intifada gearbeitet hat, hielt man für berufen, sich über Medienmanipulationen durch die USA auszulassen. Und der ehemalige Vorsitzende der britischen Labour Party, Jeremy Corbyn, der die Tagung lustigerweise mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung verwechselte, jammerte über Antisemitismusvorwürfe, die ihn als Antirassisten besonders träfen.

Im Tagungsprogramm ging dann auch der eine oder andere richtige Punkt unter. Beispielsweise wurde die Aufmerksamkeit im Rahmen eines etwa halbstündigen »Politischen Gesprächs« auf das brisante Thema Berufsverbote – am 28. Januar jährt sich die Einführung des sogenannten Radikalenerlasses zum 50. Mal – und die tatsächlich skandalöse Beobachtung der Jungen Welt durch den Verfassungsschutz gelenkt. Doch Qual, oh Qual, der Pseudo-Antiimperialismus muss sich Größerem zuwenden: China und Russland vor dem Ami zu beschützen.