»Nie wieder Krieg«, das dreizehnte Album von Tocotronic

Es gibt sie immer noch

»Nie wieder Krieg«, das mittlerweile dreizehnte Album von ­Tocotronic, wartet erneut mit der Mischung aus Privatem und ­Politischem, Intimem und Ambivalentem auf.

Vor kurzem kursierte ein Tweet, der darauf hinwies, dass zu jeder Phase der Covid-19-Pandemie ein passender Tocotronic-Song existiere – von »Sag alles ab« über »Digital ist besser« bis zu »Jetzt geht wieder alles von vorne los«. Das war witzig gemeint und obendrein wahr: Das Gefühl des Allein- und Ausgeliefertseins spielte in den Texten der Band immer eine wichtige Rolle, ebenso wie die Sehnsucht nach einem solidarischen Miteinander, allerdings eben unter der Wahrung einer angemessenen Distanz. Wie man diese Spannung ausstellt und aushält, zeigen Toco­tronic auf ihrem 13. Studioalbum »Nie wieder Krieg« so abgründig und vielfältig wie kaum jemals zuvor.

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Bereits im Frühjahr 2020 hatten Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail ihren Song »Hoffnung« veröffentlicht, der als »Ein kleines Stück lyrics and music/Gegen die Vereinzelung«, wie es im Text heißt, im Lockdown aufmunterte. Bei all der Selbstironie, all den Diskursen und all dem Bedeutungsüberschuss, die die Band stets zele­brierte, galt stets auch: Wer Tocotronic gerne hört, will verstanden werden – und hoffen dürfen. Zugleich lieferte die Band immer schon den Gegenentwurf mit, das Aber und den Zweifel. Auch »Nie wieder Krieg« ist verzückend und verwirrend zugleich – eine beruhigende Platte mit unruhigem Unterton.

Tocotronic präsentieren sich auf »Nie wieder Krieg« verspielt, so als hätten sie die mitreißendsten Parts ihrer bisherigen Alben herausgefiltert und zu neuen Stücken verdichtet.

Allein der Titel des Albums könnte nicht nur die deutsche Friedensbewegung, sondern auch manche Hörerinnen und Hörer irritieren. Die zwölf Stücke drehen sich, man ahnt es, mitnichten um Käthe Kollwitz oder Kurt Tucholsky, sondern, wie Dirk von Lowtzow im Titelsong die Richtung weist, um den »Krieg in uns, in dir, in mir«. Aus der Bewegungs­parole machen Tocotronic, von Pathos und Glocken begleitet, einen emo­tionalen Befreiungsversuch. Erzählt werden Geschichten von Menschen, die sich »im Krieg mit sich selbst befinden«, so Lowtzow im Gespräch mit der Jungle World. »Nie wieder Krieg« sei für sie »fast ein Schrei nach Gnade«.

Nach wie vor geht es ums Ausbrechen. Besangen Tocotronic einst die Schönheit des Scheiterns und der »Kapitulation«, kokettiert »Nie wieder Krieg« konsequenterweise mit Selbstauflösung. »Die Welt verändert sich ohne mich«, lautet das Verdikt in einem der schönsten Stücke. »Ich gehe unter / Ferner liefen / In die Geschichte ein«, so die Pointe. In der ergreifenden Ballade »Ich tauche auf«, dem ersten Duett der Bandgeschichte, singen von Lowtzow und Anja Plaschg, besser bekannt als Soap & Skin: »Ich kann nur eine Viertelstunde im Schlund überstehen«. Schlünde, Ängste, Schuld – Tocotronic zeigen sich hier äußerst rührend und intim.

Wird das Ego sonst optimiert und identitär verklärt, schaffen Tocotronic es einfach ab. Zugleich aber schöpfen die Texte wie schon auf dem ­Roten Album (»Tocotronic«, 2015) und der stark autobiographisch geprägten Platte »Die Unendlichkeit« (2018) aus eigener Erfahrung. Diese persönliche Note mag bemerkenswert sein für eine Band, die Konzepten wie Authentizität immer eine Absage erteilte. Und doch: Auf »Nie wieder Krieg« gelingt der wohl schlauesten Rockband weit und breit das Kunststück, sich Intimem hinzugeben, ohne sich davon überwältigen zu lassen.

Auch wenn ein Stück wie »Crash«, das von Kindheitserinnerungen im Moment eines Unfalls handelt, durchaus nostalgisch ist, können Toco­tronic ergreifen, ohne mit Sentimentalitäten zu tricksen. Wobei es ja durchaus ein alter Kniff ist, die Existenzfragen mit eingängigem Songwriting zu kontrastieren. »Panikattacken, auch wenn kein konkreter Grund besteht / Als ob mir der Tod ins Herz geschrieben steht«, klagt das lyrische Ich etwa in »Leicht lädiert«, während im Hintergrund hübsche Neunziger-Jahre-Gitarrenriffs zu hören sind. Wo sich »Die Unendlichkeit« auch in gedehntem Post-Rock verlieren konnte, ist »Nie wieder Krieg« musikalisch zugänglicher. Selten probierten Tocotronic so viele Facetten von Pop aus.

Die Gitarren tönen sanft oder flirren sehnsüchtig wie eh und je; Arne Zanks Schlagzeug begleitet scheppernd oder sanftmütig; Streicher und Piano tragen Feinsinniges bei. Tocotronic präsentieren sich auf »Nie wieder Krieg« verspielt, so als hätten sie die mitreißendsten Parts ihrer bisherigen Alben herausgefiltert und zu neuen Stücken verdichtet. Die Songs wurden im Studio in gemeinsamen Sessions eingespielt.

Über 25 Jahre nach ihrem Debüt­album »Digital ist besser« scheinen Tocotronic gar zu den lässigen Slogans der Hamburger Jahre zurückzufinden: Gleich drei Songtitel hinter­einander fangen mit dem Wort »Ich« an. Aussagen wie »Komm mit in meine freie Welt« und »Unter dem Pflaster liegt nur der Sand« machen bei aller Intimität klar, dass »Nie wieder Krieg« auch wieder ein anspielungsreiches Plädoyer für Empathie und Emanzipation ist. »Das ­Politische verweist auf das Psychologische und das wiederum auf das Politische zurück«, sagt von Lowtzow über das von Tocotronic perfektionierte Spiel mit Worten. »Nie wieder Krieg« ähnele einem »Archivspeicher all dieser Parolen der sozialen und emanzipatorischen Bewegungen«. Das kulminiert in dem Song »Jugend ohne Gott gegen Faschismus«, dem Highlight der ­Plakatspruch-Songs, eine, so von Lowtzow, »Summer-in-the-City-Hymne mit Antifaschlagseite«, symbolträchtig einen Tag vor der Bundestagswahl als Single veröffentlicht. Tocotronic sind klug genug, auf ­einer Platte ­namens »Nie wieder Krieg« vom Faschismus nicht zu schweigen.

Der hypnotische Slackersong, dessen Titel Ödön von Horváths Roman »Jugend ohne Gott« und Sonic Youths »Youth Against Fascism« verknüpft, feiert die abhängende und skateboardende Jugend. In Zeiten von neuen Nazis, Verschwörungstheorien und sonstiger Regression stimmt die junge Großstadtgeneration von Lowtzow optimistisch: »Sie sind ­antipatriarchal, antifaschistisch, im weitesten Sinne ohne Gott. Als Be­obachter blickt man auf diese Szenerie und ist eigentlich total beglückt davon, wie alright die sind.« Ja, The Kids Are Alright.

Ohnehin ziehen sich Tröstendes und Mutmachendes durch die Platte. »Sie können erleichtert sein / Man wird Ihnen bald verzeihen«, beruhigt schon der Titelsong; »Spürst du nicht die Liebe / Sie verdunkelt den Hass, nur so zum Spaß«, frohlockt von Lowtzow im Abschlussstück, dessen beschwingten Kitsch man sofort verzeiht. Das famose »Nachtflug« begleitet indes des Sängers Alter Ego durch die Berliner Nacht – vermutlich noch nie hat jemand die Worte »Siegessäule« und »Ostkreuz« so hübsch artikuliert. Und wohl nur deshalb zögert man, diesen psychedelischen Suffsong auch als solchen zu benennen.

Auch begegnen Tocotronic, einst angetreten gegen Musikmacker und rührseligen Quatschpop, den alltäg­lichen Traumatisierungen mit ironischer Raffinesse. »Ein Monster kam am Morgen« macht aus dem Blick in den Spiegel einen eskapistischen Traum (»Eine Entführung wünsch ich mir so sehr«) und in »Ich hasse es hier« wird das Leiden am Liebeskummer mit Tiefkühlpizza verglichen.

»Nie wieder Krieg« ist ein lustvoller, zärtlicher Versuch über das Zerbrechen und Vergehen, eine Feier der Fragilität und, natürlich, der Hoffnung. Der gleichnamige Song, entstanden vor der Pandemie, sollte Dirk von Lowtzow zufolge ursprünglich nicht nur existentielle Einsamkeit beschreiben, sondern auch, »wie sich ein Song selbst generieren kann«. So ist »Nie wieder Krieg« auch Einblick ins Schaffen einer Band, die ihre Rolle im Popbetrieb immer reflektiert hat. An einer Stelle heißt es: »Es gibt uns immer noch / Wir sind noch nicht vorbei / Das ist ein Hilfeschrei«. Beunruhigend und tröstlich zugleich. So wie diese wundersame Platte.

Tocotronic: Nie wieder Krieg (Vertigo)