»Madres paralelas«, der neue Film Pedro Almodóvars

Von Geburten und Exhumierungen

Den filmischen Blick auf Mutterfiguren kennt man von Pedro Almodóvar. Im neuen Film des Regisseurs spielt aber auch der Umgang mit der faschistischen Geschichte in Spanien eine entscheidende Rolle.

Jeder Mensch sollte erfahren, woher er gekommen ist und wohin seine Vorfahren gegangen sind. Um dieses private, aber auch politische Thema dreht sich »Parallele Mütter«, der 23. Langfilm des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar.

Ein Filmposter für dieses vielschichtige Werk war interessanterweise schon vor 13 Jahren in »Zer­rissene Umarmungen« zu sehen. Wie schon in »Alles über meine Mutter« (1999), »Volver« (2006) oder »Julieta« (2016) geht es Almodóvar wieder ­einmal um unterschiedliche Muttertypen – die es dieses Mal allerdings mit ganz erheblichen Abgründen zu tun bekommen.

Da ist zunächst Janis, die von Almodóvars Muse Penélope Cruz dargestellt wird. Seit über 25 Jahren arbeitet sie mit dem Regisseur, in sieben Filmen des mittlerweile 72jährigen hat sie bereits mitgespielt. In seinem vorherigen, semiautobiographischen Film »Leid und Herrlichkeit« (2019) verkörperte sie seine geliebte Mutter in jungen Jahren.

Die Frage der Exhumierung von Francos Opfern entpuppt sich glücklicherweise nicht als rein dramaturgischer Kniff, um die Hauptfiguren des Films zusammenzubringen. Im Verlauf des Melo­drams wird immer deutlicher, wie sehr Almodóvar dieses unbewältigte Trauma am Herzen liegt.

Die Enddreißigerin Janis, die Cruz in diesem Melodram spielt, ist Fotografin und engagiert sich für die Exhumierung eines Massengrabs in der Nähe des Dorfs, in dem sie aufgewachsen ist. Ihr Urgroßvater wurde dort nach seiner Ermordung gemeinsam mit neun anderen Männern verscharrt. Er war eines der über 75 000 Opfer der von General Francisco Franco angeführten Falangisten im Spanischen Bürgerkrieg. Während die spanische Regierung immer noch nicht daran interessiert ist, diesen finsteren Teil der Geschichte aufzuarbeiten und die von den Faschisten Getöteten in würdige letzte Ruhestätten zu überführen, versuchen die Dorfbewohnerinnen und -bewohner, die Exhumierung ihrer Toten privat zu organisieren. Es handelt sich hauptsächlich um Frauen, die ihren Ehemännern, Vätern und Großvätern endlich das letzte Geleit geben wollen. Eine der Figuren wird von Almodóvars Stammschauspielerin Julieta Serrano dar­gestellt.

Nachdem Janis den forensischen Anthropologen Arturo (Israel Elejalde) fotografiert hat, fragt sie ihn, ob er dabei helfen würde, eine Freilegung der Gräber zu erwirken. Als Mitglied einer Stiftung zur Bewahrung des historischen Andenkens und mit sichtlichem Interesse an der attrak­tiven Fotografin sagt er zu.

Die Frage der Exhumierung von Francos Opfern, die auch heutzutage noch die spanische Gesellschaft polarisiert, entpuppt sich glücklicherweise nicht als rein dramaturgischer Kniff, um die beiden zusammenzubringen. Im Verlauf des Melodrams wird immer deutlicher, wie sehr ­Almodóvar dieses unbewältigte Trauma am Herzen liegt. Das zeigen auch Janis’ vor Wut funkelnde Augen, wenn sie sagt, der Krieg werde nie vorbei sein, wenn man nicht endlich die Wahrheit ans Licht bringe.

Janis und Arturo verbringen einen leidenschaftlichen Liebesnachmittag miteinander und – so schnell kann’s manchmal gehen – nach einem von vielen genialen Schnitten von Teresa Font ist in der nächsten Szene bereits zu sehen, wie Janis hochschwanger im Krankenhaus in den Wehen liegt. Sie ist glücklich über diesen »Unfall«. Dem verheirateten Arturo hingegen wäre eine Abtreibung lieber gewesen, da seine Ehefrau mit einer Krebserkrankung kämpft.

Janis, die nach Janis Joplin benannt wurde, hat bereits beschlossen, das Kind allein großzuziehen – wie es schon ihre Mutter und Großmutter taten. Ihre reizende Bettnachbarin, die 17jährige Ana – eine großartige Entdeckung: Milena Smit –, bereut es dagegen zutiefst, schwanger geworden zu sein. Weshalb das so ist, wird die schüchterne junge Frau Janis erst viel später verraten. Auch dies ist eine Szene, wegen der man den spanischen Regisseur wieder einmal für seine tiefe Empathie für Frauen beglückwünschen möchte. »We should all be feminists« steht sehr auffällig auf einem T-Shirt, das Janis in einer Szene trägt.

Rasch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen weibliche Solidarität, die während der gesamten Handlung erhalten bleibt, aber auch auf eine harte Bewährungsprobe ­gestellt wird.

Den dritten Muttertypus, den Almodóvar einführt, verkörpert Teresa (Aitana Sánchez-Gijón), eine sehr selbstbezogene Frau in den mittleren Jahren, die ihre minderjährige Tochter im Krankenhaus besucht. Sie ist nach Almodóvars Maßstäben eine miserable Mutter. Teresa ist ihre noch am Anfang stehende Karriere als Schauspielerin viel wichtiger als die bemitleidenswerte Tochter. Ana ist bei ihrem kaltherzigen Vater aufgewachsen, wurde aber schwanger zu ihrer Mutter nach Madrid zurückgeschickt.

Gleichzeitig gebären die künftigen Alleinerziehenden Janis und Ana – zur dramatischen Filmmusik von Almodóvars Stammkomponist Alberto Iglesias – ihre Babys. Beide Kinder müssen gleich nach der Geburt für kurze Zeit auf die Beobachtungs­station.

Janis und Ana tauschen ihrer Telefonnummern aus, dann kehrt jede für sich in die für Almodóvars Filme typische, elegante und farbenfrohe Welt der oberen Mittelschicht zurück, die wieder einmal der Produktionsdesigner Antxón Gómez ausgestattet und der Stammkameramann José Luis Alcaine perfekt abgelichtet hat. In dieser Welt, in der ein Kinder­zimmer zu jeder Tages- und Nachtzeit aussieht wie in einem Katalog für hochwertige Möbel, ist es selbstverständlich, eine Haushälterin und ein Kindermädchen zu haben. So kann Janis schon bald wieder ihrer Beschäftigung als Fotografin nachgehen. Ihre schrille Freundin Elena, die von der stets beeindruckenden und aus anderen Filmen Almodóvars bekannten Rossy de Palma verkörpert wird, versorgt sie als Chefin einer Modezeitschrift mit Aufträgen.

Trotz aller Bequemlichkeiten und finanzieller Absicherung haben es Janis und Ana in ihrem Alltag als Mütter jedoch nicht leicht – zumal das Schicksal ihnen einen schlimmen Streich gespielt hat, der Janis in eine entsetzliche Situation bringt und das Melodram an der Grenze zur Soap Opera entlangschlittern lässt. Dank Almodóvars Regiekunst und den herausragenden Hauptdarstellerinnen – Cruz erhielt für die komplexe Rolle der Janis auf den Filmfestspielen in Venedig zu Recht den Preis für die beste Hauptdarstellerin – rutscht das Drama jedoch nie ins Seichte ab, wie man es aus lateinamerikanischen Telenovelas kennt.

Im Gegenteil: Kunstvoll verflicht Altmeister Almodóvar immer stärker das Private und Politische und zeigt auf, dass man sich im Kleinen wie im Großen Traumata und geschehenem Unrecht stellen muss, bevor das Leben weitergehen kann. Das gilt sowohl für die Bewältigung des spanischen Traumas aus der Zeit des Faschismus als auch für die belastenden Geheimnisse des Einzelnen. Auch Janis muss letztlich einsehen: Ohne Wahrheit, mag sie auch noch so schmerzlich sein, gibt es keine Freiheit und keinen Neubeginn. Oder wie es im Abspann – nach einem Zitat des Schriftstellers Eduardo Galeano – heißt: »Geschichte ist niemals stumm. Egal wie sehr sie in Brand gesetzt oder kaputtgemacht wird, egal wie viele Lügen erzählt werden, die menschliche Geschichte weigert sich, den Mund zu halten.«

Parallele Mütter (Spanien 2021). Regie: ­Pedro Almodóvar. Mit Penélope Cruz, Israel Elejalde, Milena Smit, Aitana Sánchez-­Gijón, Julieta Serrano und anderen. Filmstart: 10. März