Die Online-Schachplattform chess.com baut ihre Vormachtstellung aus

Unehrliche Schachmuster

Großmeister Hans Niemann hat zumindest beim Online-Schach betrogen. Allerdings gibt es auch bei der größten Schachplattform Merkwürdigkeiten.

Fest steht, dass der 19jährige Schachgroßmeister Hans Niemann häufiger, und dazu auch noch über einen längeren Zeitraum, bei Online-Turnieren betrogen hat, als er bislang zugab. Darüber hinaus schummelte er entgegen seiner eigenen Angaben sehr wohl auch dann, wenn es um Preisgelder ging. Kaum gesprochen wird allerdings darüber, wie die mittlerweile weltweit führende Online-Plattform chess.com mit ­ertappten Betrügerinnen und Betrügern umgeht.

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Ein erstes Anzeichen, dass Veränderungen anstehen, hätte die Schachwelt einem Tweet entnehmen können. Daniel Rensch, der Chief Chess Officer von chess.com, twitterte am 2. August: »Weekend plans changed and I’m heading from JFK to Miami to check out the #FTXCryptoCup!« Was daran so verwunderlich war? Das Turnier in Miami wurde von Chess 24 veranstaltet, dem Hauptkonkurrenten von Renschs Arbeitgeber. Teilnehmer dort war ­unter anderem der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen. Mit dessen Play Magnus Group (PMG) hatte Chess 24 im Frühjahr 2019 fusioniert. Der deutsche Großmeister Jan Gustafsson und der schachbegeisterte Investor Enrique Guzman, die Gründer von Chess 24, waren damit damals die größten Anteilseigner der PMG.

Drei Wochen später war dann auch klar, warum sich Rensch auf die Reise gemacht hatte. In einem gemeinsamen Video verkündeten er und ein sich sichtlich unwohl fühlender Carlsen, dass chess.com der PMG ein Übernahmeangebot in Höhe von rund 80 Millionen Dollar gemacht habe, das angenommen worden sei. Der Vollzug sei nur noch eine Sache von Wochen und eine Formalität.

Eine große Schachplattform veröffent­lichte private E-Mails, in denen Hans Niemann den Betrug einräumt.

Während für Carlsen, dem als größtem Einzelaktionär etwa zehn Prozent der Aktien von PMG gehören, ein großer Zahltag ansteht, wandelt chess.com seine Marktführerschaft nun in ein Monopol um. Schließlich umfasst das PMG-Portfolio neben Chess 24 die App »Play Magnus«, die Lehrplattform Chessable, den Verlag Everyman Chess und die weltweit beste Schachzeitschrift, New in Chess.

Die Domain chess.com hatte 1995 ursprünglich als Website eines Schachprogrammanbieters begonnen. 2007 wurde sie von den Internetunternehmern Erik Allebest und Jay Severson gekauft, die sie als soziales Medium für Schach neu auflegten. In den folgenden Jahren expandierte das Unternehmen durch Aufkäufe ähnlicher Seiten und Schach-Engines, 2020 erwarb chess.com schließlich die Streaming-Rechte für die im Schachweltmeisterschaft 2021.

Das Unternehmen hatte bereits vor dem pandemiebedingten Schachboom erkannt, wie wichtig das Streaming für die Sportart werden könnte, die Live-Streams des Weltklassespielers Hikaru Nakamura ­locken beispielsweise regelmäßig 30 000 Fans an. Auch der bekannteste deutschsprachige Streamer, Georgios Souleidis, der seit 2020 für den griechischen Schachverband antritt, ist dort unter Vertrag. Wer sich auf Twitch in den Schachkanälen bewegt, wird nur selten eine Übertragung ohne das Logo des Unternehmens finden. So hilft chess.com das Spiel populärer zu machen, erhält so aber selbstverständlich auch Reichweite und schafft Abhängigkeiten.

Aber zurück nach Miami. Denn beim FTX Crypto Cup spielte auch ein junger US-Amerikaner mit, der in den vergangenen beiden Jahren einen spektakulären Aufstieg hingelegt hatte: Hans Niemann. Obwohl Niemann ansonsten jedes seiner Spiele verlor, konnte er Carlsen immerhin in einer Partie besiegen. Sein Satz »Chess speaks for itself«, mit dem er anschließend einen Reporter stehen ließ, ist mittlerweile zur geflügelten Redewendung in der Schachszene geworden. Bemerkenswert ist auch, dass es bei diesem Turnier noch Partien von Carlsen und Niemann am Strand gab, die von Chess 24 für Werbezwecke genutzt wurden.

Die Abläufe danach sind weitestgehend bekannt: Beim Sinquefield Cup in St. Louis, Missouri, verlor der mit Weiß spielende Carlsen gegen Niemann und beendete danach seine Turnierteilnahme. In einem Tweet erklärte er sich mit einem beim Fußballtrainer José Mourinho entliehenen Zitat: »I prefer not to speak. If I speak out, I am in big trouble.« Carlsen machte damit deutlich, dass er seinen Gegner für einen Betrüger hält. Niemann verteidigte sich daraufhin in einem emotionalen Interview, gab zu, dass er auf chess.com in seinem Leben zwei Mal betrogen habe, allerdings nie bei Turnieren, in denen es um Preisgeld gegangen sei. Chess.com habe damals seinen Account gesperrt und ihn von dem größten Turnier des Jahres der Plattform ausgeladen.

Beim nächsten Aufeinandertreffen Mitte September mit Niemann gab Carlsen nach dem zweiten Zug seines Gegners auf. Am 26. September erschien endlich seine von allen erwartete Erklärung, der jedoch die Glättung durch Rechtsanwälte anzumerken war. Er glaube, so Carlsen, dass Niemann häufiger und vor allem auch in viel jüngerer Zeit betrogen habe, als er zugebe. Nie mehr werde er gegen ihn antreten. Bei der Partie in St. Louis habe Niemann ihn so ausgespielt, wie nur eine Handvoll Schachspieler der Welt es könnten.

Nach und nach war bekannt geworden, dass es bereits vor dem Turnier in St. Louis Vorbehalte anderer Spieler gegen den US-Amerikaner gab. Der WM-Herausforderer von 2018, Fabiano Caruana, berichtete, dass Carlsen bereits das Turnier ­absagen wollte, als er von Niemanns Einladung erfuhr. Jan Nepom­njaschtschij, Carlsens bislang letzter WM-Gegner, schilderte in einem ­eigenen Stream seine Zweifel daran, ob es bei Niemanns kometenhaftem Aufstieg mit rechten Dingen zugegangen sei.

Am 4. Oktober veröffentlichte chess.com endlich seinen Bericht zu Niemann. Öffentlichkeitswirksam waren die Ergebnisse vorab an das Wall Street Journal durchgestochen worden, das dann auch in entsprechend großer Aufmachung exklusiv die Ergebnisse des Reports vorstellte. Niemann hatte demnach in 102 Online-Partien betrogen (das letzte Mal im August 2020), darunter in Matches gegen Nepomnjaschtschij und auch in Preisgeldturnieren.

Zweifel an den Ergebnissen dieses Reports in Bezug auf die Online-Partien können ausgeschlossen werden – die Betrugsermittlung von chess.com gilt als die beste der Welt. Zudem wurden private E-Mails ­veröffentlicht, in denen Niemann den Betrug einräumt.

Problematisch ist allerdings der Umgang von chess.com mit erwischten Betrügern. Geben sie alles zu und versprechen, künftig ehrlich zu spielen, erhalten sie die Möglichkeit einer Neuregistrierung und der Fall wird nicht öffentlich gemacht. Wer dagegen darauf beharrt, nicht betrogen zu haben, bleibt ausgeschlossen – die Möglichkeit, dass die Betrugsermittlung sich irren könnte, wird nicht in Betracht gezogen.

So vertraulich scheint das aber nicht immer abzulaufen. Weltklassespieler Levon Aronian sprach davon, dass er von Mitarbeitern des Unternehmens Informationen über Niemann erhalten habe, die seine Meinung über ihn geändert hätten. Weiterhin gaben mehrere Spieler an, dass sie das Angebot hatten, bei Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung Einblick in die Liste der von chess.com erwischten Großmeister nehmen zu dürfen. Chess.com bestreitet allerdings kategorisch, dass es dieses Angebot gab. Auch Carlsen sei von ihnen im Kaufprozess der PMG nie über Niemanns Verhalten auf ihrer Plattform informiert worden.

Was aber immer noch fehlt, das sind Beweise, dass Niemann nicht nur online, sondern auch am Brett betrogen hat. Sein Sieg gegen Carlsen dürfte mittlerweile eine der am besten analysierten Partien der Schachgeschichte sein. Und fündig wurde dort bislang niemand, denn auffallend war vor allem Carlsens, ganz entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten, schwaches Spiel.
Ist Niemann also vielleicht doch unschuldig? So einfach ist es dann auch nicht. Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass Carlsen, dem sportlich in seiner Karriere nie etwas vorzuwerfen war, solche Vorwürfe äußert, ohne klare Indizien zu haben.

Die entscheidende Frage kam jedoch von Caruana: »Können die Schachspieler Hans als ihrem Gegner vertrauen?« In einem mit so viel Psychologie beladenen Sport wie Schach kann das Wissen um Niemanns vorangegangene Betrügereien die Leistung der Spieler so beeinträchtigen, dass diese nicht ihre volle Konzentration ans Brett bringen können. Bis zur vollständigen und eindeutigen Klärung bleibt bei seinen Gegnern wohl immer die Frage im Hinterkopf, ob sie gerade gegen den Großmeister oder einen Computer spielen – zumal es für einen Spitzenspieler keiner dauerhaften Unterstützung durch eine Maschine bedarf, sondern unerlaubte Unterstützung an zwei, drei zen­tralen Punkten der Partie vollkommen ausreichend ist.
Klar ist auch, dass chess.com mit seiner Macht als Online-Monopol der Schachwelt zukünftig transparenter, offener und verantwortungs­voller wird agieren müssen als bisher.