Small Talk mit Anton Dorokh über die ukrainische Gruppe Vitsche Berlin

»Falsches Verständnis von Pazifismus«

Seit einigen Wochen organisiert die Gruppe Vitsche in Berlin Proteste gegen den russischen Angriffskrieg. Die »Jungle World« sprach mit einem der Gründer, Anton Dorokh.
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Wer steht hinter Vitsche und warum wurde die Gruppe ge­gründet?

Offiziell sind wir noch nicht als Verein registriert, aber das ist der nächste Schritt. »Vitsche« ist ein altslawisches Wort, welches eine politische Versammlung meint. Das Wort wurde vor allem während der Maidan-Proteste (die 2014 zum Sturz des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch führten, Anm. d. Red.) populär. Als Russland Mitte Januar damit begann, Truppen an der ukrainischen Grenze zu stationieren und nicht wirklich jemand dagegen protestierte, entschieden wir uns, das selbst in die Hand zu nehmen. Am 30. Januar fand dann schließlich die erste von uns organisierte Demonstration in Berlin statt. Hinter Vitsche stehen derzeit circa 60 junge Aktivistinnen und Aktivisten, die sich in ihrer Freizeit engagieren und unter höchster psychischer Belastung durch die aktuelle Situation stehen. Einige von ihnen haben seit Kriegsbeginn ihren Job gekündigt und arbeiten bis zu zwölf Stunden täglich für Vitsche. Wir sind Teil einer Allianz ukrainischer Organisationen, die Pro­teste organisieren.

Was sind die Forderungen von Vitsche?

Das hängt von der sich stetig verändernden politischen Situation ab. Vorvergangene Woche forderten wir vor allem die Nato dazu auf, eine Flugverbotszone über der Ukraine durchzusetzen. Denn Menschen sterben durch russische Bomben und das ukrainische Militär hat keine ausreichende Luftabwehr. Unsere zweite Forderung ist die komplette Isolation Russlands, also nicht nur Nord Stream 2 aufzugeben, sondern auch 1 abzustellen, kein russisches Gas und Öl mehr zu importieren, keine russischen Produkte mehr in Europa zu vertreiben und jegliche Zusammenarbeit mit Russland zu beenden. Das ist der einzige gewaltfreie Weg, Russland zu beeinflussen.

Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie?

Wir wollten uns der ersten großen Friedensdemo in Berlin nach Beginn der Invasion anschließen. Doch die Organisatoren hatten kein Interesse daran, uns eine Bühne zu geben, weil wir Defensivwaffen für die Ukraine forderten. Das ist ein falsches Verständnis von Pazifismus – es ist niemandem geholfen, wenn man der Ukraine Waffen verweigert. Wir Ukrainer leben nun seit acht Jahren mit Krieg vor unserer Tür. Wir wissen, wie es ist, zu Flüchtlingen zu werden, Menschen, die wir lieben, zu verlieren, trau­matisiert zu werden. Ich habe das Gefühl, dass Menschen im Westen vergessen ­haben, wie es sich anfühlt, im Krieg zu leben.

Viele Linke scheinen nicht zu verstehen, was Krieg wirklich bedeutet. Nicht weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil sie diese Erfahrung nicht machen mussten. Sie sind privilegiert. Wir sind keine Waffenliebhaber, am liebsten würden wir nichts damit zu tun haben, die Realität ist aber, dass unser Land gerade Waffen braucht, um zu überleben und sich zu verteidigen – nicht um anzugreifen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir haben das Gefühl, dass die Bundesregierung die Tragweite der aktuellen Situation noch nicht komplett begriffen hat. Die Zustände an den deutschen Bahnhöfen, wo gerade immer mehr ukrainische Flüchtlinge ankommen, werden sich weiter verschlimmern. Wir hoffen, dass die Solidarität, welche die Ukraine derzeit erfährt, keine Modeerscheinung ist und länger als zwei Wochen anhält, wenn die Flüchtlingsströme hier erst sichtbar werden.