Die Debatte über Andrij Melnyk zeugt von Unkenntnis der ukrainischen Verhältnisse

Der Fall Melnyk

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat den Faschistenführer Stepan Bandera öffentlich verharmlost und wurde kurz darauf ­abberufen. Die Diskussion darüber zeigt, dass die Ukraine in Deutschland meist nur Projektionsfläche ist. Für die Widersprüche und politischen Konflikte des Landes interessiert man sich kaum.

»Andrij Jaroslawowytsch Melnyk wird vom Posten des außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafters der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland entbunden.« Mit diesen knappen Worten verkündete ein Erlass des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr ­Selenskyj am Samstag das Ende der Tätigkeit Melnyks in Berlin.

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Die Entscheidung kam nicht aus heiterem Himmel. Kurz zuvor hatte sich das ukrainische Außenministerium offiziell von einer Aussage Melnyks distanziert. In einem Interview mit dem Journalisten Thilo Jung hatte Melnyk über das Wirken des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera gesprochen. Bandera war Anführer einer Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), der OUN-B (das B steht für Bandera) und ihres militärischen Arms, der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA). Während des Zweiten Weltkriegs bestand deren nationaler Befreiungskampf vor allem im Massenmord an der jüdischen und polnischen Bevölkerung in der Westukraine, in der Banderas Stellvertreter Jaroslaw Stezko 1941 nach dem Einmarsch der Deutschen eine ukrainische Regierung ausgerufen hatte. Melnyk hatte dies im Interview geleugnet und gesagt: »Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen.« Wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem widersprechen, bezeichnete er als russische Propaganda.

Melnyk entstammt dem spezifischen Milieu des west­ukrainischen Nationalismus. In anderen Regionen war der Bandera-Kult bis 2014 kaum verbreitet.

So mancher deutsche Politiker mag klammheimliche Freude über die Entscheidung aus Kiew empfunden haben. Die Redaktionen von Fernsehsendern und Presse verlieren dagegen einen Gesprächspartner, der mit seinem skan­dalträchtigen Auftreten in Interviews und Talkshows immer für Schlagzeilen gut war. Gerade deshalb sollte das Inter­view, das Thilo Jung in seiner Youtube-Sendung »Jung und Naiv« mit Melnyk führte, vielen deutschen Medien peinlich sein. Jung musste nämlich keine raffinierten journalistischen Tricks anwenden, um dem in den vergangenen Monaten medial verbreiteten Bild von Melnyk einen heftigen Stoß zu versetzen. Er fragte einfach stoisch nach, wenn Melnyk eine Frage nicht beantworten wollte, und widersprach ihm, wenn er die Unwahrheit sagte – wobei er sich nicht auf esoterisches Fachwissen, sondern auf allgemein zugängliche historische Fakten bezog.

Andere deutsche Medien hatten den Botschafter als authentische Stimme der Ukraine gezeichnet, sein offensives Auftreten und seine Polemiken bis hin zu Beleidigungen deutscher Politiker und Kulturschaffender galten als emotionaler Ausdruck seiner Verzweiflung wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine. Viele waren offenbar bereit, es einfach als rückständige nationale Folklore abzutun, dass Melnyk im April 2015, wenige Monate nachdem er das Amt des ukrainischen Botschafters in der Bundesrepublik übernommen hatte, Blumen am Grab Banderas in München niederlegte; Bandera war dort 1959 von einem KGB-Agenten getötet worden.

An dem Umgang mit Melnyk ließ sich in konzentrierter Form beobachten, was hierzulande schiefgeht bei der Rezeption politischer und sozialer Entwicklungen in den ehemals realsozialistischen Ländern. Die Ukraine erscheint oft als einheitliches Kollektivsubjekt, nicht als von Widersprüchen durchzogene Gesellschaft, in der in den vergangenen 20 Jahren heftige soziale und politische Auseinandersetzungen stattgefunden haben. Dementsprechend wurde auch Melnyk kaum in diese Auseinandersetzungen eingeordnet. Er wurde als impulsiv und unbeherrscht dargestellt und nicht als rationaler ­politischer Akteur ernstgenommen. Anstatt ihn als Repräsentanten gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen, wurde und wird sein Agieren individualisiert und entpolitisiert. Das ähnelt jener Sichtweise, die, ebenso entpolitisierend und pathologisierend, den Krieg als Resultat des wahnhaften Handelns Putins darstellt.

Aber auch die Teile der Linken, die Melnyk als Repräsentanten eines in der Ukraine hegemonialen Rechtsextremismus ansehen, der das Erbe der Kollaboration mit den Deutschen angetreten habe und in dieser Tradition Bündnispartner deutscher Großmachtbestrebungen sei, ­gehen fehl. Melnyk entstammt einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext in der Ukraine, nämlich dem Milieu des westukrainischen Nationalismus.

In den westukrainischen Gegenden mit der Stadt Lwiw als Zentrum hatte die OUN-UPA ihre Massenbasis. Im Gegensatz zur übrigen Ukraine gehörte diese Region vor dem Ersten Weltkrieg nicht zum Russischen Reich, sondern zur Habsburger-Monarchie. In der Zwischenkriegszeit wurde sie Teil der Republik Polen, weshalb sich der terroristische Kampf der ukrainischen Nationalisten damals vor allem gegen Polen richtete. Als die Region im Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion ging, wurde diese zum Hauptfeind.

In diesem Kontext kollaborierten Bandera und seine Anhänger mit der vorrückenden Wehrmacht. Sie hofften, im Windschatten des deutschen Vormarsches eine unabhängige – und von Juden und Polen »gereinigte« – Ukraine erkämpfen zu können. Bandera verbrachte zwar den größten Teil des Zweiten Weltkriegs als privilegierter Häftling in einem deutschen KZ, aber nicht weil er gegen die Nazis war, ­sondern weil seine Organisation gegen den Willen der Nazis einen eigenstän­digen ­ukrainischen Staat ausgerufen hatte.

In Anspielung auf diese Geschichte bezeichnet die russische Propaganda bis heute alle Ukrainer, die für eine Unabhängigkeit ihres Landes eintreten, als »Banderisten« und diffamiert sie als vom Ausland gesteuerte »Faschisten«. Nachdem die Rote Armee diese Region gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zurückerobert hatte, unterdrückte sie den ukrainischen Nationalismus in einem brutalen Krieg, der sich bis in die fünfziger Jahre zog.

Viele Anhänger Banderas hatten sich damals mit den Deutschen zurück­gezogen. Einige von ihnen blieben in Deutschland, die meisten gingen in die USA, nach Kanada und Australien. Dort gründeten sie Exilorganisationen, von denen manche bis heute aktiv sind. Auch aus diesem Grund suchen ukrainische Nationalisten derzeit eher das Bündnis mit den USA als mit Deutschland.

Als die UdSSR in den achtziger Jahren in eine existentielle Krise geriet, lebte in der Westukraine der Nationalismus erneut auf. Das bis dahin kriminalisierte und im Verborgenen gepflegte Andenken an die OUN-UPA wurde nun zusehends öffentlich zelebriert. Mit Unterstützung der Exilnationalisten entwickelte sich ein Kult um Bandera und die OUN-UPA, der in Westukraine heute allgegenwärtig ist. In Schulen und Universitäten, Filmen und Gedenkveranstaltungen wird ein Bild von Bandera und der OUN-UPA entworfen, das mit der Realität wenig zu tun hat. Er wird als antirussischer Freiheitskämpfer verklärt, die enormen Verbrechen seiner Anhänger werden unter den Teppich gekehrt.

Obwohl der Bandera-Kult außerhalb der Westukraine kaum verbreitet war, gewann er besonders nach dem Maidan und dem Beginn der russischen Aggression ab 2014 auch im Rest des Landes an Popularität. Bandera avancierte auch jenseits des Milieus der Nationalisten zur antirussischen Symbolfigur. 2016 benannte der Kiewer Stadtrat den Moskauer Prospekt in Bandera-Pro­spekt um. Der inzwischen überall zu hörende Slogan »Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!« wurde ursprünglich von Banderas Anhängern genutzt.

Schon Ende der neunziger Jahre hatte der Bandera-Kult zu einem heftigen Konflikt mit Polen geführt. Dieser wurde 2003 durch eine Aussöhnungserklärung der damaligen Präsidenten Polens und der Ukraine, Aleksander Kwaśniews­ki und Leonid Kutschma, formal beigelegt. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Protesten Polens und Israels, wenn Bandera von offizieller ukrainischer Seite gewürdigt wurde.

Die Abberufung Melnyks dürften ihren Grund denn auch vor allem darin haben, dass seine Äußerungen einen Affront gegenüber Polen darstellten – derzeit der wichtigste europäische Verbündete der Ukraine. Aber auch von der massenhaften Beteiligung der UPA am Judenmord haben die durchaus hochgebildeten Anhänger Banderas – Melnyk ist hier kein Einzelfall – schon gehört. Sie leugnen diese halt nur.

Es handelt sich also um einen typischen Fall von Antisemitismus nach der Shoah, den man auch bei den Nachfahren der lokalen Kollaborateure am Judenmord in Osteuropa nicht vernachlässigen darf. Dazu ist es aber nötig, sie als eigenständig Handelnde ernst zu nehmen – und sie nicht als Marionetten des westlichen Imperialismus darzustellen oder ihr Agieren als unreflektierte Reaktion auf die Gewaltgeschichte der Sowjetunion oder des russischen Angriffs auf die Ukraine zu verharmlosen. Die heutigen Anhänger Banderas sind weder die Repräsentanten der gesamten Ukraine – auch wenn sie es gerne wären –, noch sind sie eine unbedeutende Kraft, wie mit Verweis auf die mickrigen Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien und die jüdische Familiengeschichte des Präsidenten gerne behauptet wird.

Sie gehören zu einem Milieu, das mit seinen der Vergangenheit entlehnten Namen, Schlachtparolen und Kostümen an den politischen Kämpfen um jenes Stück Konkursmasse der Sowjetunion teilhat, das unter dem Namen Ukraine firmiert. Um ein Verständnis dieser Auseinandersetzungen hat man sich hierzulande in den vergangenen Jahren kaum bemüht. Der Großteil der Berichterstattung und Diskussionen über die Ukraine sagt mehr über ihre hiesigen Verfasser aus als über die gesellschaftlichen Prozesse dort. Oft werden Geschehnisse in der Ukraine – bruchstückhaft und um alle Widersprüche bereinigt – nur zur Illustration schon vorher feststehender Positionen herangezogen. Der Fall Melnyk ist Ausdruck dieser Situation. Dass sich diese dadurch bessert, ist nicht zu erwarten.