Monika Schwarz-Friesel untersucht den Antisemitismus in der Alltagskommunikation

»Erst Christus, jetzt die Araber«

Hassreden, Herabsetzungen und moralische Belehrungen: Monika Schwarz-Friesel untersucht in ihrem neuen Buch judenfeindliche Äußerungen in der Alltagssprache. Von den Verbotsforderungen der Cancel Culture hält sie allerdings wenig.

Antisemitische Sprachmuster sind tief in kommunikative Gewohnheiten eingeschrieben und werden ständig weitergegeben und aktualisiert. Die Kognitionswissenschaftlerin und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel hat sich in zahlreichen Standardwerken mit dem Zusammenhang von Sprache und Antisemitismus beschäftigt. Ihr neustes Buch, »Toxische Sprache und geistige Gewalt: Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen«, beschäftigt sich insbesondere mit den in der Alltagskommunikation verwendeten Mustern des Antisemitismus. Sie untersucht sowohl expli­zite Hassrede als auch vermeintlich harmlose Äußerungen von Judenfeindschaft. Denn gerade durch den Gebrauch von Sprache im täglichen Leben, so die Autorin, verfestigten sich antisemitische Vorstellungen.

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Als »altes Gift« mit »toxischer Wucht und zerstörerischer Wirkung« beschreibt Schwarz-Friesel den Antisemitismus. Ganz bewusst habe sie in ihrem neuen Buch einen popu­lären und an Metaphern reichen Stil gewählt. Auf diese Weise wolle sie ein größeres Publikum ansprechen und einen Beitrag dazu leisten, die öffentliche Debatte über den Antisemitismus jenseits von Fachkreisen auf eine wissenschaftlichere Basis zu stellen, erklärte Schwarz-Friesel bei der vom American Jewish Committee (AJC) in Berlin ausgerichteten Buchvorstellung im Juni.

Die Autorin betont die frühchristlichen Wurzeln des Antisemitismus und zeigt, wie ein sich seit 2000 Jahren nicht verändernder Kern antijüdischer Vor­­stel­lungen in immer neuen Formen Ausdruck findet.

Der Text beginnt mit einer deutlichen Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Judenfeindschaft: Das Phänomen werde noch immer heruntergespielt. Ergebnisse und Warnungen aus der Forschung würden ignoriert, Wesen und Ursachen der Judenfeindlichkeit nicht richtig erfasst. Die Maßnahmen, welche zur Bekämpfung von Antisemitismus ergriffen wurden, liefen daher seit Jahren ins Leere. Während die deutsche Gesellschaft sich gerne damit brüste, ihre nationalsozialistische Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet zu haben, resümiert Schwarz-Friesel, dass »nicht einmal ein (…) Massenmord an sechs Mil­lionen Juden zu einem tiefgreifenden Umdenken« geführt habe. Bereits in ihrer 2010 erschienenen Studie »Aktueller Antisemitismus – ein Phänomen der Mitte« warnte Schwarz-Friesel davor, dass sich der Antisemitismus in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft immer stärker ausbreitet.

Immer wieder kritisiert Schwarz-Friesel, dass sich der Kampf gegen Antisemitismus oft nur gegen dessen extreme Ausdrucksformen richtet. Manifestationen antijüdischer Vorstellungen in der Alltagssprache, in der Kunst und im intellektuellen Diskurs würden hingegen unter Berufung auf die Kunst- und Meinungsfreiheit legitimiert. Genau dies führe aber dazu, dass sich antisemitische Vorstellung immer weiter normalisieren, so die Autorin: »Wie soll ein weitreichendes Umdenken und Aufarbeiten stattfinden, wenn man nur auf die Springerstiefel-Antisemiten schaut, Bischöfen, Nobelpreisträgern und Gelehrten aber alles durchgehen lässt?«

Gerade »nicht-radikale Kräfte (haben) die Judenfeindschaft über die Generationen getragen« und »sie salonfähig gehalten«, schreibt Schwarz-Friesel. »Gebildeter Antisemitismus ist nicht etwa die Ausnahme in der europäischen Religions-, Geistes und Kulturgeschichte gewesen, sondern durchaus die Regel.« Um weitschweifige Erklärungen, moralische Belehrungen und gute Ratschläge an »die Juden« sei der Bildungsbürger selten verlegen. Begriffe wie »Auschwitzkeule« und »Kritiktabu« suggerierten, dass Antisemitismuskritik ein Mittel zur Unterdrückung freier Debatten sei, und tradierten somit den antisemitischen Verschwörungsmythos, dass Juden als nahezu omnipotente Macht den gesellschaftlichen Diskurs kontrollierten.

Die Autorin betont die frühchristlichen Wurzeln des Antisemitismus und zeigt, wie ein sich seit 2 000 Jahren nicht verändernder Kern antijüdischer Vorstellungen in immer neuen Formen Ausdruck findet. Eine ihrer Hauptthesen lautet daher, dass es so etwas wie einen neuen Antisemitismus eigentlich gar nicht gebe. Auch gegenwärtige Formen der Judenfeindlichkeit basierten letztlich auf den Konzepten des christlichen Antijudaismus, der das Judentum zum Sinnbild des Bösen und Negation der gesellschaftlichen Ordnung erhoben habe.

Das gelte auch für den israelbezogenen Antisemitismus, der schon lange die vorherrschende Form der Judenfeindlichkeit sei. An mehreren Beispielen aus den zahlreichen antisemitischen Briefen, E-Mails und Internet-Posts, die sie im Rahmen ­ihrer Studien analysierte, zeigt Schwarz-Friesel, wie die Vorstellungen der christlichen Judenfeindlichkeit hervortreten, wenn der Staat ­Israel zum »Satan« und »Menschenfeind« stilisiert wird, den es zu zerstören gelte, oder wenn der israelisch-palästinensische Konflikt zu einer Wiederholung der vorgeblichen Ermordung von Jesus Christus durch die Juden umgedeutet wird: »Erst Christus ermordet und jetzt die Araber«, heißt es zum Beispiel in einer der 14 000 Zuschriften, die Schwarz-Friesel gemeinsam mit dem Histo­riker Jehuda Reinharz im Rahmen ihrer 2013 erschienenen Studie zur »Sprache der Judenfeindschaft im 21 Jahrhundert« auswertet hat.

Diese und andere Adaptionen des Judenhasses, so die Autorin, beruhen auf Erfindungen, die den Juden angedichtet werden, um sie zum Sinnbild des Bösen zu stilisieren. Damit hat Judenfeindschaft eine metaphysische und die Welt interpretierende Dimension, die keinem anderen System von Menschenfeindlichkeit anhafte. Anders als andere Vorurteile ziele das Ressentiment Antisemitismus nicht auf einzelne Eigenschaften von Juden, sondern auf deren gesamte Existenz. Dass diese Einzig­artigkeit des judenfeindlichen Ressentiments oft nicht anerkannt, ­Antisemitismus stattdessen zu einer Form der »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« unter vielen reduziert werde, verhindere ebenfalls dessen effektive Bekämpfung.

Im Buch werden ganz unterschiedliche sprachliche Formen des antisemitischen Ressentiments untersucht. Dazu gehören auch die Relativierung des Holocaust durch Impfgegner, die sich mit Anne Frank vergleichen, mangelnde Empathie für Holocaustüberlebende und deren Nachkommen sowie das systematische Verschweigen von Errungenschaften jüdischer Menschen und das Herunterspielen von positiven ­Aspekten jüdischen Lebens.

»Das alte Gift des Judenhasses, es ist da, und es bleibt und breitet sich aus, wenn es keinen flächendeckenden, energischen und kompromiss­losen Widerstand« erfährt, warnt Schwarz-Friesel am Ende des Buches. Cancel Culture hält sie jedoch nicht für den richtigen Weg, um dem Antisemitismus entgegenzutreten. Vielmehr fordert sie eine Bewusstseinsveränderung und eine kommuni­kative Praxis, die allen Formen der Judenfeindlichkeit energisch widerspricht, anstatt sie zu bagatellisieren und als legitime Meinungsäußerungen zu rechtfertigen. Auch im Alltag sollte ein bewusster Umgang mit Sprache selbstverständlich sein. In einem Satz: »Niemand muss bei ­seiner berechtigten Kritik-, Kunst- und Meinungsfreiheit auf Dämonisierungen zurückgreifen, alte Klischees bedienen, tradierte Stereotype artikulieren, und niemand muss ­opferverhöhnende NS-Vergleiche benutzen, um Gehör und Aufmerksamkeit zu erhalten.«

Monika Schwarz-Friesel: Toxische Sprache und geistige Gewalt: Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen. ­Attempto-Verlag, Tübingen 2022, 228 Seiten, 17,99 Euro